Oberste

An normalen Tagen stehe ich um 5:30 Uhr auf, trinke zwei Tassen Kaffee, ziehe mich an, nachdem ich im Bad war natürlich, gehe eilig zur Bushaltestelle und steige um 6:54 Uhr in den pünktlichen Bus. Oder ein, zwei, drei Minuten später in den etwas unpünktlichen Bus. Manchmal auch zehn Minuten später in den sehr unpünktlichen Bus. Meist bin ich selbst dann nicht so ganz pünktlich um 8:00 Uhr an meinem Schreibtisch, sondern irgendwas zwischen einer und und zwanzig Minuten zu spät. Das hängt natürlich einerseits davon ab, wie pünktlich der Bus bei mir ankommt, andererseits auch vom Verkehr auf dem Weg. Wenn Schulferien sind, geht es meist. Sonst steht die Bochumer Königsallee aber auch gerne mal proppelvoll mit einzelnen Menschen in absurd großen Autos, aber das soll hier nicht das Thema sein.

Auf jeden Fall laufe ich morgens ein paar Minuten, viele sind es wirklich nicht, zur Bushaltestelle und in Bochum dann auch noch mal so etwa zehn Minuten zur Arbeit. Ich könnte da noch mal in einen anderen Bus steigen, aber come on. Viel an Weg sind die beiden Strecken zur Bushaltestelle und zur Arbeit zusammen genommen nicht, aber so ein bisschen durch die Gegend laufen, wenn es gerade nicht in Strömen regnet, wirkt morgens schon ganz erfrischend.

Weil ich es nach der Arbeit oft nicht schaffe, meinen Bus zu bekommen – die haben den Plan geändert und nun passt es einfach gar nicht mehr, wenn ich zur vollen Stunde den Stift fallen lasse – und der Bus nur stündlich kommt, schlendere ich bei schönem Wetter auch gerne noch ein bisschen durch die Gegend, mal so ein wenig außerhalb, mal durch die Innenstadt, Buchladen gucken, Brötchen kaufen, in den Park setzen, sowas. Da kommt über den Tag schon ein bisschen was an Bewegung zusammen, die einfach so nebenbei passiert. Vom Schreibtisch stehe ich ja tatsächlich auch manchmal auf.

Aktuell klingelt mein Wecker um viertel vor 7. Dann wache ich genervt auf, mache mir einen Kaffee, den ich im Bett trinke und schleppe mich mit einem weiteren, frischen Kaffee an den Schreibtisch. 7:30 Uhr. Ich schlafe über eine Stunde länger und bin mindestens eine halbe Stunde früher am Schreibtisch. Cool, oder? Naja. Die Wahrheit ist, es ist fürchterlich. Genauso fürchterlich, wie morgens stundenlang im Bus zu sitzen. Oder fürchterlicher, weil Busfahren mir wenigstens die kleinen Spaziergänge beschert. 

Es gibt aktuell also Tage, eigentlich alle, an denen ich bis nachmittags nicht weitergelaufen bin als ein paarmal in die Küche und ins Bad. Wie ich außerdem feststellen musste, ist mein heimischer Schreibtischstuhl cool, um mal eine Mail zu schreiben oder einen kleine Text, stundenlang drauf sitzen in Kombination mit wenig Bewegung sind aber auf jeden Fall Gift für den eh schon zerschundenen Rücken. Also versuche ich, täglich am frühen Abend noch eine kleine Runde durch die Nachbarschaft zu drehen. Die Nachbarschaft bedeutet hier entweder in den nahe gelegenen Wald, oder zumindest etwas ähnliches, oder über den sogenannten Höhenweg zu laufen, von dem man eine ganz nette Aussicht über die kleine Ruhrgebietsrandstadt hat. Manchmal, wenn der Drang ganz groß ist, gehe ich aber auch schon mal größere Runden. Neulich habe ich mich beispielsweise auf den Weg ins Nachbarörtchen zu einem Freund und seiner Familie gemacht, um frischgebackene Donuts vorbeizubringen. Einfach nur, um mal woanders hinzulaufen. Und ein Ziel zu haben. Die Donuts waren nur möglich gewesen, weil er mich ein paar Tage früher mit einem großen Hefeblock versorgt hatte. Dividende, also.  

Zu ihm ist es ein ziemliches Stück Fußweg, vielleicht so etwas weniger als eine Stunde. Man kann verschiedene Routen nehmen, entweder den etwas schöneren, aber weiten Bogen über den eben erwähnten Höhenweg, oder mehr oder weniger quer durch Industriegebiete, an Bundesstraßen entlang, durch Wohngebiete. Kurz vorher gibt es aber die Möglichkeit durch einen für unsere Verhältnisse großen Park zu laufen. Tatsächlich besteht der sogar aus mehr als einer Wiese, auf die die Anwohner ihre Hunde scheißen lassen, was für diese Stadt fast eine Sensation ist: Ein großer Spielplatz, diverse Rasenflächen, angrenzende Tennisplätze von einem der noch immer irgendwie vorhandenen Tennisvereine, der alte Rasenplatz des örtlichen Fußballklubs, eine Minigolfanlage und: ein althergebrachter Bolzplatz, begrenzt von einem Käfig. Nostalgie pur.

