FC Schalke 04: Für was willst du stehen?

FC Schalke 04. Bergarbeitervergangenheit, Kumpel- und Malocherklub, Schalker Kreisel, Skandalklub, Abstiege, Aufstiege, Chaos, Chaos, Chaos.

Und heute?

Das Bergbauerbe, im übrigen Deutschland längst vergessen, ist im alltäglichen Geschehen beim FC Schalke immer wieder sichtbar. Der Stollen zum Spielfeld, das Steigerlied vorm Anpfiff, diverse Merchandiseprodukte. Malochermentalität, Schichtwechsel statt Auswechslung. Vielen geht das gegen den Strich, doch das Bergbauerbe am Leben zu halten ist aktuell wenige Tage vor dem endgültigen Ende des Steinkohlebergbaus in Deutschland wichtiger denn je. Da liegen die Wurzeln, da wurde der Verein geboren. Auf die Geschichte, auf alle, die unter Tage geschuftet haben, darf man mit Bewunderung schauen. Es sind die Wurzeln von allen, die im Ruhrgebiet leben. Der Motor des Wirtschaftswunders. Ob man will, oder nicht. Nichts wäre hier, wie es ist, wenn der Bergbau nicht gewesen wäre. Und wenn man das durch das Singen eines Liedes vor dem Spiel in Erinnerung ruft, kann das nur positiv sein. Man muss es nur ernst meinen, und sollte nicht vergessen, wo das herkommt. Verkommt die Geschichte zum Merchandisingprodukt, haben wir ein Problem.

Wir leben hier zusammen, Menschen, die seit 800 Jahren hier ansässig sind, andere seit 300 Jahren und wieder andere sind in den 1950ern gekommen, um die Maschine wieder ans Laufen zu bekommen, die unsere Vorfahren sehenden Auges in eine Milliarde Teile zerfetzt haben. Gastarbeiter wurden die genannt. Was für eine Absurdität. Wie dumm muss man sein, zu glauben, dass jemand, der im besten Alter irgendwo hingeht, sich dort kein Leben aufbaut und dann natürlich bleibt? Sehr.

Spaghettifresser, Kümmeltürken, Polacken! So lange sie hart arbeiten, nicht unsere Töchter ansprechen und sich um Himmels Willen irgendwann wieder aus dem Staub machen, können wir Deutschen da fast gut mit leben. Wird eine dieser Regeln gebrochen, sieht es düster aus. Ziehen mehr als zwei schwarzhaarige Familien in unser Viertel, geht es weiter an den Stadtrand. Sind auch Yusuf und Nesrin in der Kindergartengruppe, schauen wir uns lieber noch mal weiter um. Auch im Ruhrgebiet, oft als Vorzeigeschmelztigel bezeichnet, kann man derartige Verhaltensweisen mit Sicherheit nicht verleugnen. Auf Schalke sind wir alle gleich. 1.000 Freunde, die zusammenstehen. Oben beschriebene Muster darf es hier qua Leitbild, dem sich jedes Mitglied verpflichtet sehen sollte, nicht geben. Auf das Leitbild, mag man insgesamt davon halten, was man will, wird hin und wieder verwiesen, zwei große Banner hängen in der Arena, welche ihre, unsere Absage an Rassismus und Homophobie klarstellen. 1.000 Freunde, die zusammenstehen. Freunden ist es egal, wo jemand herkommt oder wen jemand liebt. Man mag sich, man verbringt zusammen eine schöne oder auch manchmal nicht so rosige Zeit und freut sich, wenn es dem Anderen gut geht. 1.000 Freunde, die zusammenstehen. Schön wär’s. Man muss nicht wirklich lange in der Arena zu Besuch sein, um festzustellen, dass das natürlich Quatsch ist. Homophobe und rassistische Äußerungen lassen bei einem Heimspiel ebenso lange auf sich warten, wie schrilles Gekrächze aus der Wurstlunder Fanbox. (Nicht ganz fairer Vergleich. Sorry Wurstbox!) Naja, kommt in den besten Familien vor, in denen es doch auch immer den einen betrunken Onkel gibt, der sich „nicht benehmen“ kann. Im besten Fall schauen alle betreten weg, rollen vielleicht die Augen, der Störenfried fühlt sich vermutlich bestätigt, zumindest nicht gestört. Latent hat man sowieso immer das Gefühl, der Stimmungskiller zu sein, wenn man jetzt aufsteht und dagegen hält.

Und was, wenn es nicht nur einer ist. Was willst du tun, wenn Rassismus und Homophobie so laut werden, dass sich Menschen nicht mehr ins Stadion trauen? Aufstehen und auf die Fresse bekommen, während die schweigende Mehrheit sitzen bleibt und du den Verdacht nicht los wirst, dass es denen eigentlich ganz recht ist?

Ich glaube, hier muss der Verein, hier muss Schalke 04 dringend aktiv werden und die eigene Haltung überdenken. Es reicht nicht, einmal in zehn Jahren ein geiles Video mit der Mannschaft und Gerald Asamoah aufzunehmen, die Arbeit aber das restliche Jahr von der Fan-Initiative machen zu lassen. Auf zwei Bannern, die im Stadion hängen, kann man sich einfach nicht ausruhen. Nicht morgen, nicht heute, nicht gestern und auch eigentlich schon vorgestern nicht mehr. Es kann nicht sein, dass Christian Heidel, im Deutschlandfunk auf die rassistischen Angriffe auf Mesut Özil angesprochen, herumlaviert und kein klares Statement dagegen über die Lippen bekommt. Es muss etwas passieren. Regelmäßig. Vor jedem Spiel. Im Youtubekanal, den sozialen Medien. Statements, Aktionen, irgendwas. Diese Leute, die die NSAfD, die NPD wählen, identitäre Arschgeigen, rechte Hooligans, und der dumpfdeutsche Dummdödel von nebenan, die müssen sich permanent unwillkommen fühlen, die dürfen keinen Bock auf Beiträge in Sozialen Medien haben, weil da die Philadelphia-Flag oder Refugees-Welcome weht. Keine Lust, ins Stadion zu gehen, weil da unsere Werte thematisiert, ja hochgehalten werden. Ständig fehl am Platz, unwohl, ungewollt.

Bergarbeiterverein. Kumpel- und Malocherklub. Es ist ein fraglos großes Erbe.

FC Schalke 04, was willst du sein? Für was willst du stehen?

1.000 Freunde. Kumpel und Malocher. Nur so kann es gehen.

Phil

Phil

Fakten:
Regelbeauftragter | Ruhrgebietsliteraturwissenschaftler | Kegler |
Möchtegernliterat
Phil

Letzte Artikel von Phil (Alle anzeigen)