17 Apr

Doppelmoral? Ja, schuldig!

Man stelle sich vor, die DFL hätte das vergangene Derby auf den gestrigen Montag angesetzt. Der Aufschrei wäre gigantisch gewesen. Es hätte mindestens eine große Protestaktion, wenn nicht sogar einen kompletten Boykott der aktiven Fanszene (so sie denn generell am Derbygeschehen teilhaben darf) gegeben. Von freigelassenen Bereichen bis zur komplett leeren Nordkurve könnte ich mir fast jedes Szenario vorstellen. Auch ich persönlich hätte wahrscheinlich das Stadion nicht besucht, da ich diesen Montagstermin für völlig unnötig halte und deswegen ablehne.

Und nun? Fand das Spiel an einem Sonntag zur besten Fußballzeit um 15:30 Uhr statt. Strahlendes Frühlingswetter. Das Stadion mit über 60.000 Zuschauern rappelvoll. Die Stimmung gigantisch. Sky vermeldet heute mit 1,46 Mio. Zuschauern einen Sonntagsrekord sowie einen Marktanteil von über 10 Prozent (15% gar in der werberelevanten Zielgruppe). Zusammen mit den „Rudelguckern“ in Kneipen und Biergärten werden sicherlich etwa 2 Millionen Menschen das Spiel im TV verfolgt haben. Alles super, möchte man meinen.

Zeitgleich haben aber über 250 Vereine im Ruhrgebiet ihre Spiele, die grundsätzlich Sonntagsnachmittags angepfiffen werden, verlegt. In der Gelsenkirchener Kreisliga A fand kein Spiel um 15:00 Uhr statt. Diejenigen, die sich mit dem Gegner nicht auf einen anderen Spieltag einigen konnten, mussten neben den fehlenden Zuschauern auch auf viele ehrenamtliche Helfer sowie Spieler verzichten, die lieber das Derby schauten, als selber vor den Ball zu treten. Alles in allem ein weiterer Schlag in das Gesicht des Amateurfußballes. Protest über die Ansetzung war zwar zu lesen, stieß jedoch bei DFB und DFL auf taube Ohren.

Und auch der Autor dieser Zeilen, der ja wie bereits erwähnt, montags eher kotzen könnte, war natürlich im Stadion und hat sich den überzeugenden Sieg der Knappen gegen die gelben Nachbarn angesehen. Aber ist nicht eigentlich die Ansetzung am vergangenen Sonntag das wirkliche Problem des Fußballs? Die wenigen großen Clubs geben- in Form der DFL-die Marschrichtung vor und heimsen auch noch den Großteil der erwirtschafteten Gelder ein. Die vielen, vielen kleinen Vereine (sehr wichtig für den DFB, wenn es um ehrenamtliche Tätigkeiten sowie Nachwuchsförderung und Breitensport geht) schauen in die Röhre. Die Interessen einiger, weniger stehen über den Bedürfnissen vieler. Und wir unterstützen das Ganze. Mit unseren Eintrittsgeldern, unserem Druck auf die Fernbedienung oder mit unseren Hashtags und unseren Kommentaren in sozialen Netzwerken. Und das ohne großen Aufstand.

Gleichzeitig spucken wir aber Gift und Galle, wenn ein Spiel montags stattfindet. Im Hinblick darauf, dass der Sonntagstermin dem Amateurfußball, immerhin Grundlage und Herz unserer über Jahrzehnte gewachsenen Fußballkultur, wesentlich mehr schadet, eine gefährliche Doppelmoral. Beispiel: 2 Millionen Fernsehzuschauer verteilt auf die ca. 25.000 Vereine in Deutschland wären in etwa 80 Zuschauer pro Verein. Wenn jeder von diesen Zuschauern neben dem Eintritt (der zumindest im FLVW auch in den untersten Klassen zu entrichten ist) eine Bratwurst (meistens günstig und mit Liebe vom Holzkohlegrill) und zwei Getränke zu sich nimmt-das würde so manchem C-Ligist die Existenz für eine Halbserie sichern.  Stattdessen zahlen wir aber lieber den teuren Sitzplatz im Stadion, 2,90€ für eine (schlechte) Stadionwurst und den Zweit-oder gar Drittaccount bei irgendwelchen Pay-TV Anbietern. Zum Kotzen. Aber irgendwie auch alternativlos. Oder hat irgendwer eine Lösung ausser Komplettverzicht auf die kommerzielle Bundesliga? So weit bin ich persönlich nämlich-noch- nicht.

Henning

Henning

Fakten:
Movember-Beauftragter | Jahrgang '79 | Wohnhaft in Herne, der Perle Westfalens | Enkelaus Kohle und Stahl | Unheilbar 19. Mai-geschädigt | Meister 20..
Henning

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Charles Minor sagt:

Spiel auf 12 ihr und die Amas auf 1700.passt

Charles Minor sagt:

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Andrea sagt:

hmmm… ich teile Deine Auffassung nur begrenzt…
zumindest was den Sonntag betrifft.
Zum einen ist nicht jeden Sonntag Derby, desweiteren trifft es mit dem frühen Sonntagnachmittag jeden Verein irgendwann mal und auch da wird Kreisliga gespielt und auch woanders gibt es Derbys.
Der nächste Punkt wäre, dass wenn alles am Samstag liefe die Eltern der C und B Jugenden auf die Barrikaden gehen könnten und so weiter und so fort…
Ich find es eigentlich lobenswert und damit erwähnenswerter, dass die Verbände den Verlegungen stattgegeben haben, so dass „der Schaden“ möglichst klein bleibt.
Und mal ganz davon abgesehen, dass mit den unterschiedlichen Anstosszeiten Kohle generiert werden soll (wovon ich keine Ahnung habe….), ich kleines Menschlein hab doch immer die Wahl.
Ich bin Mutter eines Bezirksligaspielers in Essen (da wurde nix verlegt). Auswärts spielt er um 15 Uhr, beim Heimspiel morgens um 11.
1. Blick als der Termin fürs Derby feststand war auf den Kalender… spielt er Zuhause oder nicht. 11 Uhr. Glück gehabt.
Aber ich habe in all den Jahren schon einige Spiele nicht gesehen und die DK abgegeben weil er gespielt hat… ich hab immer die Priorität auf den Sohn und unseren kleinen Verein gesetzt, schon in der F-Jugend, als die Spiele mit den Samstags-Buli-Zeiten zu kollidieren begannen. Und so kann das doch jeder andere auch.
Es wird immer so sein, dass diverse Leute sagen: näää, ich geh lieber ins Stadion, aber wie anfangs gesagt… is ja nicht jede Woche so.

Andreas sagt:

Derby am Montagabend ist doch spitze. Kurze Anfahrtswege und so ;)

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