Als mein Bruder und ich Kinder waren, hat meine Familie hier ganz in der Nähe gewohnt und als wir zwei – für den Geschmack unseres Vaters viel zu spät – endlich das Fußballspielen für uns entdeckt hatten, haben wir jede freie Minute hier verbracht und mit wem auch immer, der gerade da war, zufällige Teams gebildet und gespielt, gespielt, gespielt, die Käfiggitter zu scheppern und vibrieren gebracht, Lattenschießen, Königsschießen, schießen, schießen, schießen. Keiner weiß mehr, wie viele Stunden wir da verbracht haben. Es müssen unzählige gewesen sein. Manchmal, wenn es geregnet hat, und sich außer uns niemand dorthin verirrte, haben wir uns durch ein Loch im Zaun des benachbarten Vereinsrasenplatzes gequetscht und auf ein Tor gespielt, bis uns der Platzwart entdeckt und verjagt hat. Na gut, ich glaube, das ist tatsächlich nur ein einziges Mal passiert.

Auf dem Platz waren damals, so weit ich das in Erinnerung habe, zwei Vereine beheimatet, die später fusioniert sind: Sportfreunde und Null-Sechs. Einmal bin ich mit meinem Bruder in der Nähe durch die Straße gegangen. Offenbar hatten wir irgendwelche Fußballklamotten an, waren also als Fußballer zu erkennen. Auf jeden Fall sprachen uns irgendwelche deutlich älteren Jugendlichen, vermutlich von Null-Sechs an. “Seid ihr Sportfreunde???” Ohje, jetzt gibt sicher auf die Fresse, dachte ich. Aber mein Bruder meinte nur im Vorbeigehen “Nee, Brüder.” und hat die Typen verdutzt stehengelassen. Und mich beinahe auch. Von dem Verein Sportfreunde hatte er offenbar noch nie gehört. Wieso auch, wir waren ja die Käfigkinder. 

Später sind wir dann etwas weiter raus aufs Land gezogen und der Käfig war nicht mehr so gut zu erreichen. Aber da gab es natürlich Abhilfe. Und was für eine: Ein Schulfreund, der in der Nähe wohnte, kannte einen ganz besonderen Platz: Fünfzehn Minuten über die Landstraßen mit dem Rad fahren, in einen Wald rein, bergauf, bergauf, bergauf, über einen Bachlauf, durchs Gebüsch schlagen und da war sie: Eine Lichtung, freies Feld, mehr Acker als Wiese, links ein simpel gebautes Holztor, rechts ein simpel gebautes Holztor. Viel größer als die Tore auf dem Bolzplatz, viel echter, viel näher an den Toren vom richtigen Fußball. Wer diese Tore aufgestellt hatte? Keine Ahnung. Wem der Platz gehörte? Ich weiß es nicht und wusste es auch nie.

Dieser Ort kam mir neulich plötzlich wieder in den Sinn, als ich über den Höhenweg lief. Ich hatte ihn eigentlich schon wieder völlig vergessen, aber während einer kurzen Pause hatte ich mich auf eine Bank gesetzt und ins Tal gegenüber der Stadt geschaut und da fiel er mir plötzlich wieder ein. Eigentlich hätte man ihn von hier sehen können müssen, aber ob es ihn überhaupt noch gab? Sicher waren die Tore inzwischen weg, das ganze zu echter Ackerfläche umgewandelt.

Irre, dass man sowas einfach vergisst, so schöne Plätze, so eine schöne Zeit. Hier haben mein Bruder und ich bestimmt ebenso viele Stunden wie im Käfig verbracht: Nach der Schule aufs Fahrrad und los, irgendwer war meist auch schon da. Ob man sich damals mit mehr als zwei, drei Leuten verabredet hat? Keine Ahnung, aber irgendwie waren immer genügend Spieler am Platz, um zwei Mannschaften zu bilden, oder zumindest mit zwei Teams auf ein Tor zu spielen. Ich weiß auch gar nicht mehr, ob die Tore Netze hatten. Ich glaube eigentlich nicht. In meiner Erinnerung musste man auf jeden Fall immer unfassbar weit laufen, um den Ball zu holen, wenn er nicht ausgerechnet die Latte oder einen Pfosten getroffen hatte. Ein Teil der Schwierigkeit, und das habe ich noch gar nicht erwähnt, war, dass der Platz an einem, ich würde schon sagen, Steilhang lag. Man musste immer entweder bergauf oder bergab spielen. Da fliegt der Ball, wenn man so richtig schön mit Schmackes aufs Tor schießt, natürlich noch ein bisschen weiter. Aber das war einfach so. Es hat auch nie jemand in Frage gestellt, wie die Tore aufgestellt sind, und ob es an den anderen Platzseiten nicht irgendwie sinnvoller wäre.

