In-Form-ation

Es ist nicht nur schwierig, sondern nahezu unmöglich in der Vorbereitung die Form eines Teams zu Ersehen. Testspiele geben da zumindest ganz sicher nur sehr wenig Aufschluss. Eine zu große Rolle spielt da die vorher eingelegte Trainingsintensität beziehungsweise die Anweisungen des Trainers, die die Spieler in dem jeweiligen Spiel umzusetzen haben.

Dieses Problem haben aber natürlich die Anhänger aller 18 Klubs der ersten Bundesliga. Sie alle haben das Ziel idealerweise genau zum Saisonauftakt auf der Spitze ihrer Leistungskurve zu sein. Die meisten Vereine brauchen darüber hinaus noch ein, zwei Spiele, bis sie sich in ihrer wirklichen Form präsentieren. Was mir aber ein wenig Bauchschmerzen macht: Unser erster Gegner, der MSV Duisburg, wird sich eingependelt haben, und gegen einen FC Schalke 04 spielen, von dem eben keiner so genau weiss, wo er steht. Man kann nur hoffen, dass dieses Spiel keine Standortbestimmung sein wird. Ihr wisst, was ich meine.

Was man aber weiss: Die Mannschaft hat unter dem neuen Trainer seriös gearbeitet. Wie habe ich es genossen, dieses Mal keine Bilder von irgendwelchen fragwürdigen ‚team-building‘-Maßnahmen aus dem Trainingslager vor den Latz geknallt zu kriegen. Wie habe ich genossen, dass man trotzdem den Eindruck gewinnen konnte, die Spieler haben Spaß. Diesmal aber tatsächlich mit Rund am Fuß auf grünem Boden. Und vor allem hatte man den Eindruck, dass André Breitenreiter ein Trainer ist, der weiß was er tut, was er vorhat, und was dafür noch zu tun ist.

Natürlich kann das alles täuschen. Schließlich ist es naheliegend den Phönix beschwören zu wollen, wenn der Aschehaufen erstmal da ist. Was wir aber sehen können, ist das vorhandene Personal. Und die derzeitige Kaderplanung erscheint mir mehr als schlüssig.

Auf der Torhüter-Position sind wir primär bestens besetzt. Ich bin gespannt ob noch – wie angekündigt – ein erfahrener Backup geholt wird. Ansonsten steht neben Ralf Fährmann der bereits 34-jährige Österreicher Michael Gspurning zur Verfügung, der, bevor er das Tor unserer Amateure hütete bereits Erfahrungen in seiner Heimat, Griechenland und den USA sammeln konnte. Ob die Teilnahme an der CONCACAF Champions League aber reicht, um in Europa unsere Nr. 1 würdig vertreten zu können, erscheint fraglich. Da Fabian Giefer wohl weiterhin ausfällt, wäre es ein hohes Risiko, hier nicht noch nachzulegen.

Kompletter erscheint da schon die Innenverteidigung. Zwar wird Benedikt Höwedes wohl zum Saisonstart kaum fit sein, aber mit dem erfahrenen und in kürzester Zeit bewährtem Matija Nastasic, dem zum Glück noch erhaltenem seit Jahren bärenstark spielenden aber trotzdem leider umstrittenem Joel Matip, und dem hoffnungsbesetzten Youngster Kaan Ayhan, dessen riesiges Talent in der Vergangenheit immer mal wieder aufzublitzen vermochte, stehen drei mehr als befriedigende Spieler auf den beiden Posten zur Verfügung. Als weiterer Backup dürfte der 19-jährige Marvin Friedrich dienen, der neben seinen 5 Bundesligaeinasätzen sogar schon eine Champions-League-Minute auf dem Konto hat. Dahingegen dürften wohl Santana und Kehrer keine Rolle mehr in der aktuellen Planung spielen.

