Kumpel-und Verarscheclub?

Alle Preise sind Endpreise, beinhalten also alle Vorverkaufsgebühren, kostenfreie Nutzung der dafür gekennzeichneten Parkflächen und die kostenlose Fahrtberechtigung für die Hin- und Rückfahrt zu/von der Veranstaltung für die öffentlichen Verkehrsmittel im Geltungsbereich des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR).

So kann man es immer noch auf der Homepage des FC Schalke 04 unter Kartenpreise der Saison 2019/2020 nachlesen, obwohl eine Meldung des Vereins für viel Kopfschütteln unter den Fans sorgte. Ab dem Heimspiel gegen den FC Köln werden auf den bisher kostenlos nutzbaren Parkplätzen A bis E rund um die Arena ab zwei Stunden vor dem Spiel Parkgebühren erhoben. Fünf Euro zahlt man, wenn man weniger als zwei Stunden vor Anpfiff sein Auto auf den Matsch- und Schotterplätzen abstellt. Diese Summe ist allerdings nicht beim Befahren des Parkplatzes zu entrichten, sondern erst bei Ausfahrt nach dem Spiel.

So weit, so schlecht. Lassen wir den finanziellen Aspekt mal dahingestellt, auch wenn: 1. Peter Peters vor ein paar Jahren die sehr hohen Kartenpreise mit den kostenlosen Parkplätzen begründete. 2. Die Gebühren den Stadionbesuch für einige Extremfälle um bis zu 50% im Jahr verteuern und 3. Der Verein bei seiner Preisliste auf der Homepage die kostenlosen Parkmöglichkeiten explizit erwähnt (Siehe oben, ist das dann eigentlich schon Betrug, wenn man jetzt plötzlich doch Geld fürs Parken nimmt? Wahrscheinlich nicht, aber immerhin eine Irreführung seiner eigenen Fans, eben der Kumpel-und Verarscheclub) Man könnte jetzt sagen: Andere Vereine machen das ja auch und niemand wird doch gezwungen, mit dem Auto zu kommen. Zudem soll man ja gerade im Hinblick auf den Klimaschutz lieber auf ÖPNV oder zum Beispiel das Fahrrad (hier werden im Übrigen bald bewachte Fahrradparkplätze an der Arena angeboten, diesen guten Aspekt sollte man in der ganzen Sache nicht verschweigen) ausweichen. Ganz so einfach ist es jedoch nicht, denn viel mehr als der Faktor Geld greift der Faktor Zeit: Wie unsere Verantwortlichen (hoffentlich!) wissen, kommen Schalker nicht nur aus Gelsenkirchen und Umgebung, sondern aus ganz Deutschland. Bei einem Spiel samstags um 15:30 Uhr ist da eine ÖPNV-Anreise sicherlich mach- und planbar. Bei einem Freitag-oder Sonntagabendspiel sieht das Ganze aber schon etwas anders aus. An diesen Terminen hat man nicht einmal NRW-weit die Möglichkeit, nach dem Spiel noch mit Bus und Bahn nach Hause zu kommen. Die Bogestra ist ja im Augenblick schon mehr oder weniger überfordert, die Fans nach Abpfiff zum Bahnhof zu bringen. Wartezeiten von mehr als 45 Minuten an der Straßenbahnhaltestelle sind nicht unbedingt die Ausnahme. Dritte Halbzeit mal anders. Zusätzlicher Einsatz von Bussen oder die Verstärkung von Linien wie zum Beispiel der Buslinie 380, die auf der anderen Seite des Stadions in Richtung GE Hbf bzw. Buer fährt: Fehlanzeige. Sollten sich jetzt mehrere tausend Fans auf einmal berufen fühlen, ebenfalls mit der Bahn anzureisen, hätten wir dann sicher den ÖPNV-GAU (schönes Wort) zu befürchten.

Das Chaos auf den Parkplätzen ist nach Spielschluss jetzt schon groß. Teilweise sicherlich nicht zu vermeiden, wenn 50.000 Menschen zeitgleich nach Hause wollen, muss man mit Staus rechnen. Wenn aber jetzt zu diesen „normalen“ Staus auch noch eine Wartezeit kommt, weil ja jedes Auto einzeln kontrolliert und dann ggfs. auch noch abkassiert werden muss, tja dann sehe ich schon in Zukunft die ersten ab der 65. Minute gehen, um irgendwie halbwegs vernünftig weg zu kommen. Hieße also: Immer früher leere Tribünen oder im Zweifelsfall ganz leere Plätze, weil sich einige Fans mit weiter Fahrtstrecke das nicht mehr antun wollen. Wir bekommen ja so schon die Hütte nicht mehr voll und ich könnte mir vorstellen, dass sich diese neue Regelung eher negativ auf die Zuschauerzahl auswirkt, sollte sich das propagierte Chaos bewahrheiten.

Finanziell ist das Ganze auch nicht so lukrativ, wie es auf den ersten Blick aussieht. Ein Rechenbeispiel: Wir haben 10.000 (bisher kostenlose) Parkmöglichkeiten, die in etwa zu 80-90% belegt sind. Bleiben wir mal beim Mittelwert von 8500 Autos. Beim Heimspiel gegen Mainz bin ich recht früh angereist und war tatsächlich bereits um 18:30 Uhr am Stadion. Ich würde schätzen, die Parkplätze C und D, an denen ich vorbeigegangen bin, waren zu dem Zeitpunkt etwa zu einem Drittel belegt. Also kommen in etwa 2500 Autos schon so früh, dass sie nicht in den „Genuss“ der Parkgebühren kommen. Bleiben also 6000 Zahlkunden. Sind etwa 500.000 Euro bei 17 Heimspielen.

Dazu kommt aber der Mehraufwand für das benötigte Personal, hier muss man die Personenzahl wahrscheinlich verdoppeln oder verdreifachen, um das ganze halbwegs vernünftig auf die Kette zu bekommen. Und natürlich auch wesentlich länger beschäftigen als bisher. Zudem müssen für jedes Spiel neue Parkscheine gedruckt werden, die entweder vorher ausgegeben werden oder im Stadion an extra Stellen (weiteres Zusatzpersonal) erworben werden können. Und das in ausreichender Zahl, schließlich könnten ja alle 10.000 Autos mehr als zwei Stunden vor dem Spiel anreisen (Ja, ich weiß, dass das unwahrscheinlich ist, es muss aber nichtsdestotrotz in den Kosten berücksichtigt werden). Ich rechne mal für Personal und Druckkosten 100.000 Euro für die Saison. Ebenso 100.000 Euro setze ich bei verloren gegangenen Eintritts- und dementsprechend auch Cateringeinnahmen an. Bleiben also 300.000 Euro im Jahr (vor Steuern!!) über. Und das bei einem Verein mit einem Umsatz von über 250 Millionen.

Wow. Wahnsinn. Geht es uns tatsächlich finanziell sooooo schlecht? Oder hat da mal einfach mal wieder jemand – wie vor einiger Zeit mit den Stehplätzen im Paket – nicht vorher drüber nachgedacht? Aber klar, nach drei Siegen in Folge kann man den Fans auch mal wieder eine Kröte unterjubeln. Wo wir wieder beim Kumpel-und Verarscheclub wären. Schön ist anders.

Henning

Fakten:
Movember-Beauftragter | Jahrgang '79 | Wohnhaft in Herne, der Perle Westfalens | Enkelaus Kohle und Stahl | Unheilbar 19. Mai-geschädigt | Meister 20..
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