Lang lebe der König

FC Tönnies 04!?

Der Clemens Tönnies Ehrenrat hat sich entschieden. Es passiert nichts. Ein paar mahnende Worte und eine in sich unschlüssige Pressemeldung später sind wir alle so schlau wie vorher: der ostwestfälische Schweinebaron sitzt sicher und fest im Sattel. Alles wie gehabt. Egal, was passiert. Damit man es der Öffentlichkeit etwas humaner verkaufen kann, reitet man jetzt auf der Welle der Diskriminierung. Clemens Tönnies lässt seine Ämter für drei Monate ruhen. Der Ehrenrat begrüße diese Haltung. 

Ruhiger, aufgeräumter, entspannter, authentischer, professioneller und geordneter wird es dadurch nicht, das ist jetzt schon sicher. Die mediale Berichterstattung nimmt täglich an Fahrt auf. Der Unmut unter vielen Schalkern wächst stetig an. Das Medienecho ist gewaltig und auch das Ausland hat das Thema schon aufgegriffen. Imagetechnisch ein absoluter Supergau für den Verein. Ein Verein, der überall damit kokettiert, dass wir seit Anno 1904 Kumpel und Malocher sind und ein professionelles Leitbild besitzt, welches bei vielen anderen Vereinen überhaupt noch nicht in greifbarer Nähe ist. 

Ein Verein, der sich in seiner Satzung: […] „Er bekennt sich zu den Grundsätzen der Menschenrechte. Er tritt rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen sowie diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen gegenüber anderen Menschen, insbesondere auf Grund ihrer Nationalität, ethnischen Zugehörigkeit, Religion, Geschlecht, sexuellen Orientierung oder Behinderung, aktiv entgegen. In diesem Sinne ist er insbesondere bestrebt, die soziale Integration ausländischer Mitbürger zu fördern“ […] auf die nachhaltige Vereinsfahne geschrieben hat.

Rassismus soll kein Rassismus sein, auch wenn man sich rassistischer Ressentiments bedient. Ich finde das erschreckend, töricht und falsch. Das ist für den Fußball und für unseren eingetragenen Verein ein großer Schritt Richtung Vergangenheit. Rassismus ist eine Gesinnung und eine Ideologie. Die selbstgerechte Beschreibungsform der „Diskriminierung“ dient auf Schalke lediglich einem einzigen Zweck: der Verharmlosung und Abstufung der getätigten Aussagen. Wer sich herabsetzend über andere Menschen und Kulturen äußert, der hat in einem Kumpel- und Malocherclub nichts mehr zu suchen. Nicht als Aufsichtsratsvorsitzender oder als normaler Fan in der Kurve. Menschen mit rassistischen Vorurteilen diskriminieren andere aufgrund anderer Zugehörigkeit. Wo man da die Grenze ziehen kann, erschließt sich mir überhaupt nicht. Stil und Anstand bleiben auf der Strecke.

Gerade in einer Region und einer Stadt wie Gelsenkirchen, wo die AFD bei der letzten Bundestagswahl über 21,5% (Stadtteil Erle-Süd) geholt hat, hätte man ein unmissverständliches Zeichen setzen müssen. Man hätte die Werte des Vereins konsequent mit Leben füllen müssen. So hinterlässt man regional, bundesweit und international einen großen Scherbenhaufen. Das eigene Leitbild wurde eindrucksvoll untergraben. Einige Menschen werden sich durch die aktuellen Geschehnisse ermutigt fühlen und genau das ist das nächste große Manko an dieser Geschichte.     

Auf dem Berger Felde werden schon die Messer gewetzt. Viele Kumpel und Malocher werden sich jetzt noch deutlicher und öffentlichkeitswirksamer positionieren. Die ersten Schalker treten ad hoc aus dem Verein aus. Silberne Ehrennadeln (für 25 Jahre Vereinszugehörigkeit) werden freiwillig zurückgegeben. Ein offener Brief jagt den nächsten. Langjährige Schalker stellen (endlich einmal) das Gesamtkonstrukt des Vereins und der dazugehörigen Gremien in Frage. Andere fühlen sich bestätigt. 

Am Ende wird es aber wohl nur Verlierer geben und die Risse der 1000 Freunde sind jetzt schon deutlicher auszumachen als je zuvor. Nichtsdestotrotz sollte man jetzt nicht erwarten, dass sich der gemeine Schalker nur im geordneten  Rückzug gefällt. Welche Energie und welchen Druck die Basis und die aktive Fan-Szene aufbauen kann, hat man schon mehrfach (z.B. Viagogo) eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Das sollte man vereinsseitig definitiv nicht unterschätzen – auch der mächtige Herbergsmetzger Clemens Tönnies sollte das nicht missachten und lapidar zur Seite schieben. 

Mangelte es in der Vergangenheit oftmals an einer schlagkräftigen, gut organisierten und fähig geführten Opposition bzw. an einer kritischen Bewegung, könnte die gestrige Nichtentscheidung der Startschuss für eine neue Ausrichtung und eine synergiebehaftete Gemeinsamkeit auf Schalke gewesen sein. Die kommende Zeit wird zeigen, wohin der Schalker Weg am Ende führen wird. 

Wo und wann taucht denn eigentlich der Schalker Fan-Club Verband in der aktuellen Diskussion auf? Man vertritt immerhin knapp 1.000 Fanclubs mit über 60.000 Mitgliedern. Auch der Aufsichtsrat und der Vorstand werden sich sicherlich noch äußern. Die Kommunikation und das allg. S04-Krisenmanagement der letzten Jahre lassen da leider noch einige wilde Dinge erwarten. Ich bin sehr gespannt, was da noch kommt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. 

Aber wenn man sich mal daran erinnert, dass verdiente Spieler wie Mike „Bujo“ Büskens, Andreas Müller, Yyyyves Eigenrauch und Jens Lehmann früher mal Flugblätter für die Schalker Fan-Initiative e.V. in der Gelsenkirchener Innenstadt  verteilt und auf Missstände aufmerksam gemacht haben, dann wünscht man sich diese Zeit doch gerne wieder zurück. Die aktuelle Welle der Entrüstung zeigt mir aber auch auf, dass es noch viele Schalker und Fußballfans gibt, die sich in ihrem sportlichen Umfeld politisch und sozial für ihre Werte engagieren und einsetzen. Das lässt hoffen. Es ist also noch nicht alles verloren. Noch sitzen wir nicht auf der Schlachtbank.

Glück auf

Tobei

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