Stell dir vor, es ist Derby und niemand schaut zu

Es wäre schön, aber ich weiß, dass das ein Wunschtraum bleiben wird. DFL, Sky und die TV-sowie Printmedien werden den Restart der Bundesliga schon ordentlich vermarkten. Durch die Übertragung im Free-TV wird es sicherlich einen neuen Zuschauerrekord bei der Konferenz geben, der auch entsprechend so dargestellt werden wird. Offizielle werden von „einem weiteren Schritt zurück zur Normalität“ sprechen und die Spieler werden kollektiv ein „es ist ein gutes Gefühl, wieder auf dem Platz zu stehen“ in die Mikrofone heucheln. Traurig, aber wohl leider wahr.

Ich finde das alles ziemlich unerträglich. Die Situation ist in etwa so, als würde man seinen Partner mit dem besten Kumpel im Bett erwischen. Und die beiden würden nicht etwa aufhören, sondern sagen: „Wir sind fast fertig, lass uns das eben noch zu Ende bringen. Warte du derweil doch bitte im Wohnzimmer. Über die Webcam kannst du uns aber zugucken, wenn du willst. Und denk dran, ich tue das auch für dich. Er/sie bezahlt mich nämlich. Bis gleich!“ Manch einen würde diese Situation wahrscheinlich sogar scharfmachen, das möchte ich gar nicht bezweifeln. Der ein oder andere wartet dann tatsächlich im Wohnzimmer, um das ganze Szenario in Ruhe zu durchdenken und zu besprechen. Ein anderer würde beide an ihren Genitalien auf die Straße zerren und verprügeln. Die meisten aber werden sich angewidert abwenden und denken: „Das war es jetzt mit uns!“

Es ist gar nicht so einfach, sich für eine dieser Gruppen zu entscheiden. Im Augenblick sitze ich im Wohnzimmer und denke nach. Irgendwie bin ich ja auch ein wenig selbst schuld an der Situation. Jahre- bzw. jahrzehntelang habe ich das Produkt Bundesliga durch meine Eintrittsgelder und mein Pay-TV-Abo zu dem gemacht, was es heute ist. Ich ertrage Sponsorennamen an Stadi… Entschuldigung, Arenen, ich ertrage Böklunder-Boxen, ich ertrage Halbzeitshows und hab sogar mal am Veltinsspiel vor dem Anpfiff teilgenommen, bei dem man vom Elfmeterpunkt auf übergroße Kronkorken schießen muss (Spoiler: Zwei Punkte geholt und gewonnen!).

Ich ertrage die immer weiter steigenden Gehälter und Ablösesummen und bin trotzdem da. Diese Gehälter werden unter anderem durch zweifelhafte Sponsoren ermöglich, die ich allerdings auf meinem Trikot spazieren trage. Ich spüre, wie unerwünscht ich bei vielen Vereinen als Auswärtsfan bin und fahre trotzdem immer wieder hin. (Zweiter Spoiler: Auch mein Verein ist in Fankreisen nicht gerade als Gästefanfreundlich bekannt.) Ich habe in vianogo-Zeiten erlebt, wie mein Verein mit kritischen Mitgliedern umgegangen ist und diese vom Vereinsgelände geschmissen hat. Mitglied bin ich trotzdem noch. Ich ärgere mich über die Misswirtschaft eines Vereines mit 275 Millionen Euro Umsatz, der schon nach zwei Wochen ohne Spielbetrieb in Existenznot gerät. Und ich schäme mich fremd für das Gestammel unseres Finanzvorstandes in einer (vereinseigenen!!!!) Talkrunde auf YouTube, auf die man sich tagelang vorbereiten konnte. Und trotzdem verzichte ich auf die Erstattung meiner Dauerkarte, um dem Club zu helfen.

Ja, ich habe also auch durch mein persönliches Verhalten einen Teil dazu beigetragen, dass die Situation zu der geworden ist, die wir nun vorfinden. Aber es schwarz auf weiß serviert zu bekommen, ist trotzdem nochmal der berühmte Schlag in die Fresse. Der Fan ist nicht wichtig.

