Wir sind Chemnitz!

Wir? Wir Deutschen! Oder versteht ihr euch nicht mehr als solche? Nein, gewiß nicht. National denken kommt nur in Frage, wenn es sich positiv auswirkt. Ansonsten kann auch mal global, europäisch, regional oder kommunal gedacht werden. Je nachdem, was uns am besten in den Kram passt. Was ich meine? Gerne nenne ich ein paar Beispiele.

Wenn zum Beispiel in einem Nachbarland ein Missbrauchsskandal aufgedeckt wird, dann sind wir ganz schnell dabei, dieses als nationalen Skandal anzusehen. Begrabene Kinder in Belgien? Gefangene Mädchen in Österreich? Da ist die gefühlte Entfernung plötzlich riesig. Dass man beispielsweise in Gelsenkirchen keine drei Leute meiner Generation versammeln kann, wovon nicht mindestens einer in diesem Pfuhl Opfer sexuellen Missbrauchs geworden ist, spielt dann keine Rolle.

Wenn in einer unweit entfernten Stadt eine Nazihochburg entsteht, und wenn die Nazis die heimische Kurve und sogar den Stadtrat entern: Dann sind wir Schalker und haben nur einen Grund mehr, schlecht über unseren Rivalen zu reden. Entstehen Probleme bei uns, auf engstem Raum, dann werden sie aber gerne in größerem Rahmen betrachtet. „Das gibt es doch überall!“.

Trump? USA! Erdogan? Türkei! Seehofer? Bayern! Die Rechte? Dortmund!

Die Überschrift lässt vermuten, worauf ich hinaus will: Chemnitz ist kein Chemnitzer Problem. Chemnitz ist kein sächsisches Problem. Vielleicht nicht mal ein Deutsches, wobei der Fakt, dass das, was dort passiert, in Deutschland passiert, ein ziemlich Grausamer ist. Denn wir wissen, was das bedeutet. Wir wissen wohin das führt. Und niemand kann sagen, dass wir das nicht geahnt hätten.

Ganz egal, auf welcher Ebene dieses Problem letztlich seinen Ursprung hat: Es wird nicht erst unser Problem, es IST unser Problem. Und ein jeder, der seinen Schnauzbartrassismus weiterhin für angemessen hält, ein jeder, der meint, dass es nicht schlimm sei, wenn man mal „Teppichflieger“, Ölauge oder ähnliches sagt, ein jeder, der Rechts und Links gleichsetzt, der Antifaschismus mit Politik verwechselt und der im Kontext des Antirassismus sagt, Politik habe im Stadion nichts verloren: Ihr seid die, die die Hetze der AfD, Pegida und Konsorten möglich machen. Und ihr wäret auch die gewesen, die zu allererst nicht mehr beim Juden gekauft hätten. Ein an sich doch so harmloses Unterfangen.

Was oft vergessen wird? Der Nationalsozialismus und seine Folgen sind schuld an der Trennung Deutschlands. Und diese Trennung ist wiederum für die Unterschiedlichen Voraussetzungen verantwortlich, auf die wir uns jetzt so gerne berufen, um nicht dafür verantwortlich zu sein, erneut auf ein solches Schicksal zuzusteuern. Hier ist ja alles prima. Wenn nicht in meinem Land, dann in meinem Bundesland. Und wenn nicht in meinem Bundesland, dann eben in meiner Stadt. Und wenn nicht in meiner Stadt, dann vielleicht in meinem Stadtteil. Siedlung? Familie? Wohnzimmer? Irgendwie lässt sich der Rahmen schon stecken!

Hört auf, euch die Probleme unserer Gesellschaft aus eurer Wohlfühloase anzuschauen, und euch nicht verantwortlich zu fühlen. Steht auf und wehrt euch, mit den Mitteln, die euch zur Verfügung stehen. Diskutiert, beschützt, zeigt Flagge! Oder lasst es, wenn ihr euren Kindern oder denen eurer Freunde, Bekannten und Verwandten kein Leben in Freiheit und Zuversicht ermöglichen wollt! Aber ihr wärt nicht die ersten, die feststellen, dass die Unterstützer am Ende ebenfalls nur Opfer sind!

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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