Du oder ich?

Du oder ich? Ich frage mich das wirklich. Oder besser ich frage dich: Habe ich einen verklärten Blick, oder hast du ihn? Ich weiß, dass die Anrede in zweiter Person hier provokant sein mag, denn vielleicht ist dein Blick genau so wenig oder viel verklärt wie der Meine.

Aber es war am vergangenen Samstag nicht zum ersten Mal so, dass ich ein Spiel schaute, meinen Senf in die sozialen Medien ergoß und anschließend bemerkte, dass ich mich mit meiner Meinung sehr allein fühlte.

Ich schreibe von einem gutem Spiel, du schreibst von schlechter Leistung. Ich sehe ein Konzept, ich sehe gut funktionierendes Pressing und ich sehe einen Drang zum Tor. Du siehst eine Mannschaft die zu behäbig auftritt, nicht willens genug, und immer einen Schritt zu langsam ist.

Ist mein Anspruch zu niedrig, wenn ich damit zufrieden bin, in einem Auswärtsspiel in Gladbach nicht mehr weggehauen zu werden? Oder deiner zu hoch, wenn du zu erwarten scheinst, dass wir da einen Dreier einfahren müssen? Oder ist es vielleicht einfach so, dass du mit dem Spiel und vor allem dem Ergebnis zufrieden gewesen wärst, wenn wir die Punkte gegen Köln nicht hergeschenkt hätten?

Ich bin jedenfalls rundum zufrieden. Wir haben einen Trainer, der Zukunft verspricht, der Gegenwart gestaltet und der die Vergangenheit erst zur Vergangenheit macht. Wir stehen auf Platz 3, einen Punkt hinter dem Zweiten, und sind weit entfernt von jeder Abstiegssorge. Das war vor kurzem noch anders.

Hoffst du wirklich auf die Meisterschaft? Nein, das tust du nicht, oder? Aber was ist dann das Problem? Wir stehen gut da, wir haben beste Aussichten und ich hätte niemals gedacht, dass endlich ein Trainer im Stande ist, Solches so schnell zu leisten. Was kommt da erst im zweiten, und dritten Jahr? Oder habe ich einfach ein Problem?

Habe ich mich über die Jahre an den schlechten Fußball so sehr gewöhnt, dass ich den Normalen nun abfeiere? Oder haben dir lediglich drei gute, dominante Spiele gereicht, um dort den Standard anzusetzen? Oder ist das wieder diese „Preis des Kaders durch Erfolg gleich Zufriedenheit“-Rechnung?

Wir sind seit neun Ligaspielen ungeschlagen. Aber haben fünf davon eben auch nicht gewonnen. Drei dieser Unentschieden waren aber immerhin Spiele gegen Konkurrenten um die oberen Plätze. Zwei davon wiederum auswärts.

Klar ärgert mich so ein Ergebnis gegen Köln. Und irgendwie auch das gegen Wolfsburg. Aber eben auch nur das Ergebnis. Ich sehe keinen Grund, es irgendwem anzulasten. Weil ich den Eindruck habe, dass Mannschaft und Trainer alles geben, und – noch wichtiger – auf einem Weg sind. Ich kann nur hoffen, dass dich wenigstens das Ziel dieses Weges zufriedenstellen wird.

Ich freue mich über die Schritte, die wir machen. Und es gehört zu jeder Entwicklung dazu, zwischendurch auch mal einen zurück zu machen. Das sollte man dann be- und sogar anmerken dürfen. Aber doch nicht gleich den Blick aufs Ganze verlieren.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wer von uns da nun den realistischeren Blick hat. Es kann gut sein, dass ich das nicht bin. Aber ich weiß, dass mir Schalke im Moment Spaß macht. Und das ist ein Gefühl, welches ich dir durchaus empfehlen kann. Steig ein, Balu singt vor.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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