Schalke 04 – Ein neuer Claim muss her

Ab und an erreichen das Web0.4 auch Gastkommentare, so wie dieser hier von unserem Leser Andreas, den wir euch nicht vorenthalten möchten. Der Inhalt kann, muss aber nicht die Meinung des Web0.4 beinhalten. (In diesem Fall unterschreibe ich aber fast alles!) Viel Spaß beim lesen!

Diese Tage sind nicht einfach für Fans des FC Schalke 04. Das hat erstens mit der sportlichen Situation, zweitens mit dem Umgang des Vereins mit seinen Angestellten und drittens mit der Kommunikation und Außendarstellung zu tun. All dies in Zeiten einer Pandemie mit all ihren Auswirkungen auf die gesamte Bevölkerung ist sicherlich nicht einfach auszuhalten.

Manchmal wünsche ich mich in die Anfangszeiten meines Fan-seins zurück. Die 1970er Jahre mit Pokalsieg, knapp verpassten Meisterschaften und Idolen wie Nigbur, Rüssmann, Fichtel, den Kremers-Zwillingen und dem fallrückzieherndem Klaus Fischer. Das waren für den jungen Andreas in der nordhessischen Provinz tolle Zeiten und der Spaß an Fußball und Schalke war groß! Dann kamen die Fahrstuhljahre mit Spielen gegen Union Solingen, Wattenscheid, KSV Hessen Kassel und Spielvereinigung Bayreuth – ja das waren aufregende Zeiten. Nicht immer schön, aber im Rückblick vielleicht sogar die ehrlichsten Zeiten.

Mit Beginn der 1990er Jahre etablierte sich Schalke im Oberhaus und der Höhepunkt für alle Schalker war der Gewinn des UEFA-Cups, blau-weiß im kollektiven Freudentaumel. Rudi und Huub als kongeniale Partner und die Schalkewelt war in bester Ordnung. Seit den 2000ern bewegte sich der Verein in höchsten Fußballsphären, die Ansprüche wuchsen und der Verein veränderte sich. Seit 2003 wurden folgende Trainer beschäftigt: Neubarth, Wilmots, Heynckes, Achterberg, Rangnick, Reck, Slomka, Büskens, Rutten, Büskens, Magath, Eichkorn, Rangnick, Eichkorn, Stevens, Keller, Di Matteo, Breitenreiter, Weinzierl, Tedesco, Stevens und Wagner (wer noch einen findet, darf ihn behalten) Trainer kommen – Trainer gehen! Inclusive Rudi Assauer durften sich in dieser Zeit sechs unterschiedliche Manager am Trainer-wechsel-Dich-Spiel beteiligen. Diese Zeit war geprägt von großen Wünschen und Zielen. Im Selbstverständnis vieler Vereinsverantwortlichen und auch vieler Fans gehört Schalke nach oben, nach ganz oben. Es wurde viel investiert in Beine und „Stars“, die gerne auf Schalke spielten und verdienten.

Wir Fans erfreuten uns an unzähligen Reisen durch ganz Europa von Trondheim bis Porto und von Haifa bis Manchester war kein Stadion vor uns sicher. Wir spielten gegen die großen Vereine und waren dabei im Konzert der ChampionsLeague! Wir waren stolz und glücklich über diese Erfolge und sangen unsere Lieder und begleiteten die Mannschaft durch die weite Welt!

Alles in rosa-rot, nein natürlich in blau und weiß! Wir freuten uns über die Jungs aus der Knappenschmiede, die in die Profimannschaft kamen und dort zu richtig geilen Kickern wurden (Özil, Höwedes, Neuer, Draxler, Meyer, Matip, Fährmann, Kolasinac, Sane…) Das alles war so unglaublich großartig, teilweise spielten bei uns im Team sieben in der Startelf, die selbst geschmiedet waren! Der Verein wuchs, die Mitgliederzahlen wuchsen, die Ansprüche wuchsen! Alle Zahlen entwickelten sich nach oben – Merchandise, Umsatz, Gewinne und Schulden! Schalke wurde zur Marke und ging immer mehr an den Markt. Trainingslager auf der ganzen Welt statt in Belek oder Klagenfurt. Sponsoren weltweit und Vermarktungsstrategien. Der Fan erlebte den Kumpel- und Malocherclub, Wir leben Dich, Weil Fußball. Tradition und Moderne sollten verbunden werden und den Kitt zwischen Verein und Fans bilden. Der Verein erarbeitete ein Leitbild mit seinen Fans und stellte klare Regeln für das Miteinander auf.

