Too much Nordkurve

Ich habe am Samstag gerangelt. Mit dem Penner links neben mir in der Kurve.

Er hat sich allen Ernstes darüber gefreut, dass McKennie verletzt ausgewechselt werden musste. Die Grundlage dafür sah ich und sehe ich bis heute nicht. Im Gegenteil… Ich bin zutiefst erschüttert über des Penners Kommentare. Der ist 20 und hat sich gerade fast ein Bein gebrochen. Und der Huso hat nix anderes zu tun als wortwörtlich zu sagen: „Aaaach Heulheul! Dat is kein Verlust!“  Bei Embolo sah und sieht man, was solch schwere Verletzungen in dem Alter mit der Karriere anstellen können.

Der Weston blieb nicht sein einziges Opfer. Man konnte nicht unterscheiden, wen er mehr hasste… Den Gegner oder den eigenen Verein. Er pöbelte unentwegt, ließ gegen den FC Bayern München (immerhin sechs oder dreizehn Mal hintereinander Deutscher Meister) niemandem auf dem Platz auch nur eine Chance, sich zu beweisen und ich weiß nicht, wie viele Texte ich über sportliche Lernprozesse schon in verschiedenen Schalkeblogs geschrieben hab… In keinem stand drin, dass ich das für zuträglich halte. Doch mehr noch…

In der eh schon engen Kurve stand er auf dem roten Aufgang, direkt links neben mir und jedes Mal, wenn jemand Bier holen oder pinkeln gehen wollte oder davon zurückkam, hat der Penner es nicht für nötig gehalten Platz zu machen. Auch nicht nach wiederholter Ansprache und Bitte. Der Mann war auch nicht disabled oder so. Er war im Vollbesitz seiner qua Geburt gegebenen körperlichen und geistigen Kräfte. Er wollte einfach mit Mitte fuffzich noch mal ein Hurensohn sein. Mitte fuffzich, den Kumpel mit dessen Tochter dabei, die des Penners Verhalten dann auch Schritt für Schritt assimiliert hat. Sie sagte Hurensohn und Wichser dann nicht nur einmal zu wem auch immer. Adressat war egal, Hauptsache dem eigenen erbärmlichen Ärger Luft machen.

Ey, sorry. So eine Kacke ist nicht Schalke. Das ist keine Liebe, die niemals endet. Das ist fürn Arsch. Das ist herablassendes und menschenverachtendes Geficke.

Ich bin in der 70. nach oben gegangen, um mir abschließend und in Ruhe noch ne Wurst zu essen und den Film am Bildschirm zu schauen. Meinst du, mir macht der mehr Platz weil ich anderthalb Stunden neben dem stand? Ich hab echt schon mal Bock, Menschen kennenzulernen, auch im Stadion natürlich. So jemanden will man aber einfach nicht kennenlernen.
Ich hab ihn beim Aufstieg weggerangelt.
Habe ihm noch einen letzten Anlass zu jämmerlichem Pöbeln gegeben und ihm von oben einen Luftkuss zurückgeworfen.
Das natürlich nicht literally, aber mein liebender Blick traf ihn zum Abschied und sagte: „Du erbärmlicher kleiner Pimmel wirst nie aus deinem jämmerlichen Leben herauskommen. Ich scheiß dir in den Hals und du bist glücklich, weil es genau deiner Natur entspricht. Was rauskommt, muss ja auch irgendwie erstmal rein. Ciao Bello.“

Auf dem Heimweg hab ich mich geärgert. Ich hätt ihn fragen sollen, ob er verheiratet ist. Ob er (und sie oder er) damit glücklich ist. Ich kann mir aber nicht denken, dass so ein Vogel eine realistische und gesunde Vorstellung von Liebe hat, wenn die Liebe zu seinem Herzensverein SO verkrüppelt ist. Einseitig natürlich. Nur seine Liebe ist verkrüppelt. Schalke tut einfach alles, was es kann und Menschen wie Le Penner sind trotzig wie ne Fünfzehnjährige mit Hausarrest am Samstagabend zu Hause.

Dieser Typ und diese Stimmung dort an diesem Fleck als Höhepunkt der letzten, ganz ähnlichen Erlebnisse vor Ort machen mich glauben, dass die Nordkurve allmählich nicht mehr mein Zuhause ist. Ein anderer Block ist es vielleicht… Ich bin mir noch nicht sicher. Man könnte die Kurve eigentlich mal als System soziologisch zerbröseln und würde vermutlich am Ende zu dem Schluss kommen, dass diese Kurvenarroganz nichts anderes als toxisch für den ganzen Verein ist. „Wenn wir gewinnen: Kommt zu uns feiern! Wenn ihr aber nix zeigt, dann verpisst euch gefälligst und lasst euch bloß nicht hier blicken, ihr Hurensöhne!“ Niklas Luhmann hätte seine größte Freude.

Das sind auch nicht nur 2%. Der Typ war eine laute Stimme der ihm zunickenden Vollidioten, die um ihn herumstanden. Wieso sind es sonst bei jedem Spiel, egal an welcher Stelle ich stehe, immer wieder ähnliche Typen, die abgehen? Gut, Le Penner am Samstag war ein Highlight, keine Frage… Aber immer und überall. Genörgel, herablassendes Geseier, taktisches Rumgestümper als wär man der weltbeste Spezialist. Immer, immer wieder und jedes, jedes Mal mindestens ein Vollhorst aus der gleichen Grundschulklasse, Abschluss 1968. Das ist jedes Mal so dilettantisches, anmaßendes Gerotze und derjenige glaubt echt, damit die Welt zu retten. „Da muss doch mal einer dazwischeeeen, ey. WAS IHR FÜR EINE KACKE SPIEEELT!“ Wow, riesen Maßnahme, du Vollhorst. Ich schreib Teddy ne SMS, „Da muss mal einer dazwischen!“ Es geht Le Penner NULL um Schalke. Es geht ihm und seinen Kumpels nur und alleine um ihr jämmerliches Ego, das sie kompensieren müssen und das ist unerträglich egoistische Scheiße.

Ich bin in den letzten Jahren sicher auch empfindlicher geworden. Scheitern macht wohl sensibler. Das hat auf jeden Fall Vorteile, aber im Setting Nordkurve hat es vor allem Nachteile, weil man die Emotionen in all ihren Äußerungen um ein vielfaches stärker wahrnimmt, als vielleicht Le Penner selbst. Entsprechend gefärbt ist da meine Wahrnehmung auch. Nicht nur Emotionen. Geräusche, Gerüche, Berührungen… Alles ist potenziert. Der raschelnde, schmatzende Popcornfresser hinter mir. Der Raucher direkt vor meiner Nase. Le Penner links neben mir. Litterally too much Nordkurve.

Im Anschluss an das Spiel applaudiert die Kurve dem Team aufmunternd und motivierend, lese ich in der Bahn.

Da habe ich mich von Le Penner schon längst verscheuchen lassen. Selbst schuld, aber meine Wahrnehmung ist meine Filterblase. Und die ist manchmal zu empfindlich, um die Lauten einfach zu ignorieren.

Benjamin

Benjamin

Fakten:
Quotenbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang '86 | Die Katze heißt Vlad | Unheilbar gesund | Gitarrist | Viel zu schnell unterwältigt | Twitter
Benjamin

Letzte Artikel von Benjamin (Alle anzeigen)