Ein technologischer Blick auf eine virtuelle Mitgliederversammlung auf Schalke

Aktuell wird viel über die Aussagen des Vorstandes in Fankreisen diskutiert, dass eine Mitgliederversammlung wohl nicht vor Ablauf der Saison 2020/2021 erfolgen wird. Der Verweis auf die Corona-Pandemie und gleichzeitig aber der Voraussetzung, dass man nur eine Präsenzveranstaltung in Betracht zieht, ist für viele unerklärlich und wirkt nach einer Ausrede.

Nachdem Kornelia Toporzysek bereits auf rechtliche Themen eingegangen ist, möchte ich mich eher von der technologischen Seite dem Thema nähern.

Zunächst zu den Annahmen: Bei den letzten Mitgliederversammlungen waren zwischen 8.000 und knapp 11.000 stimmberechtigte Mitglieder von den rund 165.000 Mitgliedern in die Veltins-Arena gekommen. Teils wurde in den letzten Jahren der „Event-Charakter“ eingeführt, um mehr die „breite Mitte“ der Mitglieder zu erreichen. Die Möglichkeit des Vorkaufrechts auf Eintrittskarten zu erlangen hat ebenfalls Mitglieder angelockt. Bei einer virtuellen Veranstaltung kommen nun eigene Effekte zum tragen: Da sind nun Mitglieder, die von der Technik abgeschreckt sein werden, andere, die bislang die Anfahrt an einem Tag nicht auf sich nehmen wollten. Diejenigen, die nun den Komfort schätzen und diejenigen, deren Schalke das alles nicht mehr ist. Da sind Fans, die aufgrund der aktuellen Situation zum ersten Mal dabei sein werden und Fans, die sich vom Verein abgewandt haben. Also mit wie vielen Mitgliedern ist zu rechnen? Kaum zu schätzen! Aber wir sollten davon ausgehen, dass es mindestens genau so viele wie sonst sind bis maximal doppelt so viele – also 10.000 bis 20.000 Mitglieder könnten es schon sein.

Welche Bedeutung hat dies für eine virtuelle Veranstaltung? Heutzutage sind Online-Veranstaltungen dieser Größenordnung kein Problem mehr. Live-Streams auf Twitch haben regelmäßig vergleichbare Zahlen (Quelle: https://twitchtracker.com/statistics). 2019 wurden sogar bis zu 4 Millionen Zuschauer bei einem einzelnen Event registriert (https://www.esports.com/de/vier-millionen-im-halbfinale-lol-worlds-pulverisieren-esport-zuschauerrekord-37563). Wichtig ist die Prognose der Teilnehmer aber für die richtige Wahl der Infrastruktur. Über Cloud-Cluster-Strukturen kann im Vorfeld ohne Probleme dafür gesorgt werden, dass dem Interesse Rechnung getragen wird und keine Verbindungsabbrüche zu erwarten sind. Bei einer virtuellen MV ist das Netzwerk-Problem wahrscheinlich heutzutage kleiner als bei einer Präsenzveranstaltung, da die Teilnehmer sich auf viele verschiedene Einwahlknoten verteilen. Warum es dann regelmäßig beim online Start des Kartenverkaufs zu Schwierigkeiten kommt? Weil dort technologisch die Herausforderung darin besteht, dass viele Anfragen in einer sehr kurzen Zeitspanne erfolgen und alle auf die gleichen Tickets zugreifen. Damit es dort nicht zu massenhaften Fehlern kommt, bekommen nur wenige User gleichzeitig einen Zugang. Ein sehr sehr großer Trichter also, bei dem hunderttausende versuchen gleichzeitig Zugang zu erhalten, aber nur wenige rein kommen. Bei einem Live-Stream hat man diese Themen nicht.

Ein weiterer zentraler Aspekt sind die Abstimmungen und damit die Sicherheit des Zugangs. Man unterscheidet dabei unter anderem in den wichtigen Punkten Authentizität, Integrität und Verbindlichkeit. Weitere Punkte des IT-Datenschutzes sind ebenfalls von Bedeutung, seien hier aber mal kurz außen vor gelassen. Die Authentizität, sprich die Echtheit und Glaubwürdigkeit, um welche Personen es sich handelt, wird über vorher verschickte Personenbezogene Zugangsdaten an die Mitglieder gewährleistet. Integrität, als letztendlich die Sicherheit, dass eine Abstimmung nicht manipuliert werden kann, und die Verbindlichkeit, als dass elektronische Abstimmungen nicht mehr veränderbar und bindend sind, können geschlossene IT-Systeme und Anwendungen heutzutage ebenfalls ohne Probleme gewährleisten. Ein einfaches Beispiel sind hier Börsentransaktionen, die eine enorme hohe Anforderung diesbezüglich haben und bis auf sehr gezielte Hackerangriffe keine Probleme im Onlinegeschäft haben. Es gibt auch mittlerweile viele Anbieter wie z.B. Event-Tech-Partner, Voting-Partner, Polyas. Fortuna Düsseldorf hat es im Dezember 2020 auch vor gemacht: Hier wurde die Abstimmungs-Software „Lumi“ gewählt – ein Marktführer in diesem Bereich. Die CDU wird ebenfalls in 2021 einen Online-Parteitag durchführen. Dort ist das Prozedere wie folgt geplant: Eine Abstimmung findet online statt. Im Anschluss erhalten die Mitglieder per Post Unterlagen, bei denen sie die Wahlsieger nochmals schriftlich bestätigen sollen. Hier will man auf Nummer sicher gehen. Aber notwendig scheint das nicht zu sein. Die Unternehmens- und Wirtschaftsberatung Deloitte hat die wichtigsten Fakten hierzu auch kurz und knapp zusammengefasst (https://www2.deloitte.com/dl/de/pages/legal/articles/virtuelle-mitgliederversammlung-vereine.html) und kommt dabei auch zu dem Ergebnis, dass technische und gesetzliche Anforderungen für Vereine umsetzbar sind.

Was ist mit der Interaktion der Mitglieder? Jeder der in den letzten Monate im Home Office mit Kollegen interagiert hat weiß mittlerweile, dass es hier zahlreiche Möglichkeiten gibt. Neben einem „TV“-Bild ist es zum Beispiel möglich in allen Standard-Programmen von Microsoft TEAMS über ZOOM oder Ähnliche an Chats teilzunehmen, virtuell „die Hand zu heben“ für einen Redebeitrag etc. Zudem kann auch das Anmelden von Redebeiträgen im Vorfeld erfolgen. Oben genannte Tools für Online-Events haben zudem vielfache Möglichkeiten der Moderation solcher Interaktionen.

Ich habe hier mit Sicherheit nur einen Auszug der Aspekte aufgegriffen, die für mich naheliegend in der Betrachtung waren. Aber schon hier wird meiner Meinung nach sehr gut sichtbar: Es haben sich schon viele Vereine auf den Weg gemacht und erfolgreich Veranstaltungen durchgeführt. Es haben sich schon viele Menschen damit beschäftigt und halten es für möglich. Und: Es gibt sogar einen Markt von Agenturen/Unternehmen, mit denen man zusammenarbeiten könnte. Also: Warum denn nicht? Ich sehe keinen Grund!

20.12.2020, André Voller