Was ist davon noch geblieben, wenn wir auf die jüngere Vergangenheit schauen? Auf Schalke gibt es selten Ruhe, der Verein schafft es nicht eine Konstanz in die sportliche Leitung zu bringen, es gibt kein nachhaltiges Konzept für die sportliche Entwicklung. Der Aufsichtsratsvorsitzende äußert sich auf einer Unternehmerveranstaltung respektlos, Stereotype nutzend und rassistisch gegenüber Bewohnern eines ganzen Kontinentes. Der mediale Aufschrei hallt weit durchs Land und trifft auch den Verein hart. Wir haben ja ein Leitbild und der Ehrenrat handelt – nach Vorschlag des Beschuldigten muss dieser drei Monate sein Amt ruhen lassen und darf pausieren. Nach dieser Zeit dreht der Verein ein Video und im Gespräch wird über Enkelkinder, Bartwuchs und andere Belanglosigkeiten geschwätzt – zum Kern der Sache fallen lapidare Aussagen und es findet keine echte Auseinandersetzung mit den Vorwürfen statt, sondern es wird festgestellt, dass es doch nicht so gemeint war und die Aussagen missverstanden worden sind.

Dann kommt Corona und Schalke fehlen TV-Einnahmen, weil Spiele nicht stattfinden. Angst geht um. Der Verein dreht Videos mit zwei Vorständen und beantwortet ausgesuchte Fragen von Fans, um diese über die finanzielle Lage des Vereins aufzuklären und zu informieren. Die befürchtete Pleite bleibt erst einmal aus, es finden Geisterspiele statt und die TV-Gelder werden gezahlt. Das Hygienekonzept der DFL wird von der Politik genehmigt – viele Fans stehen den Geisterspielen eher ablehnend gegenüber, sie werden wohl der finanziellen Situation geschuldet hingenommen. Die Profis und der Vorstand verzichten auf Teile ihres Gehaltes. Mitarbeiter des Vereins werden in Kurzarbeit geschickt. Es finden Umstrukturierungen statt und der langjährige Pressesprecher wird durch einen Bild-Journalisten ersetzt. Im Rahmen der prekären Situation löst auch der Vorstand Finanzen seinen Vertrag vorzeitig zum 30.06.2020.

Als Höhepunkt der finanziellen Schieflage wird der Fahrdienst der Knappenschmiede aufgelöst und die geringfügig beschäftigten Mitarbeiter werden gekündigt. All dies wird von vielen Medien gerne aufgenommen und verbreitet sich bei der Vielzahl von Schalke- Fans natürlich rasend schnell. Es folgen in den Social-Media-Kanälen viel unschöne Kommentare und teilweise Beschimpfungen – besser kann die Außendarstellung nicht sein! Die Tradition für die Schalke stehen soll als Kumpel- und Malocherclub mit den werbewirksamen Sprüchen „Wir leben Dich“ oder „Weil Fußball“ sind momentan weit entfernt von der Realität und als Marketingmaßnahme enttarnt. Es ist vielleicht auch realitätsfern über Tradition zu reden. Schließlich handelt es sich beim FC Schalke04 um ein Wirtschaftsunternehmen, dessen verzweigte Tochtergesellschaften nur noch Insider überblicken. Welche Gesellschaft gehört wem, wer ist Kommanditist und wer Komplementär. Bilanzfachleute mögen dieses Konstrukt durchschauen können, der fußballinteressierte Fan hat da sicher schon Probleme.

Es geht um Profi(t)fußball und wie dieser wirtschaftlich überleben kann. Als Traditionalist und skeptischer Fan schlage ich daher einen verbindenden neuen Claim vor:

WEIL KOHLE!

Diese Aussage verbindet das Ruhrgebiet und Gelsenkirchen mit dem FC Schalke04 und hilft sicherlich auch bei den vorbereitenden Maßnahmen zu einer möglichen Ausgliederung. Damit wird dem Fan vorgegaukelt, dass es um die Kumpel und die stillgelegten Zechen geht, der Investor versteht die Aussage dementsprechend anders! Persönlich hoffe ich sehr, dass viele Fans auch weiterhin kritisch und mit großem blau-weißem Herzen ihren Verein unterstützen und sich die Frage stellen, wer trägt wofür welche Verantwortung. Wir Fans und Mitglieder müssen Sorge dafür tragen, dass verantwortungsvoll gehandelt wird und dieses Handeln auch immer wieder hinterfragen und konstruktiv begleiten. GEmeinsam sind wir stark! Fordern wir Transparenz und Informationen über unseren Verein von den handelnden Personen, gestalten wir satzungsgemäß mit, was möglich ist und klären wir auf, wo es nötig ist. Nur so schaffen wir es, dass Tradition und Moderne verbunden bleiben.

Henning

Fakten:
Movember-Beauftragter | Jahrgang '79 | Wohnhaft in Herne, der Perle Westfalens | Enkelaus Kohle und Stahl | Unheilbar 19. Mai-geschädigt | Meister 20..
Henning

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