Schwarz und Weiß. Aus Tradition.

Schwarz und Weiß. Aus Tradition.

Red Bull ist Scheiße. Investoren sind Scheiße. Vielleicht ist sogar der ganze moderne Fußball Scheiße. Ich weigere mich aber trotzdem RB Leipzig komplett scheiße zu finden. Und das hat einen ziemlich einfachen Grund.

Wer sind wir eigentlich, dass wir uns anmaßen, einer Stadt oder vielleicht sogar einer ganzen Region den Mittelfinger zu zeigen? Ihr das Recht absprechen, es gut zu finden, endlich wieder einen Platz im Oberhaus des deutschen Fußballs zu besetzen? Wer sind wir, dass wir sagen „Wir haben Tradition! Ihr nicht! Das ist unsere Liga!“.

Ich finde RB Leipzig nicht gut. Und ich finde RB Leipzig nicht schlecht. Das liegt daran, dass ich RB nicht gut finde. Leipzig aber. Das liegt daran, dass der Fußball im Osten des Landes sehr wohl eine große Tradition hat. Das liegt daran, dass der Fußball im Westen diesen geradezu ausbeuten durfte. Das liegt daran, dass ich mich für die Menschen dieser Stadt und dieser Region freue, dass sie endlich wieder da sind, wo sie damals aufgrund wirtschaftlicher Unfairness nicht sein konnten und durften.

Soll ich jetzt wirklich weinen und schreien und schimpfen, dass dies durch eine ganz andere wirtschaftliche Unfairness möglich gemacht wurde? Jetzt aber mal ehrlich. Ist unser eingetragener Verein, ist die Summe unserer Mitglieder, ist unsere Geschichte, unsere Tradition und unsere Lautstärke dafür verantwortlich, dass wir da stehen, wo wir sind? Oder hat das vielleicht auch was damit zu tun, dass ein in Deutschland verrufenes Unternehmen seine Stellung in Europa stärken wollte? Und dies im Übrigen auch sehr gut geschafft hat…

Diese Scheinheiligkeit kotzt mich an. Diese Arroganz kotzt mich an. Der Aufschrei, als ein reicher Mäzen einen Club irgendwo in der Mitte von Nirgendwo aus dem Boden hat schießen lassen ist längst verhallt. Jetzt gibt es den nächsten Aufschrei. Natürlich während wir uns genüsslich die von Medienprfois aufpolierten Unternehmens-News zu den neuesten Markterschließungen in Asien und im E-Sport reinziehen.

Zu dem wundert es mich doch, dass die, die am lautesten schreien, die sind, die eine Erscheinung des modernen, kommerziellen Fußball sind. Die, deren drittgrößtes Feindbild die Leute im eigenen Stadion sind, die behaupten, dass Anfang der Neunziger noch alles besser war. Die, die sich Anti-Kommerzialisierung auf die Fahnen schreiben, aber längst einer der wichtigsten Teile der Kommerzialisierung sind.

Es gibt nun mal keine unkommerzielle Haltung außerhalb des Boykotts. Da kann man noch so viele Banner hochhalten. Da kann man noch so viele Bögen um den Fan-Shop machen. So lange die Choreo unter dem Gazprom-Logo schön genug ist, so lange der Auswärtsgesang bei der Sky-Übertragung laut genug ist, so lange wir die Ränge jeder Spielstätte füllen, sind genau wir es, die den superkommerziellen Fußball möglich machen.

Es ist mir kein Anliegen, dass irgendwer Red Bull nicht als Übel betrachtet. Es ist mir auch kein Anliegen, dass irgendwer froh ist, Leipzig auf den oberen Rängen oder überhaupt in den ersten Ligen zu sehen. Aber es ist mir ein Anliegen, dass wir vielleicht mal endlich wieder herunterkommen und ein paar Graustufen – es muss ja nicht gleich Farbe sein – in unsere Köpfe lassen.

Bleibt auf dem Teppich. Und vor allem sportlich.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

Letzte Artikel von Andreas (Alle anzeigen)