Also stundenlang bergauf, bergauf, bergauf, dann wieder bergab, bergab, bergab. Gespielt, bis man fast nicht mehr genug Kraft hatte, mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren. Mein Bruder und ich hatten auch damals, das muss man dazu sagen, die sinnvollsten aller Fahrräder: BMX. Ein perfektes Rad, wenn man auf dem Land wohnt. Oder hatten wir die erst ein bisschen später? Meine Erinnerungen sind getrübt. An ein paar Gesichter der Mitspieler erinnere ich mich aber noch, manchmal sehe ich sogar noch welche in der Stadt, so richtig kenne ich die nicht mehr, die mich vermutlich auch nicht, aber das macht auch nichts. Da war beispielsweise ein Brüderpaar, ein sehr langer Lulatsch und sein kleinerer Bruder. Die waren eigentlich auch immer da und eines Tages, wie aus dem Nichts, waren die plötzlich Duisburgfans. Das werde ich nie vergessen. (Okay, ich hatte das alles kurz vergessen aber jetzt werde ich es nie wieder vergessen.) Es gab ja damals schon keinen Grund, Duisburgfan zu sein, aber das war denen offenbar egal: Kamen da irgendwann an, und waren Zebras. Auch irgendwelche merkwürdigen Zebra-Reimsprüche hatten sie plötzlich drauf, wenn einer von beiden ein Tor schoss. Völlig kurios. 

Später haben wir dann oft in einer der neu aufgekommenen Soccer(!)-Hallen gespielt. Teilweise zweimal täglich bin ich mit verschiedenen Gruppen dagewesen, meist aber an einem festen Termin einmal die Woche richtig schön, so ernsthaft wie es im Hobbybereich eben geht, gespielt, bis die Gruppe nach ein, zwei Jahren langsam immer mehr ausfranste und am Ende nicht mehr genügend Spieler zur Verfügung standen.

Dann noch ein kleines Zwischenspiel ein paar Jahre in der Betriebssportmannschaft – an ein legendäres Pokalspiel im strömenden Regen kann ich mich erinnern, da haben wir den hohen Favoriten geschlagen – nach dem Spiel gab es immer noch ein Bierchen, oft schien die Sonne, ich habe sogar mal ein Tor geschossen, an Pfingsten, das Spiel ging trotz meines frühen Nullzueins dann aber noch 3:3 aus. Irgendwann war mein Rücken so kaputt, dass es leider nicht mehr ging mit dem selbst spielen. Ab und an war ich noch zum Zuschauen am Platz, aber ehrlich gesagt, hat es mich zu traurig gemacht, nicht mitmischen zu können.  Manchmal glaube ich, in dem Moment, in dem ich selbst nicht mehr spielen konnte, habe ich bereits einen großen Teil des Spaßes an diesem tollen Sport verloren. 

Das ist ja schon irgendwie spannend, was für Erinnerungen plötzlich wieder an die Oberfläche kommen, nur weil die Tage nicht mehr wie normale Tage sind, man ständig zuhause sitzt und plötzlich zur Ablenkung und Abwechslung mal andere Wege geht, nicht um irgendwo hinzukommen, sondern um irgendwo zu sein, wo nicht zuhause ist, um mal ein kleines bisschen vom Schreibtisch wegzukommen, weiter als nur in die Küche oder ins Bad. Die Oberste, so haben wir den Platz auf der Lichtung genannt, ich hatte sie tatsächlich für ein paar Jahre vergessen. 

Und während sich für Millionen Menschen in Deutschland das Leben um 180° gedreht hat, man nur noch zuhause sitzt, den Kontakt zu den Eltern, den Großeltern, den Geschwistern, Nichten und Neffen, den besten Freundinnen, selbst zu mittelguten Freunden, Arbeitskolleg*innen und was weiß ich nicht wem sonst noch schmerzhaft vermeidet, denken eine Reihe Profifußballfunktionäre, sie könnten gepflegt auf alles pfeifen, für sie gälten andere Regeln; und dazu verkaufen sie noch die Öffentlichkeit noch mit lächerlichen Konzepten für dumm. Spieler halten keinen Abstand, finden das Ganze offenbar nur lächerlich, wundern sich über zehn, elf Prozent Gehaltseinbußen, während ein Land in der Kurzarbeit steckt, Arbeitslosigkeit droht. Oder sogar schon längst da ist. Und ein Spieler, der öffentlich Bedenken, ja Ängste äußert, wird vom Verein als überemotionaler Depp hingestellt.

Es will mir wirklich nicht in den Kopf. 

Philip

Fakten:
Klatsch & Tratsch-Beauftragter | Ruhrgebietsliteraturwissenschaftler |
Möchtegernliterat
Philip

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