Das perfekte Derby

Die Voraussetzungen

Frühling in Gelsenkirchen. Wochenende. Die Sonne scheint. Der Himmel erstrahlt in unseren Lieblingsfarben. Überall kommen Menschen jeden Alters, jeder Ethnie und aus jeder gesellschaftlichen Schicht zusammen, um sich gemeinsam in immer größer werdenden Gruppen im größten Wohnzimmer der Erde zu treffen.

Die Stimmung ist locker. Ausgelassen. Es gibt kaum Diskussionen. Kaum jemand hat das Gefühl, dass wir so gut drauf sind, dass ausgerechnet der BVB uns stoppen müsste und niemand sieht uns so schlecht, dass er ein Überrennen unserer Mannschaft durch die Dortmunder befürchtet.

Die Niederlage in Hamburg nach der starken Serie scheint eine perfekte Ausgangslage zu sein. Der Trainer wird die Spieler schon wachgerüttelt haben. Und die Situation in der Tabelle ist alles andere als prekär.

Die Ultras haben eine Choreo geplant, Raúl ist anwesend, und sogar die Polizei wirkt recht entspannt, was nach dem Einsatz beim Naziaufmarsch in Dortmund am Vortag kein Selbstverständnis ist. Perfekt.

Das Spiel

Was man sich als Schalker trotz der Serie sehnlichst gewünscht hat, war ein Spiel, in dem man ganz offensichtlich die bessere Mannschaft stellt. Ein Spiel, in welchem man sich mittels schöner Tore, welche im Idealfall auch im Plural geschossen werden, den entscheidenden Vorsprung erarbeitet. Ein Spiel, dass nicht von Köln oder vom Elfmeterpunkt aus entschieden wird.

Das dieses Spiel ausgerechnet im Derby kommen wird, ist ein königsblauer Traum. Konoplyanka und Naldo waren Torschützen mit Ansage. Ich habe vor dem Spiel keine Namen öfter als prophezeite Retter der wichtigen Punkte gehört und gelesen. Und schon allein das jeweilige Geräusch dieser Gewaltschüsse beim Eintreffen des Balls ins Tornetz spricht Bände.

Die Stimmung im Stadion war entsprechend, und der Gästeblock aus der Nordkurve schlicht nicht wahrnehmbar. Perfekt!

Das Ergebnis

Wäre er wahrnehmbar gewesen, hätte man hoffentlich und vermutlich nicht den Gesang gehört, den man leider auf beiden Seiten zwar nicht mehr sehr flächendeckend, aber dennoch sporadisch vernimmt. „Schwuler XXX“. Dabei wäre dies im Falle des S04 wohl diesmal tatsächlich zutreffend. Denn die gesamte Männerschaft unter den Stadionbesuchern tat es den Damen gleich und verliebte sich in den kleinen Italiener, sofern das – wie in meinem Fall – nicht schon vorher geschehen ist.

Dieser ließ sich sogar dazu hinreissen, in die Kurve gekommen. Trotz seiner Bescheidenheit. Trotz seiner Besonnenheit. Er kam einfach nicht drum herum. Es gab ja auch allen Grund zu feiern. Vier Punkte Vorsprung auf Platz 3 und 4. Und ganze Acht Punkte Vorsprung auf Platz 5. Die Champions League ist zum Greifen nah.

Zwar sieht ein Worst-Case-Szenario immer noch den 7. Platz vor, da aber der Dritte noch gegen den Vierten, der Sechste gegen den Vierten und Fünften, und der Siebte gegen den Ersten und Zweiten ran muss, sollte schon ein weiterer Dreier die Qualifikation zur Königsklasse bedeuten. Da möchte man gar nicht daran denken, dass wir am Mittwoch auch noch ins Pokalfinale einziehen können.

Und sollte dies der Fall sein, meine Freunde, gehe ich fast jede Wette* ein, dass diese Woche bei uns mehr gefeiert worden sein wird als bei der Meisterschaft in München.

Perfekt. Einfach perfekt.

*Wetten mit Tätowierungen und Affen ausgeschlossen

 

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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