Danke Rudi!

Als ich am Samstag nach der 0:2 Niederlage gegen Gladbach aus dem Stadion ging, hatte ich ein komisches Gefühl. Eine Art der Resignation machte sich breit. Ich konnte mich nicht mal mehr richtig ärgern. Nach der roten Karte versuchte man irgendwie, den einen Punkt über die Zeit zu retten. Dass das am Ende nicht funktionierte war so zu erwarten. Kein Aufbäumen, keine Mitnahme des Publikums, kein „jetzt erst recht“. Schalke spielte seinen Stiefel runter und hoffte -vergeblich- auf einen halbwegs passablen Ausgang. Mir war, als stünde der derzeit emotionalste Mensch im Verein nicht auf dem Platz, sondern an der Seitenlinie.

Dieses Gefühl machte mir Angst. Wenn ich mich noch nicht einmal mehr über Kackspiele- und davon habe ich in den letzten Jahrzehnten nun schon einige gesehen- aufregen kann, wo soll denn das noch hinführen? Geht die Emotionalität verloren und damit auch ein Stück dessen, warum ich den ganzen Scheiß überhaupt noch mitmache? Ist mir Schalke mittlerweile egal?

Eine Antwort darauf gab es gestern ab kurz vor sieben Uhr. Zunächst nur als Gerücht, kurze Zeit später aber auch bestätigt. Rudi Assauer ist verstorben. Ein toller Mensch, ein gigantisches Stück Schalke 04 ist nicht mehr unter uns. Tiefe Traurigkeit machte sich in mir breit, gepaart mit einer gewissen Erleichterung, dass er es nun hinter sich hat und nicht mehr leiden muss.

Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass es zu Protesten unter den Fans kam, als Rudi damals in den 90ern zurückgeholt wurde. Ich meine auch, mich erinnern zu können, dass als Zeichen des Protestes der Block fünf in der Nordkurve bei einem Heimspiel phasenweise leer blieb. Mir sagte der Name Assauer bis zu diesem Datum wenig bis nichts, da ich bei dem Ende seiner ersten Amtszeit auf Schalke gerade sieben Jahre alt war. Aber von der ersten Minute an war mir klar, das ist jemand, der polarisiert. Und auch ich selbst habe ihn verflucht, als er Jörg Berger entließ. Mit vielen anderen stand ich nach dem Spiel gegen Karlsruhe am Marathontor und schimpfte auf Mannschaft und Manager. Rudi war davon –zumindest äußerlich- unbeeindruckt. Und hat ja am Ende mit Huub Stevens auch ein goldenes Händchen bewiesen. Ein Trainer, den er für den richtigen für Schalke hielt und zu dem er stand, auch als es in den Phasen zwischen UEFA-Cup Sieg und den beiden Pokalsiegen nicht so gut lief. (Übrigens ein gutes Zeichen dafür, dass sich Kontinuität auch auszahlen kann, aber das nur am Rande.) Aber auch wenn er es nicht äußerlich zeigte, die damalige Kritik an Stevens nagte auch an Rudi. Dies kam bei der Verabschiedung von Huub dann doch deutlich zu tragen, als Rudi, sicherlich auch nach dem Genuss von dem ein oder anderen Pils, sich in seinen Abschiedsworten auch kritisch an die Fans wandte: „Überlegt mal, was ihr gemacht habt. Ihr habt geschrien: Stevens raus! Und jetzt seht, was wir erreicht haben!“ Dies ist kein wortwörtliches Zitat, aber die Ansage blieb bei mir definitiv hängen.

Ebenso wie seine legendäre Ansprache vom Balkon der Geschäftsstelle an eine Handvoll Fans, die nach dem 19.Mai 2001 noch lange auf dem Vereinsgelände verweilten. „Ihr könnt stolz auf diese Mannschaft sein!“ Der ganze Frust, die ganze Emotion war ihm anzumerken. Auch das entsprechende runterspülen dieses Frustes. Aber das war ihm in diesem Augenblick egal, auch ob das gefilmt wird oder nicht. In diesem Moment zählten nur die enttäuschten Fans, nur Schalke 04. Auch wenn die Öffentlichkeit daran teilhaben konnte und man sicher aus verschiedenen Lagern für solch eine Ansprache Hohn und Spott ernten würde. Das war Rudi, so wie er eben war. Gerade heraus und direkt. Immer loyal und vor allem ehrlich. Kein Gerede hinten herum, sondern mitten ins Gesicht. Durchaus streitbar-auch unter Freunden- aber immer mit Blick auf den Menschen.

Das mag nicht jedem passen und er hat sich mit seiner Art sicherlich nicht nur Freunde gemacht. Aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass irgendjemand auf diesem Planeten die Worte „Assauer hat mich hintergangen“ benutzen könnte, ohne dabei rot zu werden.

Rudi war, nein Rudi IST ein Teil Schalke 04. Und durch die Nachricht von seinem Tod, die damit verbundene Betroffenheit und dem direkt aufkommenden Gedanken „Heute müssen WIR das Ding für ihn gewinnen!“ kann ich auch die Frage von oben reinen Gewissens beantworten. Nein, Schalke ist mir alles andere als egal!

Dabei geht es aber weniger um irgendwelche Spieler, die derzeit unser Trikot tragen, aber doch nur an sich selbst und ihre Karriere denken. Dass ist eben das Geschäft und gehört dazu. Nein, es geht mir um die Menschen, die ihr Leben zum großen Teil dem Club verschreiben, ganz egal, ob als kleiner, zahlender Fan oder eben als Manager eines Fußballvereines mit über 150.000 Mitgliedern. Wer sich Schalker nennt, ist nicht nur Fan einer Fußballmannschaft, sondern Teil eines eigenen Mikrokosmos. Ein kleines Fleckchen Erde, in dem es scheißegal ist, wo du herkommst, was du verdienst, welche Hautfarbe du hast oder welche Schule du besucht hast. Ein Ort, an dem du sein kannst, wie du bist. Weil du hier- trotz aller Unterschiede- unter deinesgleichen bist. Wo es dir vollkommen am Arsch vorbeigeht, wie oft sich Fans anderer Vereine über die Misserfolge der Mannschaft oder über die immer wieder aufkommende Unruhe in diesem Verein lustig machen. Eine Welt, in der andere Sachen wichtiger sind als Titel und Triumphe. Denn auch hier kann man Rudi nur zitieren: „Auch, wenn wir verlieren, haben wir gewonnen, weil wir Schalker sind!“ Treffender kann ein Satz nicht sein!

Ich bin sehr dankbar dafür, einen Menschen wie Rudi in diesem gerade beschriebenen „Mikrokosmos Schalke 04“gehabt zu haben, auch wenn ich ihn nie persönlich kennengelernt habe.  Wir werden uns noch oft an ihn erinnern und uns manche Anekdote erzählen. Und wir werden, nein wir müssen, vor allem sein Andenken bewahren und seine vermittelten Werte weiterleben. Nicht nur für ihn, sondern auch für all die anderen verstorbenen Schalker, die ebenso für diesen Club gelebt haben, auch wenn sie dabei nur eine/r von vielen waren.

 

Rudi, mach et gut. Danke für alles und Glück auf. Grüß den Charly!

 

Henning

Henning

Fakten:
Movember-Beauftragter | Jahrgang '79 | Wohnhaft in Herne, der Perle Westfalens | Enkelaus Kohle und Stahl | Unheilbar 19. Mai-geschädigt | Meister 20..
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