Die Frage des Jahres

Mein Name ist Benjamin und ich habe da eine Frage.

Fragenstellen ist ja in meinen Augen elementare Kulturtechnik, neben Lesen und Pöbeln. Wer nicht fragt, bleibt dumm, haben wir schon als Furzknoten gelernt. Wer hingegen doch fragt, zeigt Neugier, Interesse, vielleicht sogar Lernwilligkeit oder – wenn man es wie Platon macht – Lehrkompetenz. Wer fragt, der hinterfragt. Wer fragt, ist sehr gut. Das Fragezeichen steht in dreifacher Ausführung für das Unbekannte, für ungelöste Fälle und mysteriöse Vorkommnisse. Und am Ende eines Satzes geht die Stimme hoch, was bei unerfahrenen wie fortgeschrittenen Lesern unbeabsichtigt Verwirrung stiftet. ¿Haben es die Spanier da nicht vielleicht besser? Sieht man das Fragezeichen, ist klar: Irgendwas fehlt da noch, mindestens eine Antwort. Eine Frage signalisiert also eine Leerstelle, die wir gefälligst zu füllen haben. Es gibt offene Fragen („Wie geht es dir?“), geschlossene Fragen („Geht es dir gut?“), Suggestivfragen („Und dir geht es gut?“), rhetorische Fragen („Sag mal, geht’s dir noch gut?“), Verständnisfragen („Wie war das gleich, dir geht es nicht so gut?“), Rückversicherungsfragen („Dir geht es gut, woll?“), Leitfragen („Soll es dir eigentlich gut gehen?“), Leidfragen („Kann es dir jemals wieder gut gehen?“) und viele mehr. Und auf alle kann man unterschiedlich antworten. Am Ende steht bestenfalls der Erkenntnisgewinn beim Fragenden oder auch beim Befragten.

Mein Name ist Benjamin und als es mir sehr dreckig ging, hatte ich zum einen großes Glück. Zum anderen konnte eine einzige Frage den schwarzen Hund aus meinem inneren Haus verscheuchen. Welche Frage das genau war, war eigentlich scheißegal, wichtig schien nur, dass es eine Frage gab, die mich nach vorne blicken ließ. Mittlerweile mache ich das Jahr für Jahr, stelle mir jeden Januar eine neue Frage, die das Potenzial hat, mich beim inneren Hausbau weiterzubringen. Diese Fragen sind so was wie mein innerer Handwerker, der die Bude wieder fit macht, mir den Swimming Pool und die Klimaanlage für die nahende Klimakatastrophe einbaut. Oder vielleicht auch der Innenarchitekt, der den ganzen Scheiß mal so richtig durchgestaltet. Einmal fiel mir diese Frage sehr schnell ein, schon an Neujahr. Ein anderes mal habe ich bis zum Februar gebraucht, um sie für mich formuliert zu haben. Fragen zu stellen kann ja auch eine komplexe Angelegenheit sein, vor allem, wenn sie zielführend und konstruktiv sein sollen. Je länger man aber braucht, um so weniger kann man mit den Antworten anfangen, die einem ja trotzdem im Alltag von Tag 1 an begegnen.

Da die Jahreszählung für den Fußballfan im Allgemeinen ja mit Saisons übereinstimmt („Die spielen genau die gleiche Scheiße wie im letzten Jahr, ey!“), könnte man nun auch hergehen und sich für das nahende Fußballjahr eine Frage stellen. Ich sehe mich als Schalker zwar in keiner ernsten Depressionsphase – ganz im Gegenteil – aber wir haben im letzten Jahr hautnah zu spüren bekommen, dass eine Entwicklung angestoßen wurde, die sich noch nicht nach Ende anfühlt. Diese Entwicklung wollen wir ja weiterführen und auch bisherige Erkenntnisse beibehalten. Wieso also nicht auch eine Frage des Jahres formulieren, die den Blick auf die Schalker Saison lenkt und begleitet? Die uns bei der Entwicklung unterstützt? Und noch was: In einer hochkomplexen Gesellschaft (und in einem Verein im Umbruch vom Umbruch vom Umbruch) kann eine solche Frage auch mehr als nur Antworten liefern. Sie kann Identität stiften, die nun wirklich jeder von uns gebrauchen kann. Ich kann mich nicht entsinnen, dass wirklich jeder hier wüsste, wer genau er wann genau und wo genau sei. Erst recht nicht in N4.

Ungeeignet sind Fragen, die man einfach mit Ja oder Nein beantworten kann, denn das ist schnell geschehen. Auch Fragen nach dem geilsten Club der Welt oder andere Selbstverständlichkeiten sind Quatsch. Das sind rhetorische Fragen. Das wären dann alles die Fragen eines sehr kurzen Jahres ohne nennenswerte Identitätsstiftung.
Wird der FC Schalke Deutscher Meister? – Ja. Schluss.
Timo Werner ist ein…? – Ganz schlechter Mensch. Aus.

Gesucht sind also offene Fragen, die nicht rhetorisch gestellt sind. Die Antwort muss ja jede Woche neu zu suchen sein, denn jeder Spieltag gibt eine neue Antwort auf diese Frage. Zumindest also so etwas wie:
Wer ist eigentlich der FC Schalke 04?
Was kann der FC Schalke 04?
Was kann Schalke leisten?
Was muss Schalke leisten?
Was ist der FC Schalke 04 wert?

Oder aber es wird spezieller…
Wie offensiv interpretiert Omar Mascarell die Rolle des defensiven Mittelfeldspielers in der Vorwärtsbewegung nach Ballgewinn durch den Außenstürmer im letzten Drittel des Auswärts-Achtelfinalspiels der Champions League bei knappem Rückstand und letzter Chance zum Weiterkommen?

Nee, das ist natürlich Quatsch. Die genaue Frage darf am Ende freilich jeder für sich selbst formulieren. Mich persönlich interessiert aber nach der tollen Stimmung in der Vorbereitung (FRANCO DI SANTOO! SCHALALALALALAA! FRANCO DI SANTOO!!) so was wie sportliche Identität… Wie leben die Spieler Schalke eigentlich auf dem Rasen? Oder auch: Für welche Spielweise will unser FC Schalke 04 stehen? Ich wälze das noch ein bisschen hin und her, mag aber den Ansatz schon jetzt. Vielleicht fällt dem ein oder anderen ja von jetzt auf gleich etwas für sich ein und lässt das Web 0.4 auf den entsprechenden Plattformen, die die DSGVO geschickt umgehen können teilhaben.

Es bleiben uns noch zweieinhalb Wochen, bis Woche für Woche Antworten auf dem Platz auftauchen. Zweieinhalb Wochen, in denen wir für diese unaufhaltsamen Antworten unsere Fragen formulieren sollten, um uns am Ende nicht überrumpelt zu fühlen.

Benjamin

Benjamin

Fakten:
Quotenbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang '86 | Die Katze heißt Vlad | Unheilbar gesund | Gitarrist | Viel zu schnell unterwältigt | Twitter
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