Entlebt

Es gab keinen Knall. Keinen Trommelwirbel. Kein Ereignis. Es gab nur diesen einen Moment der Klarheit. Es war der 25.10.2020. Meine Mutter hatte am Vortag Geburtstag. Ich war nicht dort, die geplante Feier wurde abgesagt, weil kurz zuvor die Zahlen der Coronaerkrankten drastisch stieg. Da ist man vernünftig, auch wenn es für meine Mutter sehr traurig war. Ich blieb den ganzen Tag zu Hause. Und machte Eintopf.

Aber zurück zum 25. Oktober. Zu dem Moment. Ich saß im Auto, auf der Rückfahrt aus Mülheim an der Ruhr. Dort haben wir Freunde besucht, die einige Zeit zu früh ihren Nachwuchs bekommen haben und nun keine Zeit fanden, sich um die simpelsten Dinge zu kümmern. Essen machen zum Beispiel. Und dies war der Grund, warum ich am Vortag Eintopf machte.

Da sind wir ja schon wieder beim Samstag. Ich musste ganz schön viele Kartoffeln und Möhren schälen. Ich hätte Radio dabei hören können. Habe es aber nicht. Hätte ich vielleicht, wenn ich eine Ahnung gehabt hätte. Sicher bin ich mir aber nicht.

Und damit wieder zum Sonntag. Ich fuhr also so im Auto. Ohne Eintopf. Aber mit Radio. Und als auf WDR 4, der Sender, den ich mittlerweile am liebsten höre, irgendwas auf Kölsch kam, musste ich – wie immer wenn das passiert – auf einen anderen Sender umschalten. Ich habe sowas wie eine Kölschallergie. Sowohl sprachlich, als auch kulinarisch.

Jedenfalls schaltete ich – es war mittlerweile früher nachmittag – auf WDR 2, und – ihr ahnt es – es lief eine Fussballübertragung. Fussball. Da fiel er mir wieder ein. Ich hatte seine Existenz schlicht vergessen. Und natürlich drängte sich mir dann ein brachialer Gedanke auf. War nicht Derby? Und noch schlimmer: Oder ist das heute erst? Ich hatte also nicht nur vergessen, dass Derby ist, sondern auch wann. Ich konsultierte per Sprachsteuerung meine gute Freundin Google. Sie hatte mir – ihr wisst es – nur Ernüchterndes zu berichten.

Tja, und das war der Moment. Ich sagte ja, eher unspektakulär. Aber weitreichend. Also da ist dieser Blogger, also ich, der Verfasser dieser Zeilen. Dieser hat seit nunmehr 11 Jahren – also in dem Zeitraum, in dem das Web 0.4 besteht, kaum ein Spiel, nicht mal eine Pressekonferenz verpasst. Und wenn doch, dann war es irgendwas mit Kindern. Die gehen einfach vor. Aber selbst dann wurde ein Spiel meist zeitverzögert angeschaut.

Und dieser Typ fährt da jetzt im Auto und wusste einfach nicht, dass das Derby schon stattgefunden hat. DERBY!!! Ich denke seit diesem Tag sehr viel darüber nach. Was passiert ist, warum das so ist. Warum habe ich seit Wochen keine Nachrichten über den S04 gelesen? Warum lebe ich Schalke nicht mehr? Und die Antwort heisst – glaube ich – Beliebigkeit.

Meine Texte – das habe ich mir zumindest sehr oft sagen lassen – leben von der Emotion. Aber was, wenn da kaum welche sind? Wenn ich mich an den Computer setze und mich das Gefühl beschleicht, dass ich genau so gut über Hoffenheim oder die Nationalmannschaft schreiben könnte? Wenn sich das nicht mehr wie ein Teil von mir anfühlt? Und ich kein Teil mehr zu sein scheine?

Und dann denke ich. Und denke, denke, denke. Was macht denn Schalke besonders und warum ist es nicht mehr da. Und vielleicht ist die Antwort am Ende viel simpler als die viele Grübelei vermuten lässt.

Wenn man keinen Assauer mehr hat, und keine Eurofighter, keinen Ebbe Sand und keinen Raúl, dann ist alles was noch bleibt Schalke selbst. Aber Schalke ist nicht seine eigene Tradition. Schalke ist nicht eine Mannschaft. Schalke ist keine Farbe und Schalke ist kein Emblem. Schalke ist kein Metzgermeister und Schalke ist kein Funktionär. Schalke sind Fans. Viele Fans. Und die sind nicht da. Seit einer Weile nicht. Sie sind in ihren Wohnzimmern. An ihren geheimen Treffpunkten. Sie sind im Netz oder am Telefon. Aber sie sind nicht auf Schalke. Sie machen den geilsten Club der Welt gerade nicht zum geilsten Club der Welt.

Und dann bleibt plötzlich nur eine leere Hülle. Mit milchgesichtigen Millionären, aalglatten Sportvestehern und anderen um jeden Preis heterosexuellen Männern, die immer noch viel Geld verdienen, obwohl gerade keins da ist.

Dieses Schalke kann ich nicht leben. Diesen Fussball will ich nicht haben. Weckt mich, wenn der Frühling kommt.

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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