Königsblaue Doppelmoral

Schalke schlägt Istanbul mit 2:0. Starkes Spiel, teilweise schöne Kombinationen und bis zum Abpfiff ein toller Offensivdrang der königsblauen. Alles super also.

Alles? Nein, schon weit vor Anpfiff erhitzten sich die Gemüter unter den Fans. Der (zugegeben auch so erwartete) Auflauf an Galatasaray-Fans sorgte für erheblichen Unmut im Schalker Lager. „Kann doch nicht sein, dass wir hier fast ein Auswärtsspiel haben“ und „Wo haben die die Karten her?“ waren noch die harmloseren Aussagen bzw. ja grundsätzlich auch berechtigte Fragen.

Formulierungen wie „Denen, die die Karten an die (hier Lieblingsverunglimpfung eurer Wahl einsetzen) abgegeben haben, sollte man die Finger abhacken, an den Füßen aufhängen oder –noch schlimmer- aus dem Verein schmeißen!“ „Das sind doch keine Schalker!“ „Die besudeln unseren Verein für ihren Profit!“ sind dann schon eine Spur heftiger. Und aus meiner Sicht auch nicht korrekt.

Bevor ihr mich nun beschimpft, eins vorweg: Ich finde es persönlich zum kotzen, wenn Karten über Normalpreis verkauft werden und dem Verkäufer sein eigener Profit wichtiger ist, als die Unterstützung unserer Mannschaft. Ich bin ja nicht umsonst für die ViaNOgo-Initiative mit auf die Straße gegangen, habe Flyer verteilt und Unterschriften für eine außerordentliche MV gesammelt. „Der Kumpel zockt den Malocher nicht ab!“ gilt auch noch 2018.

Aber meint ihr denn wirklich, dass das gestern die Hauptursache war? Nein, das glaube ich nicht. Der FC Schalke hat auch im türkischstämmigen Teil der Bevölkerung im Ruhrgebiet bzw. in Deutschland zahlreiche Anhänger, Fans und eben auch Mitglieder. Ist es nun verwerflich, wenn diese dann Ihr Vorkaufsrecht nutzen, um evtl. Freunde und Verwandte mit Tickets für ein Spiel, welches bei vielen sicher als DAS Spiel der letzten Jahre gilt, zu versorgen? Oder- unabhängig von der eigenen Staatsbürgerschaft- man dem türkischen Kumpel, Nachbar, Freund oder Arbeitskollegen einen Gefallen tut? Es müssen ja nicht immer monetäre Gründe dahinterstecken.

Oder geht es darum, dass man keine Gästefans außerhalb des vorgesehenen Bereiches in der Arena sehen will? Klar, die Nordkurve ist den Heimfans vorbehalten, das ist gut und richtig und sollte durch den Ordnungsdienst entsprechend umgesetzt werden. Wird natürlich schwierig, wenn der einlassbegehrende Fan dann den (offiziell durch den Verein angebotenen!!) „Schalke-Galatasaray“ Spieltagsschal trägt, aber so ist das nun mal: Zwischen Theorie und Praxis bestehen halt öfter mal Differenzen.

In den übrigen Bereichen, gerade rund um den Gästeblock ist das aber ok. Äh, Moment, doch nicht?? Gut, dann sollten wir aber auch aufhören, uns gegenseitig auf die königsblaue Schulter zu klopfen, wenn wir- wie in Düsseldorf- mit dreimal so vielen Fans anreisen, wie an eigentlichen Gästekarten vorhanden ist. Oder wenn wir in Hannover, Leverkusen etc.  die Bereiche bis weit in die Haupt- bzw. Gegentribüne in schönes blau-weiß hüllen. 20.000 Schalker in Mailand 1997, 45.000 beim Pokalfinale 2002 gegen Leverkusen- da sprach man dann vom großen Einfallsreichtum und war sehr erstaunt, was sich die Schalker alles so tun, um an Karten zu kommen. Ich kenne persönlich einige Leute, die sogar Mitglied in Leverkusen wurden, um an Tickets zu kommen. Und wer erinnert sich nicht an die vor Wut schäumenden Bochumer, die sich sogar Ihre Ostkurve 2007 mit den „ganz neutral in Weiß gekleideten“ Schalkern teilen mussten? Das alles ist ok und oftmals heute noch stolzes Thema von Stammtischgesprächen und Familienfeiern: „Weisse noch, damals…?“

Wenn das nun aber bei uns passiert, ist es plötzlich nicht mehr hinnehmbar und ein Skandal sondergleichen. Doppelmoral par excellance.  Machen wir uns nichts vor, es war doch gegen Porto bereits gut zu sehen: Wäre gestern kein türkischer Club, sondern z.B. Rosenborg Trondheim oder so zu Gast gewesen, hätte man in den freien Reihen von so ziemlich allen Blöcken ein Zelt oder eine festlich gedeckte Kaffeetafel aufbauen können. Die Nachfrage im eigenen Lager nimmt nun mal stetig ab, wir bekommen die Arena aus eigener Kraft nicht bzw. nur noch sehr schwer voll. Da mag auch die Preispolitik des Vereines sowie die ständig wachsende Übersättigung mit Fußball eine Rolle spielen, ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich ein Spiel lieber vor voller Hütte als vor halbleeren Rängen bestreite und es dann auch umso lieber gewinne, scheißegal wie viele der Anwesenden den Gästen die Daumen drücken. Und wenn man denen dann tatsächlich noch (sportlich!) ordentlich in den Hintern tritt und am Ende nur noch die königsblauen Anhänger zu hören sind, ist wirklich alles ok. Und wie bereits oben erwähnt: Ich habe kein Verständnis für Spekulanten, die sich mit den Tickets eine goldene Nase verdienen. Ein bisschen mehr Weitsicht sowie die Erkenntnis, dass der königsblaue Horizont nicht hinter der Nordkurve endet, täte manch zeterndem Schalker jedoch ganz gut.

P.S.: Gegen Moskau gibt es noch massig Karten….

 

Henning

Henning

Fakten:
Movember-Beauftragter | Jahrgang '79 | Wohnhaft in Herne, der Perle Westfalens | Enkelaus Kohle und Stahl | Unheilbar 19. Mai-geschädigt | Meister 20..
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