Geht!

Wann immer ich einen Schalkehasser kennenlerne, der nicht selber in einem ähnlich löchrigen oder noch wackligeren Boot – ihr wisst schon, diese schwarzgelben und rotweissen Dinger – sitzt, gehen mir sehr schnell die Argumente aus, warum mein Verein so liebenswürdig ist.

Denn das ist er doch, oder?

Ich meine, klar, ich bin nicht Fan einer alten Dame oder einer Diva. Ich bin viel eher Fan eines süßen kleinen Ruhrpottmädchens mit ein paar Schönheitsfehlern (damals immerhin schon fast stolze 85 Jahre alt und eine unvergleichliche Geschichte hinter sich, über die ich aber damals noch nicht viel wusste) geworden. Dieses entpuppte sich aber recht schnell zum pubertierenden kleinen Monster, dem statt des glitzernden Zicke-Schriftzugs das Logo eines fragwürdigen Weltkonzerns auf der Brust prangte. Nicht etwa, weil es ihm so sehr gefiel, sondern wohl eher, weil es mit allen Mitteln die schon viel weiteren Mädchen in ihrer Klasse beeindrucken wollte.

Es war beunruhigend, aber nicht wirklich furchterregend. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich die Champions-League-Spiele nicht genossen hätte. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich Schalke nicht am liebsten stets gewinnen sehen möchte. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass Raúl auf Schalke nicht einer der schillerndsten Phasen meines Fan-Daseins war. Ich würde sogar lügen, wenn ich erklären würde, dass Felix Magath mir phasenweise nicht mehr Spaß bereitet hat, als jeder andere Trainer seit Jörg Berger.

Ich will sagen: Ich bin diesen Weg mitgegangen. Ich habe ihn passiv unterstützt. Oder zumindest habe ich mich nicht gewehrt. Ich hatte weder Pappschilder in der Hand als ich in der Kurve stand, noch habe ich mich mit einem Wortbeitrag bei einer der vielen Jahreshauptversammlungen zu Wort gemeldet. Nein, ich habe alles gefressen. Weil es mir oft sogar geschmeckt hat.

Und das, obwohl mich schon immer einiges angewidert hat. Der Fleisch-Magnat Clemens Tönnies zum Beispiel. Ein widerlicher Typ, bei dem ich mich jedes Mal schäme, wenn er den Mund aufmacht, um irgendwelche Phrasen zu dreschen oder einfach Mist daherzureden, nur um dann noch von der Presse als der Prototyp des Schalkers erklärt zu werden. Oder der kärgliche Hass, den deine Fans seinem Nachbarn gegenüber bringen und den sie mit Rivalität verwechseln. Oder auch einfach die unsäglichen Florians mit ihrem peinlichen ‚Hit‘, mit dem du mich selbst in den schönsten Momenten nach sem Spiel aus dem Stadion treibst. Aber ich bin kein Mecker-Kopf. Nicht mal jetzt traue ich mich beispielsweise in den Tenor einzusteigen, Horst Heldt sei ein schlechter Manager. Und das obwohl ich nur kopfschüttelnd dabei zuschauen kann, wie jedes Jahr von kleinen Brötchen, Schuldenabbau und Neuanfang gesprochen wird, nur um dann wieder das Volk mit dem dicken Fisch zu füttern, und den dicken Fisch mit einigen Millionen zu füttern. Aber das an Horst Heldt fest zu machen, geht mir zu weit. Das kann ich schlicht nicht beurteilen.

Aber sie wollen ja alle so viel. Die Fans muss man glücklich machen, die Spieler muss man glücklich machen, die Sponsoren muss man glücklich machen, die Presse muss man glücklich machen und die Banken muss man bei Laune halten. Und wen nicht noch alles. Um im Bild des Mädchens zu bleiben: Schalke, du entwickelst dich längst zu einer willenlosen Schlampe, die einen Fick auf Moral und Werte gibt. Und damit meine ich nicht nur den Kommerz, dem du dich offenbar blind hinterherzurennen gezwungen fühlst. Ich rede auch davon, wie du die Kultur, die in dir wächst mit Füßen trittst und auschlachtest, um deine perfiden Ziele zu erreichen. Wie du den Fans die Worte aus dem Mund raubst, sie auf T-Shirts druckst und überteuert verkaufst. Wie du auf ignoranteste Art und Weise missachtest, was freie Menschen über dich schreiben und singen – zumindest solange es dir kein Geld bringt – und wie du – nicht zuletzt mit Jobst Hilfe – auch noch das letzte Gramm Steinkohle, welches in deinen Adern fliesst, auf dem Strassenstrich verscherbelst, bis wirklich nichts mehr von dem Mythos übrig bleibt, der dich mal ausgemacht hat.

Geht, kauf Kedhira. Geht, zerstört den ‚e.V.‘. Geht, verkauft euch. Geht, erhöh‘ die Preise weiter. Geht, lasst auch noch das Klopapier im Stadion mit einem Sponsorenlogo bedrucken. Geht, feuert noch dreißig Trainer, die ihr uns mal als das Non-Plus-Ultra und alternativlos verkauft habt, die immer dreimal besser waren als ihre Vorgänger, die ihr nicht in Ruhe habt arbeiten lassen. Geht, akquiriert Gelder, wo es nur geht. Geht, schlachtet Asien aus. Geht, sucht den Schalker Superrapper. Geht, werdet endlich Meister. Aber hört bitte auf, davon zu sprechen, dass Schalke etwas ganz besonderes, etwas besseres oder gar ein Mythos ist. Denn den zu Zerstören, scheint die einzige Konstante in eurer Arbeit auf Schalke zu sein.

 

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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