Einfach nur gut

Es war der 20. Januar, so um 19:20 Uhr rum: Leon Baileys hübsches Hackentor wurde gerade in der Sportschau gewürdigt, als Rudi Völler sich nicht entblödete, ins blaue Mikro zu schwadronieren, dass Leon Bailey bei Leverkusen spiele, sei einfach gut für die Bundesliga.
Gut für die Bundesliga, das werden zahlreiche Bundesligisten, darunter an erster Stelle einmal Hoffenheim, natürlich anders sehen, schließlich sind sie Teil der Bundesliga und gegen Baileys Mannschaft hatte man gerade erst vier Dinger kassiert. Aber so ist es, drunter macht man es nicht mehr. Manche Vereine holen keine Spieler mehr, weil die das Team weiterbringen, sondern in erster Linie, weil es gut für die Bundesliga ist.


Vorreiter des Samaritertums in Sachen Bundesliga ist natürlich der FC Bayern. Was man an der Säbener Straße so treibt, ist seit jeher besonders gut für die Bundesliga. Kürzlich haben sie mit der Verpflichtung Leon Goretzkas Verantwortlichen und Fans aller anderen 17 Vereine die Freudentränen in die Augen getrieben. Selbst bis in die Niederungen der zweiten Liga sollen sich Jubelszenen abgespielt haben. Entdeckt haben die Bayern ihren Edelmut vermutlich um die Jahrtausendwende. Damals kam der etwas schmutzige Deal mit der Kirch-Gruppe ans Licht: 40 Millionen D-Mark an der Liga vorbei kassiert, erwischt, 3 Millionen Euro Strafe gezahlt. Natürlich wollte man sich damals keinen illegalen Vorteil verschaffen, man wollte ein Zeichen für höhere TV-Gelder (die nun vielleicht etwas ungleich verteilt werden, aber das ist ein anderes Thema) setzen. FC Bayern: Einfach gut für die Bundesliga.

 

Wenn man in die Richtung mal ein wenig recherchiert, ist es wirklich erstaunlich, was in den letzten Jahren alles gut für die Bundesliga gewesen sein soll:

  • Das ist gut für die Bundesliga. Wenn er (Ruud van Nistelrooy, Anm. d. Autors) fit ist, ist er eine unglaubliche Verstärkung für den HSV.“ – Bayern-Trainer Louis van Gaal
  • So ein Wortgefecht schadet der Bundesliga nicht. Es ist sogar gut. Ich finde, dass das belebend ist.“ – Ottmar Hitzfeld über die öffentlichen Bemühungen des FC Bayern, Marco Reus vom BVB zu verpflichten
  • „Ich freue mich für Marco. Das ist auch gut für die Bundesliga und gut für Borussia Dortmund.“ – Bayern-Spieler Mario Götze über Marco Reus‘ Vertragsverlängerung beim BVB kurz darauf.
  • Es ist zuerst einmal gut, wenn solche erstklassigen Spieler, die jede Mannschaft verstärken, die Nationalspieler sind, in der Bundesliga bleiben. Es ist ein Vorteil für die Bundesliga, wenn eben solche Stars auch hierbleiben.“ – Ex-Bayernspieler Philipp Lahm über Marco Reus‘ Entscheidung nicht nach Spanien zu wechseln
  • „Richtig ist, dass zwischen meinem Kollegen Aki Watzke und mir ein gutes Verhältnis herrscht. Das ist gut für die Bundesliga.“ – Karl-Heinz Rummenigge
  • „Ich wünsche mir von Herzen, dass Bayern den Champions-League-Titel holt. Das wäre sehr gut für die Bundesliga und den deutschen Fußball.“ – Gladbachspieler Dante vor seinem Wechsel zum FC Bayern
  • Es ist gut für die Bundesliga, dass er bleibt“, sagte Bayern Münchens Stürmer Robert Lewandowski über den Verbleib von Pierre-Emerick Aubameyang beim BVB

 

