Wir hassen die Europa League

Welch elendiges Konstrukt! Nichts ist mehr übrig von diesem schnuckligen internationalen Pokalwettbewerb, den wir 1997 so wundervoll gewannen. Jetzt haben wir ein Gruppensystem mit meist unattraktiven Gegnern, Spieltage, die Sonntagsspiele heraufbeschwören und unmögliche Anstoßzeiten. Nämlich zu entweder zu früh, um spät Feierabend zu machen, oder zu spät, um früh auf der Arbeit zu sein.

Nur ist die Europa League gerade genau der Wettbewerb, der zu uns passt. Zu groß wäre der Druck auf die jungen Talente, wenn sie sich mit den Teams der Königsklasse messen müssten, zu schade wäre es, überhaupt nicht auf Europas Bühne aufspielen zu dürfen. Und mal ehrlich: Es könnte gut werden. Nicht gut im Ergebnis – wobei ich das nun auch wieder nicht ausschließen möchte. Nein. Eher gut vom Gefühl.

Denn so befreit konnten wir noch nie in einen solchen Wettbewerb gehen. Wir haben keinen Druck. Wir haben Draxler-Millionen, haben einen Haufen Talente, haben kein Saisonziel ausgesprochen und können einfach drauf los spielen. Und entweder reicht es für die B-Teams des Fußballkontinents oder eben nicht.

Wichtig wäre nur, die Spiele auch genau so zu betrachten. Denn ich denke, man kann einen Punktgewinn in der EL jederzeit feiern, wenn man weiss, dass etwa ein Meyer, ein Sané, ein Geis oder ein Goretzka maßgeblich daran beteiligt waren. Spieler, die dabei sind, groß zu werden. Die ihre zweiten ersten Schritte machen und bei denen jetzt die Zukunftsweichen gestellt werden.

Unser Team platzt vor Talent, und ich kann es kaum erwarten, mir heute Abend vor dem Fernseher anzuschauen, wie die Jungs aufspielen und mich diebisch über jeden gelungenen Steilpass, jede Stafette und jede einigermaßen geglückte Standardsituation zu freuen. Ich freue mich darauf, ein Team siegen bzw. punkten zu sehen, aber bin auch darauf vorbereitet, dass es nicht klappen könnte. Was nicht schlimm ist, da ich dann das Gefühl hätte, dass wir als Mannschaft verloren hätten. Eine Mannschaft, die endlich wieder mit Trainern, Offiziellen und Fans eine Einheit zu bilden scheint. DAS macht Fußball großartig.

Wie unglaublich froh können wir sein, endlich einen Trainer zu haben, der Wert auf Behutsamkeit und Fortschritt legt. Der ganz ohne Brechstange und Druck als Methode auszukommen scheint, obwohl er selbst einigen davon hat. Schalke ist – zumindest im sportlichen Bereich – endlich wieder ein Stück weit das, was ich so sehr mag und womit ich mich wunderbar identifizieren kann. Da macht doch selbst die Europa League Spaß.

Auf geht’s. Kämpfen!

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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