Alternativen für Deutschland

In einer Woche läuft es bereits, das angeblich niveauvollste Nationalmannschafts-Fußballturnier der Welt. Die Deutschlandfahnen schmücken bereits wieder Kraftfahrzeuge und 3-Quadratmeter-Ruhrpott-Hängegärten. Der Deutsche bereitet sich auf eine Zeit des Biertrinkens, Grillens und gemeinschaftlichen Fernsehspektakels vor. Dabei wird gemeckert, mitgecoacht und gejubelt.

Ich bin mal wieder nicht soweit. Gut, vollkommen normal: Die meist anfängliche und typisch deutsche Skepsis gegenüber dem ‚eigenen‘ Team weicht sowieso frühestens im zweiten Vorrundensieg. Doch da schwingt bei mir – wie jeher – noch etwas anderes mit.

Ich bin Deutscher. Ich lebe in Deutschland. Meine Familie gibt mir auch nicht viel anderen Background her, der mir irgendeine andere Identifikation bereitstellen könnte. Ich hadere seit jeher mit dieser Identifikation. Mit unserer Geschichte, aber auch mit der deutschen Gegenwart. Der Wutbürger würde mir nach einem kurzen Gespräch sicher ein Auswandern anraten.

So weit ist es aber noch nicht. Doch ich schaffe es einfach nicht, die deutsche Nationalmannschaft toll zu finden. Warum auch? Weil die Spieler die da spielen innerhalb der selben Grenzen leben, in denen ich lebe? Ich finde Grenzen doof. Nähe? Die Spieler der niederländischen Nationalmannschaft, die ja ohnehin nicht mitspielen, haben ihren Background im Schnitt sicher sogar sehr viel näher an meiner Lebensmitte. Geografisch gesehen.

Störend wirkt sicher auch mein Dasein als Schalker. Denn mit wem könnte ich mich eigentlich besser identifizieren, als mit zwei waschechten Gelsenkirchener Jungs, und sogar einem Gladbecker Spieler, der seine ersten fußballerischen Schritte im selben Verein wie ich gemacht hat? Hallo? Alles Ex-Schalker mit halbwegs unrühmlichen Trennungshintergrund. Die kann ich doch nicht ernsthaft gut finden und anfeuern. Bleiben immerhin noch Benedikt Höwedes, Herzensschalker, und Leroy Sané, zukünftiger Ex-Schalker. Aber irgendwie ist deren Rolle in der „Mannschaft“ nicht groß genug, um all den Müllers und so Erfolg zu gönnen.

So ist es aber eben nunmal: In Nationalmannschaften, vor allem in denen der Ländern mit großen Ligen, spielen ‚Stars‘. Und die sind oft nur schwer zu ertragen und eher selten als Identifikationsfiguren geeignet. Gerade wenn man eigentlich eher einem kleineren Verein zugewandt ist. Naja – Schalke ist da wohl eher Grauzone. Trotzdem: Es ist mir nicht möglich, mich gänzlich auf ein Team einzulassen, dass vor allem aus Bayern und BVB-Spielern besteht. Oder aus London und Manchester-Spielern. Oder aus Madrid- und Barcelonaspielern.

Aber ein Turnier ohne persönliche Bindung macht auch keinen Spaß. Es macht viel mehr Freude, wenn man zu irgendwem hält. Dehalb hier, als kleine Anregung unter Schalkern, 04 Alternativen zu Deutschland.

  1. Österreich – Neben Allesandro Schöpf stehen satte 14 weitere Spieler aus den deutschen Bundesligen im Aufgebot. Und mit Alaba nur einer von Bayern. Dazu kommt mit Überraschungsmeister Christian Fuchs ein Spieler aus der Abteilung „Einmal Schalker, immer Schalker.“ Ein vielversprechendes Team unter der Leitung eines Coaches, dem als langjähriger Trainer von Bochum die Ruhrpottluft nicht fremd ist.
  2. Belgien – Dass die belgische Mannschaft mit sehr wenigen Spielern aus Belgien auskommt, ist nichts besonderes. Es trifft sich einiges Klasse aus allen großen Ligen Europas – merkwürdigerweise diesmal außer der Bundesliga. So drückt man wenigstens keinem Schalker Ligakonkurennten die Daumen. Trotzdem ist die Schalke-Affinität natürlich allein schon des Trainers wegen gegeben. Und ich persönlich würde es sehr begrüßen, bald mal wieder einen Spieler des Nachbarlandes in den Schalker Reihen zu wissen…
  3. Island – Eine Nationalmannschaft, wie sie Herrn Gauland stolz machen würde. Nur ein Spieler, der nicht in Island geboren wurde. Wer jetzt aber einen Haufen Amateurfußballer mit Bäckerausbildung erwartet, könnte sich getäuscht sehen. Spieler aus unglaublich vielen europäischen Ligen kommen hier auf dem Platz zusammen. Das Team für die Umderdogliebhaber.
  4. Frankreich – WAS? Der Erz- und Erbfeind? Das Gastgeberland? Ja. Irgendwie schon. Ich kann gar nicht genau sagen warum. Aber der Fußball in Frankreich ist so unglaublich abgestürzt und die Mannschaft bietet so viel Identifikationspotenzial für die zum großen Teil unzufriedenen Menschen in den Vororten der Großstädte. Keine Frage, geht man nach reinen Krisen- und Aufmunterungs-Gesichtspunkten, gibt es sicher ganz andere teilnehmende Nationen, welche einen solchen sportlichen Erfolg gut gebrauchen könnten. Aber ich glaube einfach daran, dass man als Gönner und Verfolger der Franzosen dieses Jahr endlich wieder ein fantastisches Turnier erleben kann.

Ist natürlich alles Humbug. Es gibt keine Argumente. Man hat Sympathien, oder man hat sie nicht. Aber ich glaube und hoffe, dass diese nicht zwangsweise am Buchstaben auf dem Personalausweis oder dem Geburtsland der Großmutter hängen müssen. Und noch mehr hoffe ich, dass man seinen Vorurteilen Grenzen setzt. Es gibt überall großartige Menschen. Es gibt überall Arschlöcher. Es gibt überall Armut und Krisen und es gibt überall Korruption. Es ist natürlich schwierig, bei einigen Nationen nicht sofort an schwierige politische oder gesellschaftliche Probleme zu denken. Darf ich die Türkei gut finden, wo doch der Erdogan gerade… Von Putin ganz zu schweigen. Die Russen haben es ja trotz Neustädter nicht mal auf die Liste geschafft. Polen? Alles Hooligans. Italien? Arrogante Machos.

Ich glaube es ist einfach wichtig, solche Wettbwerbe als das zu sehen, was sie sein sollten: Bunt. Und ganz egal, wer gewinnt: Es gibt überall Menschen, die sich schöne Geschichten daraus stricken und denen man diesen Erfolg gönnen kann. Ich freue mich auf das Turnier. Auch ohne Nationen-Affinität. Viel Spaß!

 

 

 

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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