Halt nein, das stimmt so nicht. Der Fan ist als TV-Konsument wichtig. Davon kann es nicht genug geben, damit die verarmten Millionäre auf den Funktionärsstühlen weiter mit den Millionen um sich werfen und die verarmten Millionäre auf dem Rasen weiterhin mit einem fürstlichen Gehalt ausstatten zu können. Der Fan ist auch im Stadion wichtig, aber nicht, weil er da sein möchte und seine Fussballleidenschaft so ausleben kann, wie es ihm gefällt, sondern um das Produkt Bundesliga so zu vermarkten wie es sein soll: Stimmungsvoll, linientreu, Meinungs- und skandalfrei. Aber ansonsten können DFB und DFL tatsächlich auf mich verzichten. Andere Sportarten, die auf Zuschauereinnahmen angewiesen sind, haben Ihre Saisons abgebrochen. Die DFL macht weiter. Ohne mich. Aber angeblich auch für mich. Und für die vielen Arbeitsplätze. (Dritter Spoiler: Das ist so ziemlich der größte Hohn. Klar, gäbe es die Bundesliga nicht, würden viele-im Übrigen sicher nicht besonders hochbezahlte- Jobs wegfallen. Aber gerade diese Aushilfskräfte, im Catering oder im Ordnungsdienst, die das Geld dringender benötigen als Spieler X vom Verein Y, haben von Geisterspielen nicht einen Cent mehr in der Geldbörse. Es profitieren wieder nur einige wenige.)

Dafür gibt es jetzt ein zweifelhaftes Hygiene-und Gesundheitskonzept, welches in der ein oder anderen Kabine mit Füßen getreten (oder besser ausgedrückt: mit Händen geschüttelt) wurde. Spielern – Beispiel 1. FC Köln – die sich kritisch äußern, wird ziemlich schnell ein offizieller Maulkorb verpasst. Ein dauerhafter Kita- oder Schulbetrieb ist zu gefährlich, im Restaurant darf mir niemand näher als zwei Meter kommen, im Supermarkt trage ich eine Maske, aber die Bundesliga kann spielen, die Spieler können Zweikämpfe bestreiten, sich bei Ecken im Strafraum nahkommen oder nebeneinander in der Freistoßmauer stehen. Verrückt, skurril, aber wahr. Warum also sitze ich immer noch hier im Wohnzimmer und denke über alles nach, anstatt das Kapitel DFB und DFL und damit unwillkürlich auch S04 einfach hinter mir zu lassen?

Tja, weil ich nicht kann, jedenfalls noch nicht. Wir hatten ja nicht nur scheiß Zeiten. Und vieles von dem ganzen Konstrukt macht mir ja auch eine Menge Spaß. Der Freundes-und Bekanntenkreis besteht zum großen Teil aus anderen Schalkern. Es gibt doch nichts Schöneres, als an einem sonnigen Frühlingstag zum Stadion zu fahren, Freunde zu treffen, ein Bierchen zu trinken, ein bisschen Mist zu erzählen, viel zu lachen und dann am Ende des Tages die Bayern mit 5:0 nach Hause zu schicken. (Spoiler 04: Ja ich weiß selbst, wie unrealistisch das ist. Natürlich ist es mehr als ein Bierchen….). Diese unfassbaren Momente wie Levans 19:04 Minuten Tor oder der Ausgleich von Naldo in der Wellblechhütte aber auch dieser Schmerz vom 19.05.2001 sind untrennbar mit dem FC Schalke und daher eben auch mit dem Produkt Bundesliga verbunden. Unzählige Heimspiele, viele Auswärtsfahrten. Unglaubliche Anekdoten, skurrile Typen. Wut, Trauer, Freude, Enthusiasmus, Enttäuschung, Hoffnung. Alles Empfindungen, die dir in so einem Fussball-Fanleben über den Weg laufen. Und die man -eigentlich- nicht missen will. Aber eben nicht für jeden Preis.

Wie soll es jetzt weiter gehen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Zeit nach Corona nicht mehr so sein wird wie vor Corona. Denn selbst wenn man dem Partner irgendwie verzeiht und sich zusammenrauft. Viele Sachen an der Beziehung sind einem halt auch zu wichtig, als dass man drauf verzichten mag. Aber irgendwas bleibt hängen. Oli4 hat mal auf einer Mythos Tour (letzter Spoiler: Macht die, wenn es wieder geht. Lohnt sich) zu mir gesagt: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.“ Mein Verein kämpft um die Existenz. Samstag ist Derby. Egaler war es mir nie.

Henning

Fakten:
Movember-Beauftragter | Jahrgang '79 | Wohnhaft in Herne, der Perle Westfalens | Enkelaus Kohle und Stahl | Unheilbar 19. Mai-geschädigt | Meister 20..
Henning

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