Während die linke Verteidigerposition auch nach dem Abgang von Fuchs mit Sead Kolasinac und Dennis Aogo längst keine Baustelle mehr ist, ist die rechte Seite nun aufgrund des Ausfalls von Uchida das große Fragezeichen. Wird der Brasilianer Júnior Caiçara, der so viele Vorschusslorbeeren erhalten hat, gar der neue Rafinha, oder gewinnt am Ende sogar der erfahrene Sascha Riether die Oberhand? So oder so: die doppelte Neubesetzung dieser Position macht – auch bzw. gerade in ihrer Divergenz – sehr viel Sinn. Ich denke, man kann nach vielen Jahren nun auch diese Baustelle endlich mal wieder als geschlossen betrachten, zumal im Falle eines Falles auch noch Pascal Itter zur Verfügung steht, dem man aber offenbar noch nicht als vollwertigen Backup sieht.

Das defensive bzw. zentrale Mittelfeld um Roman Neustädter, dem hoffentlich wieder aufstrebenden Leon Goretzka und dem zuletzt mit einigen Fragezeichen versehenen Marco Höger wurde mit dem jungen und vielversprechenden Talent Johannes Geis verstärkt. Sollte dieser halten, was der Verein sich von ihm zu versprechen scheint, könnten wir auch dort eine immer wieder aufklaffende Lücke geschlossen haben. Mit Maurice Multhaup steht auch hier ein junges Eigengewächs in den Startlöchern.

Vor ihnen im offensiven Mittelfeld hat man sich offenbar entschlossen, mit dem vorhandenen, fast ausschließlich aus Eigengewächsen bestehenden Personal in die Saison zu starten. Neben Max Meyer liegen die Hoffnungen aus dem jüngst mit einem neuen Vertrag ausgestattetem Leroy Sané. Ob dort noch was passiert, ist sicherlich auch davon abhängig, wie sich die Zukunft von Julian Draxler schlußendlich gestaltet.

Die Begnadigung von Sidney Sam ist nach dem Abgang von Jefferson Farfán eine mehr als sinnige Sache. Der Spieler hat die Initiative ergriffen und Besserung gelobt. Ein jeder Arbeitgeber hätte gut daran getan in dieser Situation gut abzuwägen, sich mit den Beteiligten zu beraten und eine Entscheidung zu fällen. Das hat Schalke getan und ich finde das wenig verwerflich sondern durchaus richtig, das der Spieler nun in der Situation ist, seinen Worten Taten folgen zu lassen und seinen Platz auf der Gehaltsliste zu verteidigen und seinen Ruf als Spieler zu retten. Dass ein fitter und gewillter Sidney Sam uns helfen kann, steht meines Erachtens nicht zur Debatte.

Was unsere Abteilung Attacke angeht, könnte man nahezu euphorisch werden. Denn neben den Namen der mehr oder weniger bewährten Angreifer Choupo-Moting und Huntelaar, die – wenn sie erst Mal in Form kommen – sicherlich eine Torgarantie mitbringen und dem Hoffnungsträger Felix Platte steht nun die wohl fast fixe Verpflichtung des Argentiniers Franco Di Santo im Raum. Dieser hat sich als Stürmer von Werder Bremen und diversen Premier League-Clubs einen Namen gemacht und netzte in den letzten beiden Jahren für den Weserclub trotz zweier längerer Pausen immerhin 17 mal ein.

Natürlich muss man erst Mal abwarten. Denn der Kader ist längst nicht fix. Noch ganze 37 Tage bleiben den Bundesligaklubs, um Transfers zu tätigen. Und den Beweis, dass das neue Team Hand und Fuß hat und auch charakterlich zusammenpasst, muss es eh erst mal erbringen. Aber der Eindruck der bleibt: Das erste Mal seit Jahren sind alle Baustellen beackert, alle Probleme angegangen worden. Und die Lösungen sind nachvollziehbar und klingen gut.

Ich bin so wahnsinnig gespannt…

 

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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