08 Mrz

Leise Zweifel, mittellaute Zweifel

Irgendwann im letzten Jahr habe ich mal eine kleine Geschichte geschrieben, in der ein Typ, er braucht jetzt hier nicht unbedingt einen Namen, morgens aufwacht. Geht ja vielen von uns so, also dass man morgens erst einmal aufwacht.

Auslöser war bei mir dieser größenwahnsinnige Gedanke, ich könne doch jetzt mal bei Literaturwettbewerben mitmischen, natürlich nicht irgendwo: Es sollte dann schon der Literaturpreis Ruhr, also der kleine Förderpreis neben dem Hauptpreis sein. Im Großen klein anfangen, klar. Themenvorgabe war „Das Klopfen an der Tür“. Dass jemand irgendwann an der Tür klopft, da kommt man dann schon noch hin, zuerst ließ ich meinen aber Typen mal aufwachen, nach einer beschissenen Nacht, kaum geschlafen, völlig gerädert, keine Lust auf irgendwas. Häufiger fangen meine Geschichten so an. Kommt auch sicher nicht von ungefähr.

Bis heute weiß ich auch überhaupt nicht, ob die Geschichte gelungen ist. Eine kleine Hand voll Leute hat sie gelesen, und da weiß man ja auch nie, wie ehrlich die wirklich mit einem sein können. Das führt hier aber auch gerade sowieso in die völlig falsche Richtung. Ach, eins noch: Den Literaturpreis Ruhr habe ich natürlich nicht bekommen. Schade, das Geld hätte ich gut gebrauchen können, für Socken oder so.

Mein Typ steht also morgens auf, mehr schlecht als recht, zwingt sich einen Kaffee rein, läuft zur Straßenbahn und quält sich zwischen den anderen Fahrgästen durch zu einem Platz, als ihm plötzlich was auffällt: Wie dieses Gefühl, wenn man was vergessen hat, den Herd auszuschalten oder so, man ist sich nicht sicher was genau, nicht mal sicher, ob man überhaupt was vergessen hat, aber da ist was. Der Typ, mein Typ hat aber nichts vergessen, er hat was verloren. Glaubt er, sagt ihm sein Gefühl. Was, das weiß er nicht. Trotzdem macht er sich auf die Suche. Weil er muss.

Neulich, es könnte Montag gewesen sein, vielleicht auch Dienstag, saß ich im Bus zwischen Bochum und Schwelm und bin von Funkloch zu Funkloch gefahren. Meist lasse ich mein Handy dabei in der Tasche, weil halt sowieso nichts geht, und das „meist“ ist natürlich eine dreiste Lüge: Ständig hole ich es raus, klicke irgendwo drauf rum, nur um dann zu merken, dass sowieso ohne ordentlichen Empfang nicht einmal ein Tweet abzuschicken ist. Manchmal fängt man aber doch ein Fitzelchen von dem begehrten Datensaft ab, also konnte ich unverhofft den (damals) neusten Text von Andi im Web04 lesen, von einer Situation, die bis zum Erbrechen aufgebauscht wird. Ihr habt ihn ja auch alle gelesen. Da schreibt er wie selbstverständlich, sogar zweimal, Schalke sei der geilste Club der Welt.

Da habe ich dann so drüber gelesen, hab‘ es schon hundert, nein tausendmal gelesen, gehört, vermutlich sogar gesagt, mir nicht viel bei gedacht. Aber in Folge hat es dann doch gearbeitet. Wieso ist Schalke eigentlich der geilste Club der Welt?

Ist es die Mannschaft? Sie sind gerade super erfolgreich, sogar Zweiter in der Bundesliga (eigentlich noch immer der schlechteste Zweite aller Zeiten?), aber den zweiten Tabellenplatz habe ich tatsächlich erst am Montag beim zufälligen Blick auf die Tabelle mitbekommen. Und ich hatte das Spiel gesehen. Wirklich gepackt haben mich Spiele abseits des Derbys echt schon eine Weile nicht mehr. Oder die Tabelle, packen kann die einen ja wahrscheinlich eh eher nicht, aber auch nicht interessiert, hat sie mich. Zurück zur Mannschaft. Die kann Schalke ja sowieso nicht zum geilsten Club der Welt machen, die hat ja eine viel zu große Fluktuation. Es müssen die Fans sein.

