Hurra! So nicht!

Hurra Hurra! Der S04 ist wieder da! Und wir haben einfach überhaupt keine Ahnung!

Heute geht es endlich wieder los mit Pflichtspielen. Klar, ist nur DFB-Pokal, eigentlich freuen wir uns am allermeisten auf die Bundesliga, aber sind wir mal ehrlich… Heute geht es los. Wenn auch nur gegen einen vermeintlich kleinen Gegner. Und das ist auch der Auslöser des Gedankens, der diesen kleinen Text anstieß…

In Fußballdeutschland hat sich aus den 1990er Jahren anscheinend ein Paradigma festgesetzt: Kleine Vereine können kein Fußball spielen und werden gnadenlos abgesägt. Alles unter zweistellig wäre dann eine Enttäuschung. Aber wir haben 2018 und mittlerweile dürfte bei jedem angekommen sein, dass destruktives Spiel gegen den Ball auch vom jüngsten halbprofessionellem Kneipentrainer in eine Mannschaft hineingetragen werden kann. Jeder, wirklich jeder Klub oberhalb der siebten Liga versteht es, das Spiel des Gegners effektiv zu stören, so dass es immer häufiger heißt: „Es gibt keine Kleinen mehr!“
Gut, nur wird ebenso häufig auch abgewunken. Nur: Warum wirkt dann die Liga so ausgeglichen? Warum wirkt es so, als wäre der FC Bayern der einzige Verein, der aktiv nach vorne spielt, mit Abstrichen vielleicht auch die TSG Hoffenheim und der Ballspielverein von nebenan? Weil alle, alle, alle dieses recht simple Verteidigen mittlerweile gelernt haben und so hier und da ihre Akzente setzen.

Der FC Schalke hat unter Teddy Tedesco zunächst einen ähnlichen Ansatz gefahren, um stabil zu bleiben. Hier und da blitzten die Offensivambitionen immer wieder auf und ließen aufhorchen, was da noch kommen möge. Ein Grund mehr, auf die kommende Saison gespannt zu sein. Jedoch… Ich habe Angst, dass die Erwartungen der geneigten Öffentlichkeit zu hoch gesteckt sind. Teddy hat den Vertrag verlängert, weil er (Hach!) „auch in schlechten Zeiten für euch da sein will.“ Das ist herzzerreißend rührend und so viel mehr wert, als den sportlichen Fortschritt eine oder zwei Wochen früher zu forcieren. Das Team wird seine sportliche Entwicklung machen, aber ich fürchte mich vor der schimpfenden Öffentlichkeit, die diese tolle Emotionalität effizient stören kann. Ich sehe schon die Twittertrainer heute Abend den Rauswurf fordern, weil es einfach immer noch nicht den effektvollen Hurrafußball ihrer kühnen Träume zu sehen gibt. Ich sehe schon die Nörgler an diesem und jenem Fehler mäkeln: „Mascarell hat mir ja heute gar nicht gefallen, hier nen Fehler, da die Schuhe offen gehabt,…“ Und bei solchen vermeintlich kleinen Gegnern ist der Twittertrainer gefühlt noch viel kritischer und poltert lauter.

Ich würde es mir gar nicht anmaßen, die Leistungen des Einzelnen bei diesem Hochgeschwindigkeitssport auch nur im Entferntesten zu beurteilen, schon gar nicht im Rahmen von 280 Zeichen. Und erst recht nicht, wenn man sieht, was beispielsweise die Schreiber von spielverlagerung.de oder auch Karsten von der Halbfeldflanke Woche für Woche abliefern. Diese Pseudo-Expertise nützt überhaupt niemandem und der Pseudo-Austausch bei Twitter oder Twatter wo auch immer bringt weder den Pseudo-Experten noch die Pseudo-Schüler auch nur einen Meter weiter, weil es weder fachlich noch emotional überhaupt irgendeine Tiefe bietet. Die Debatte ist keine. Ein Diskurs findet nicht statt, weil es im Prinzip bei nahezu jeder Äußerung nur um egomane Ich-Bestätigung geht. Gefällt mir oder Shitstorm. Immer nur ärgern, mosern und die Scheiße suchen… So muss sich der Neunazi fühlen, wenn er sich den ganzen Tag über jeden Furz im Netz ärgert. Will man so sein? Es rührt nur auf und stachelt zu einer Grundstimmung an, die am Ende auch bei der Mannschaft landen kann.

Ich werde mich sicher auch bei Twitter nicht zurückhalten, wenn es heute Abend losgeht. Geile Scheiße, ich bin heiß wie der Sommer 2018. Aber statt mich aufzuführen, als wäre ich Berater unseres Gott-Trainers Teddy Tedesco, freue ich mich über jeden Atemzug dieser Mannschaft, den sie auf dem Rasen machen kann, weil ich dem Trainer und den Boys in Blau auf ihrem Weg einfach vertraue. Sei wie ich! Vertraue auch! Lies ein Buch, oder lies Spielverlagerung und Halbfeldflanke… Aber sei kein Tedesco-Consultant auf Twitter! Und setz dir realistische Erwartungen! Ich verspreche dir: macht Laune!

Benjamin

Benjamin

Fakten:
Quotenbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang '86 | Die Katze heißt Vlad | Unheilbar gesund | Gitarrist | Viel zu schnell unterwältigt | Twitter
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