Inzwischen hat sich vermutlich auch schon jemand aus dem Süden dazu geäußert, wieso Aubameyangs Wechsel auf die Insel einfach nur gut für die Bundesliga ist. Interessanterweise sind es nämlich in erster Linie Protagonisten des FC Bayern, die bewerten, welche ihrer oder der Entscheidungen anderer gut für die Bundesliga sind. Vielleicht werden sie häufiger gefragt, vielleicht wissen sie es einfach am besten. Bayrische Expertise, sozusagen. Abnehmen kann man ihnen die anscheinend dahintersteckende Sorge um die Bundesliga natürlich nicht, auch wenn sie berechtigt wäre: Seit Jahren gibt es keinen wirklichen Titelkampf und ein ermüdendes Schneckenrennen um die Europapokalplätze. Das kann den Bayern natürlich egal sein, nur sagen möchten sie das nicht so gerne. Einfach die Schnauze halten, wäre natürlich auch eine Möglichkeit, die lässt sich aber wohl nicht mit der Eitelkeit des Klassenprimus‘ und dem ständigen Gefragtwerden vereinbaren.

 

Aber ist die Verpflichtung einzelner Spieler wirklich gut für die Bundesliga? Machen wir uns dahingehend mal nichts vor: Am Ende gehen die Leute nicht ins Stadion, um beim Gegner die tollsten Spieler der Welt zu sehen. Sie wollen Siege sehen, Erfolge, vielleicht auch Spannung. Es ist nicht gut für die Bundesliga, wenn Bayern morgen Cristiano Ronaldo verpflichtet, es ist gut für den FC Bayern. Für den Rest ist es egal, richtig übel, wenn man ehrlich ist. Wenn die Leute auf den Tribünen nach einem erkämpften Sieg auf dem Platz das Gefühl haben, die drei Punkte richten in der Tabelle nichts aus, weil sowieso keine großen Sprünge mehr gemacht werden können, weil alles schon nach dem 11. Spieltag entschieden ist, weil die Angst in den Abstiegskampf zu rutschen die Spielweisen der Teams bis Platz zwei dominiert, dann ist es zu spät. Und es ist schon zu spät. Neun ausverkaufte Stadien pro Spieltag sind längst nicht mehr an der Tagesordnung. Das sollte die Verantwortlichen in den Vereinen, aber auch bei der DFL alarmieren. Erst gehen die Menschen nicht mehr ins Stadion, dann abonnieren sie keine zwei verschiedenen Pay-TV-Sender mehr, um alle Spiele ihres Teams zuhause verfolgen zu können und am Ende landen sie noch bei abstrusen Sportarten wie Tennis. Okay, so weit wird es wohl nicht kommen.

Auf jeden Fall wird es sicherlich nicht helfen, wenn Verantwortliche des FC Bayern Fußballdeutschland in einer Tour erklären, was sie alles Gutes für die Bundesliga tun. Schön wäre es doch, wenn bei der DFL wirklich mal eine Entscheidung getroffen würde, die nachhaltig gut für die Bundesliga sein könnte. Playoff-Spiele am Ende der Saison, zum Beispiel. Die letzte wirklich gute Entscheidung liegt nun mit der Wiedereinführung der Relegation auch schon zehn Jahre zurück. Könnte die nicht wirklich ein gutes Vorbild sein? Ein Meisterschafts-/Europapokalqualifikationsturnier zum Saisonende; Das wäre doch bestimmt gut für die Bundesliga.

 

 

Am Ende der Zeilen hier ergibt nun auch Rudi Völlers Aussage vom Anfang einen Sinn: Leon Bailey ist ein herausragender Spieler, den die Bayern im fernen Belgien selbst mit Sicherheit nie entdeckt hätten. Zweifelsohne werden sie ihn bald verpflichten. Und was gut für die Bayern ist, natürlich auch gut für die Bundesliga.

 

Foto: CC BY 2.0 – Thomas Kohler

Phil

Phil

Fakten:
Regelbeauftragter | Ruhrgebietsliteraturwissenschaftler | Kegler |
Möchtegernliterat
Phil

Letzte Artikel von Phil (Alle anzeigen)