Sind es die Fans? Keine Ahnung, aber irgendwas läuft da auch schief. Einer von uns hat sich verändert. Ihr oder ich? Ich gehe nicht mehr gerne ins Stadion. Ich habe da in den letzten Jahren echt verschiedene Blöcke ausprobieren dürfen, Süd-, Nord-, Haupttribüne. Überall hatte ich nach dem Spiel schlechte Laune, weil um mich herum 90 Minuten die Wut über einzelne Spieler oder gar die gesamte Mannschaft oder wasweißich regierte. Die sechs Buden damals gegen Real haben mich bei weitem nicht so schockiert, wie die Menschen, die mit Schaum vorm Mund in meiner Umgebung saßen. Seitdem habe ich meine Besuche in der Arena immer weiter reduziert. Und kein einziger davon war mehr richtig schön. Sind es die Fans?

Neulich flog so ein Facebookscreenshot oder Link an mir vorbei, auf dem ein Posting zu sehen war, in dem sich ein relativ bekannter Betreiber einer Schalke-Community offen von Rassismus, AfD, NDP, irgendwelchem rechten Kram eben distanziert hat. Sowas in der Art war es, genau weiß ich es nicht mehr.  Darunter häuften sich die Kommentare, von denen „Politik hat im Sport nichts verloren“ mit obligatorischen siebenundvierzig Ausrufezeichen noch der harmloseste und vielleicht am wenigsten dümmste war, nett ausgedrückt. Da frage ich mich dann schon:

Wie können solche Leute Schalker sein? Was suchen diese Menschen beim angeblich geilsten Club der Welt? Wie kann Schalke der verdammt noch mal geilste Club der Welt sein, wenn da auch solche Arschgeigen mitmachen dürfen?

 

Oder aber Schalke ist vielleicht gar nicht der geilste Club der Welt? Leise Zweifel, mittellaute Zweifel. Verdammt, Leute! Ich glaube, ich habe da was verloren und ich habe Angst. Ich fürchte, ich brauche Hilfe.

 

Foto: CC BY 2.0 – Transformer18

Phil

Phil

Regelbeauftragter | Ruhrgebietsliteraturwissenschaftler | Kegler |
Möchtegernliterat & Träger der Vestischen Literatur-Eule 2017
Phil

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Der Li sagt:

Das ist wie in der Liebe. Der geilste Club der Welt ist kein Selbstläufer, keine Selbstverständlichkeit. Es sind die Menschen, die Schalke schon seit so langer Zeit zu einem außergewöhnlichen Club machen. Arschgeigen gibt es überall. Bei 60.000 im Stadion wirst Du wahrscheinlich von allem und jedem was antreffen. Aber in der Mehrheit ist es doch ein feiner Schlag Mensch, der mit Herz und Leidenschaft bei diesem Verein ist. Und auch die aktuelle Mannschaft hat was, macht es den großen Talenten nicht leicht, zu gehen. Aber keiner der Spieler ist nachtragend. Der Kreisel, der Stan, der Naldo. Der Trainer, unglaublich sympathisch. Der Elgert, gerade der Elgert und seine Lebenseinstellung! Das Gebiet, der Ruhrpott! Die Tradition, die alten Skandale, ja auch die alten Skandale, der Sonnenkönig. Der Assauer, was ein Macho und jetzt so klein, und doch ein so großer Kämpfer, mit Tochter und dieser Seele von Sekretärin. Der Charly Neumann, unvergessen beim 1:6 in Leverkusen in der Kurve. Hier regiert der S04! Und die Blogger, der Hassan, der Wieland, der Redenkämper, die Halbfeldflanke und Du, Ihr auch! Und jetzt liegt es an Dir, ein weiteres Kapitel zu schreiben! Nicht allein aber auch. Ein kleines, ein Kapitel, eine kleine Geschichte, die diesen großen Club mit vielen weiteren Geschichten zum geilsten Club der Welt macht! Ich hab so Bock aufs Spiel morgen und auf noch viele weitere Kapitel von tollen, einfachen Menschen mit einem großen Herz am richtigen Fleck. Glück auf beim geilsten Club der Welt!

