Kampagne Walnuss

Wie vor jeder neuen Saison sitzen die Fans wie gebannt auf ihren Sofas, vor ihren Tipprunden oder ihrem Tifobastelmaterial und fragen sich, wie sie wohl werden wird, die neue Spielzeit. Langweilig, wie in der letzten Saison? Uninteressant, wie die Runde davor? Wird der HSV in diesem Jahr endlich absteigen? Wird der FC Bayern wieder zu Neujahr die Meisterschaft feiern und sich dahinter siebzehn Clubs, von denen sechzehn so schmerzhaft langweilig sind, dass ich mich nicht mal dafür erwärmen könnte, wenn Dr. Heide Rezepa-Zabel mir deren Geschichte mit allen Details erläutern würde, in Langeweile gegenseitig zerstören? Vermutlich.

Vielleicht aber auch nicht. Das Web 0.4 wollte eine Glaskugel bemühen, um in der kommenden Saison nach etwas Licht in der Dunkelheit der Eintönigkeit zu suchen. Leider konnten wir keine finden; eine sehr große Flasche Bier hat es aber auch getan:

 

Ende August 2018

Nachdem Domenico Tedescos, bereits in der letzten Saison oft gescholtener, Verhinderungsfußball im DFB-Pokal wieder voll zum Tragen kommt – ein Weiterkommen gegen den FC Schweinfurt kann erfolgreich verhindert werden – tut sich Erstaunliches auf der Website des besten Schalke-Blogger*innenkollektivs: Das Web 0.4 ist voll des Lobes für die am Ende vergebliche Mannschaftsleistung und kommt angesichts der Niederlage zu dem Schluss, die Konzentration auf den doch eigentlich langweiligen Pokalwettbewerb hätte sowieso nur größeren Zielen im Wege gestanden. Der Bundesligaauftakt gegen den VfL Wolfsburg läuft dann auch bereits deutlich geschmeidiger: Ein Naldo-Kopfballtor in der 97. Minute sicherte den hochverdienten 0:1 Sieg. Beim Nachbarn hingegen geht es offenbar holpriger zu: In der Nacht von Sonntag auf Montag wird Lucien Favre von windigen Leserreportern am Flughafen gesichtet und abgelichtet. Was diese nicht bemerken: Favre ist lediglich Teil des gesamten schwarzgelben Trosses, der gerade vom Auswärtsspiel aus Leipzig zurückkehrt.

 

Ende November 2018

Auch die dritte Länderspielpause der Saison kann die Serie nicht stoppen. Zuhause gegen die Freunde aus Nürnberg überzeugt die junge Truppe um Domenico Tedesco, indem sie nach einem frühen Eigentor der Clubberer in der 7. Minute nichts mehr anbrennen lässt und das Spiel gekonnt über die Zeit bringt. Im Web 0.4 wird die Leistung mit zahlreichen taktikanalytischen Beiträgen begleitet. Auch für Länderspielpausen finden sich viele warme Worte. Diese sollen gerne ab sofort jeden Monat ihren Platz finden, so der Tenor unter der Autorenschaft. In den sozialen Medien gibt es hierfür etwas Gegenwind. Streckenweise wird sogar behauptet, das Kollektiv stecke mit denen da oben unter einer Decke und betreibe eine Kampagne gegen den traditionellen Fußball. In der Redaktion wird herzlich darüber gelacht, powered by Coca Cola Walnutflavour.

 

Ende Dezember 2018

Nach der schallenden Ohrfeige einer 1:0-Last-Minute-Niederlage im Revierderby verfolgen Journalisten den Dortmunder Trainer Lucien Favre (mal wieder) bis zum Dortmunder Flughafen, wo sie ihn zur Rede stellen wollen. Der Schweizer reagiert ob der Bedrängnis verständlicherweise äußerst ungehalten und steigt alsbald bei dem von den Journalisten eilig kontaktierten Hans-Joachim Watzke ins Auto, nicht ohne den Medienvertretern noch ein wütendes „Merci!“ mit auf den Weg zu geben. Watzke blickt verkniffen drein, was allerdings nichts über seine Stimmung aussagt.

