Pein

Weiß noch genau, wie sich das anfühlte: wenn mir die Eltern peinlich waren. Es hatte was Verbotenes, denn es waren ja die eigenen Eltern. Aber genau deswegen wurden ja auch die Arme nicht entsetzt in die Höhe geworfen, sondern eher stieg mir eine zartglühende Röte ins Gesicht.
Auch meine eigenen Kinder waren mir schon mal peinlich; schon Tabu, das überhaupt zuzugeben. Denn ich liebe sie doch. Entkräftend ließe sich immerhin sagen: nicht die Kinder, sondern ihr Verhalten war, welches mich ungenehm berührte.
Herzenssachen, obwohl doch Herzens Sachen, die einem unangenehm sind: Sie verursachen eine bestimmte Art Pein, eine Spur Bitterschmerz, ein Rotwerden wie bei einer kleinen Lüge, ein Lippenzusammenkneifen wie bei etwas, was man eigentlich nicht zugeben möchte.

Mein Lieblingsverein ist mir derzeit peinlich.

Ein Gefühl, ein Gedanke – gespürt, gedacht, verleugnet, ihm wieder begegnet, rot geworden, ihn akzeptiert, ihn zugegeben, ihn ausgesprochen, ihn hingeschrieben.
Ich finde den FC Schalke 04 in diesen Wochen peinlich. Warum, das ist ja sichtbar. Das ganze Gefüge ist ein komplettes Nichtzueinanderpassen. Spieler hinten und vorne, Mannschaft und Team, Anspruch und Wirklichkeit, Spiele und Punkte, Ziele und Leistung, Sprüche und Leidenschaft … nix passt zum anderen.
Ich habe einige Freunde, die anderen Fraktionen angehören. Die fragen mich: Und, bist du noch Schalker?
Ich nicke. Kneife die Lippen zusammen.

Habe schon lange überlegt, was mir im Grunde wirklich fehlt … jetzt mal außer Siegen, schönen Spielen, Punktgewinnen … begeisternden, sich bestätigenden (!), außergewöhnlichen Einzelleistungen von Schalker Jungspunden … und kam zu dem (vorläufigen) Schluss: Mir fehlt, dass es PASST! Nämlich das Gebotene auf dem Rasen zu den Versprechungen, oder andersherum: eine weise, demütige Vereinshaltung zur Platzierung in einer Liga, eine Abwehr zum Sturm, ein Stürmer zur Anzahl seiner erzielten Treffer … und so weiter und so weiter.

Keine Ahnung, wie es euch geht. Mir ist peinlich, dass die Blauen auf einem Ligaplatz stehen, der ihnen immer noch eine internationale Spielberechtigung zugesteht. Mir ist peinlich, dass Einzelspieler nach wie vor als „Weltmeister“ bezeichnet werden. Mir ist die ganze Stümperei peinlich.

Und warum? Weil ich Schalke liebe.

André

André

Fakten:
Zwischentonbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang erster Bühnenauftritt der Stones | Erster Verein: Rot-und-blau, W-S-V, und als Aktiver: königsblauer Delbrücker Spochtclub | WohnHAFT in Dortmund | Würde niemals in Lüdenscheid wohnen wollen | Hat das Consol Theater in Gelsen-kirchen mitgegründet, direkt neben dem Logo des Web 0.4 | unvergessliche Paraderolle: der blinde Trainer Otze Hirschregen
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