Nersmurf sagt:

Interessanter Text, und ein sehr guter Kommentar von Der Li, in dem ich mich schnell wieder finden kann. Schreiben wir heute in Mainz ein neues Kapitel mit gefühlten 4000 anderen Fand vom GEilsten Verein vonne ganzen Welt. Glück Auf!

Benjamin sagt:

Phil, dat is wie mit der Frau/dem Mann. Manchmal ist alles total super, toller Sex, tolle Erlebnisse, tolle Gespräche. Manchmal geht dir aber schon die bloße Fresse auf die Eier.
Ich halte so Schwankungen für normal und wette mit dir, dass du die Power bald wieder spürst. Ich glaube, dass sich vor allem deine Wahrnehmung verändert, Schalke selbst aber kaum. Teddy macht gerade ein bisschen wärmenden Wind, Naldo und andere überraschen immer wieder mal mit ihren Leistungen… Alles beim alten. Die Affenbirnen aber waren schon immer da, dafür ist der Verein schon zu lange zu groß.
Und Schalke ist doch sehr viel mehr als aufm Platz oder in der Arena. Da ist es auch so abhängig von dem, was man überhaupt wahrnehmen -will-. Und wenn man irgendwann dafür sensibel wird, dass der Sitzplatznachbar schimpft, dann hört man das immer wieder. Ich hatte so ein Loch auch vor einzwei Jahren und hab mich gefragt, ob ich da wirklich dazugehöre. Dann kam ich aber zu dem Schluss: „Neenee, es gehört ja genau andersherum! Gehören diese Gorillas überhaupt zu -meinem- Schalke?“ Dadurch wurde die Frage schon fast rhetorisch. Teddys Truppe und das Web 0.4 taten ihr übrigens. <3

Annika sagt:

Ich kann dich sehr gut verstehen. Ich schaffe es nicht oft ins Stadion, kein Geld. Wenn es dann doch mal klappt, freue ich mich vorher wie Bolle und eigentlich könnte das Erlebnis so schön sein, aber dann hast du diese schon heiseren Säcke um dich rum, die Spielern aus der eigenen Mannschaft Gewalt androhen, rassistische Beleidigungen, das ständige Raunen bei Fehlpässen, die Mannschaft durchläuft nach Jahren endlich mal wieder eine positive Entwicklung und trotzdem geht es vielen nicht schnell und nicht gut genug. Ich weiß nicht, wie es bei anderen Bundesliga-Vereinen ist, aber ich habe schon den Eindruck, dass man sich auf Schalke besonders gern selbst zerfleischt/der Fußball als Blitzableiter für ganz andere Probleme herhalten muss.

Jens sagt:

Wo sitzt ihr bitte alle?
Also unten in s5 hab ich sowas extremes nie gehört…
Da ist nur Lennard der ein bisschen extrem bei der Sache ist
Aber das ist ja vollkommen ok und irgendwie auch lustig.
Ich persönlich achte auf sowas gar nicht. Muss man wahrscheinlich, sonst merkt man das nicht.

leoluca sagt:

Seitdem ich ins Stadion gehe – seit 40 Jahren – seitdem treffe ich oder stehe ich immer wieder auch mal neben Idioten. Nörgler, Choleriker, Besserwisser – alles. Ist normal und man kann das im schönsten Fußball-Buch aller Zeiten „Fever Pitch“ der Länge und der Breite nach nachlesen. Nick Hornby beschreibt sehr ausführlich, dass viele Leute damals, in den goldenen 1960er und 1970er Jahren nur deshalb zu Arsenal-Spielen gingen, um ihren Hass auf das Leben rauszukotzen und sich zu besaufen. Eine wahre Freude hatten die, wenn sie sich einen der Spieler besonders rauspicken konnten, um ihn übelst zu beschimpfen. Kenne das aus der Glückauf-Kampfbahn genauso wie aus dem Parkstadion. Sollte den Traditionsromantikern zu denken geben.

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