Und bei Blauweiß? Den Schalkefans wird die Wintermeisterschaft mit drei Punkten Vorsprung vorm FC Bayern unter den Baum gelegt. Die restliche Liga? Fragt nicht…

 

Ende Januar 2019

Ob der mageren Ausbeute von bislang nur 48 Punkten aus 17 Spielen sehen sich die Bayern zum Handeln gezwungen. Hasan Salihamitsch… Sallihamidci… Salihammidz… Brazzo präsentiert auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz dem vereinseigenen Bayern-TV den neuesten Startransfer. Währenddessen diktiert Uli Hoeneß den Sport-„Journalisten“ der BOULEVARD-Zeitung in ihre Blöcke, mit Mesut Özil habe man nicht nur den absoluten Wunschspieler verpflichtet, sondern auch gleich den besten offensiven Mittelfeldmann aus der Premier League wegschnappen können. Wie der Kontakt zustanden gekommen sei? „Also wissen Sie, mein kroatischer Fahrer, das ist lustig, diese Ausländer kennen sich irgendwie alle untereinander…“ Auf jeden Fall könne die Liga den Bayern nun einmal mehr sehr dankbar sein, so der Präsident.

 

Ende April 2019

Der Dämpfer für Tedescos Truppe kommt zur richtigen Zeit. Auf die Niederlage beim Club folgen Siege gegen Hoffenheim und die Schwarzgelben. Nach dieser zweiten deutlichen 1:0 Derbyklatsche für den BVB weichen die Journalisten BVB-Trainer Favre nicht von der Seite. Dieses Mal verfolgen sie ihn zum Flughafen in Düsseldorf und konfrontieren ihn mit ihrem Fluchtverdacht. Sichtbar gezeichnet steigt der Schweizer wieder in sein Auto. Der BVB sieht sich am kommenden Vormittag gezwungen, eilig eine Pressekonferenz mit Favre einzuberufen. Mit zitternder Stimme und unter Tränen gesteht der sein Problem ein: Er ist seit Jahren leidenschaftlicher Planespotter, aber nachdem ein paar Journalisten das Gerücht in die Welt gesetzt haben, er fliehe bei kleinsten Problemen im Verein über den nächstbesten Flughafen in die Schweiz, habe er nicht einen neuen Flugzeugtypen in Ruhe beobachten und von seiner Liste streichen können.

 

17. Mai 2019

Der Tag vor dem letzten Spieltag. Drei Punkte trennen den ruhmreichen FC Bayern (Torverhältnis 127:2) vom kleinen FC Schalke 04 (32:1) an der Tabellenspitze. In Deutschlands führendem Blogger*innenkollektiv herrscht Jubelstimmung: Oden an Tedesco werden verfasst, aus Walnussholz geschnitzte Figuren des Erfolgstrainers für kleines Geld (1.904 €) unter die Leute gebracht, Lieder über dessen Leistungen gesungen. Doch es regt sich auch Widerstand in der Fanszene: Die torarmen Ergebnisse, eine nicht für jedermann attraktive Spielweise und der ein oder andere schwer verständliche Spielerabgang bringen eine kleine Gruppe dazu, Fragen stellen zu wollen. Bewaffnet mit Plakaten tauchen sie beim Abschlusstraining vor dem wichtigen, letzten Spiel gegen den VfB Stuttgart auf. Auf den Plakaten zu lesen sind Dinge wie „Wir haben FRAGEN!“, „Web 0.4 = Tod des Fußballs“, „Das wird man ja wohl noch FRAGEN dürfen!“ und „Fick dich Web 0.4“. Von anderen anwesenden Zuschauern nach ihren Motiven gefragt, reagiert die Gruppe ungehalten. Der Vorwurf, man wolle sie mundtot machen, wird wieder und wieder geäußert. Eine Absetzung von Heidel und Tedesco, so die Vermutung einiger Anwesender, könne das Motiv dieser Leute sein. Die Mannschaft wirkt von diesem Auftritt irritiert, sammelt sich erst einmal in der Kabine, kehrt aber dann, lautstark das Web 0.4-Lied singend, auf den Trainingsplatz zurück.

Ein Punkt trennt sie, trennt uns nur noch von der lang ersehnten Meisterschaft.

 

Der Club steht vor dem letzten Spieltag drei Punkte vor dem Relegationsplatz.

Die restliche Liga? Fragt nicht…

Phil

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Fakten:
Regelbeauftragter | Ruhrgebietsliteraturwissenschaftler | Kegler |
Möchtegernliterat
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