Das System am Laufen halten?

Das Zitat von Charly Neumann zu den guten und schlechten Zeiten darf natürlich nicht fehlen in einem neuen Artikel auf der Schalke Webseite.

In diesem Artikel verkündet der Verein zwei Dinge. Einerseits wird kundgetan, dass die Saison unbedingt zu Ende gespielt werden muss (zu diesem Punkt kommen wir später).

Andererseits wird den Fans die Möglichkeit vorgeschlagen, dass sie aus solidarischen Gründen auf die Erstattungen der bereits bezahlten Kosten für ausgefallene Spiele in dieser Saison verzichten. Diese Idee ist nicht neu. Auch andere Bundesligisten verfahren so. Ebenso schlägt Günter Reipen in einem Gastbeitrag auf der Webseite von Torsten Wieland einen Verzicht auf die Rückerstattung der beglichenen Kosten vor. Reipen schreibt: „Ich möchte ein Zeichen setzen, aber auch etwas bewirken. Für den Verein Schalke 04, für die Angestellten, für das Umfeld.“ Ein Kommentar zu diesem Artikel geht noch weiter: „Auf die Rückerstattung der DK-Kohle durch den Verein zu verzichten, ist das Mindeste. Kann jede/r leisten, da man das Geld ja schon bezahlt hat, egal ob Fabrikarbeiter oder Oberstudienrat. Wo ist das Problem?“

Wo ist das Problem? Solidarität ist doch etwas Gutes. Natürlich ist sie das. Aber mit einem Konzern, dessen Angestellte teilweise mehrere Millionen im Jahr verdienen? In Zeiten, in denen es wirklich viele andere Zwecke gibt, für die man sinnvoller Geld spenden kann?

Ich finde den Ansatz falsch. Natürlich kommt ein Verzicht auf das Geld irgendwie auch den „kleinen“ Mitarbeiter*innen auf der Geschäftsstelle zu Gute, aber er hält eben auch ein System am Laufen, dass Millionen-Gehälter an Fußballspieler, Funktionäre und Berater zahlt. Ein System, dessen Angehörige sich längst weit von den einfachen Fans distanziert haben. Ein System, das in der Konsequenz dazu führt, dass 18-jährige obszön reich sind, das echte Leben nicht kennen lernen und über einen Horizont verfügen, der von der Düsseldorfer Mode-Boutique bis zum Mercedes-Händler ebendort reicht.

Der Fußball ist nicht alleine. Nicht nur er gerät in diesen Zeiten ins Schlingern. Ich glaube daher, das Geld lässt sich sinnvoller investieren (z.B hier: https://help-gelsen.de, oder auch hier: http://www.fan-ini.de und hier: https://sea-watch.org). Klar ist Schalke wichtig, aber ist das jetzige System es wert, dass wir es am Laufen halten? Ist das Geschäft Fußball in seiner jetzigen Form „richtig“? Ist der Fußball systemrelevant?

Wie verrückt das System Fußball geworden ist, sieht man im Übrigen auch an der vermeintlich alternativlosen Forderung, dass die Saison unbedingt zu Ende gespielt werden muss. Ich verstehe die wirtschaftlichen Zwänge der Vereine, aber es geht doch gerade um so viel mehr. Ich finde es absurd, dass Spieler alle drei Tage auf das Corona-Virus getestet werden sollen, damit der Spielbetrieb weitergeht. Zeitgleich ist immer wieder zu hören, dass die Test-Kapazitäten nicht ausreichen, um medizinisches Personal regelmäßig zu testen. Der Fußball überhöht sich mal wieder selbst. Und überhaupt, wer ist die DFL eigentlich, dass sie denkt, dass sie entscheiden kann, wann es weitergeht. Gibt’s da nicht auch noch Gesundheitsämter, Landes- und Bundesregierungen?

Fußball ist immer noch wichtig – aber so wichtig nun auch nicht.

Mathias

Forschungsbeauftragter a.D.
Mathias

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