Pure Freude

Es ist Sonntagabend, Zwanzig nach sieben. Ich stehe in der Kurve und lausche dem unsäglichen ‚Hit‘ der Florians. Auf dem Platz feiert die Mannschaft gerade ihren Sieg. Ein großartiges Spiel eines leidenschaftlich auftretenden Teams, angeführt von einem Trainer, dem plötzlich niemand mehr ein Konzept abzusprechen versucht. Zwei wundervolle Tore und etliche Chancen sorgten unter anderem für einen tollen Fußballabend.

Zwischen den großgewachsenen Spielern Fährmann, Santana und Matip ragt unser Maskottchen Erwin hervor, der hüpfend seine Blau-Weiße Fahne schwenkt. Ich muss bei seinem Anblick lächeln. Nein, nicht dieses abschätzige Lächeln, welches ich ihm normalerweise entgegen bringe. „Papa, was ist unser Maskottchen eigentlich für ein Tier?“ hat mich meine Tochter mal gefragt. Da ein guter Freund von mir Gladbach-Fan ist hatte ich schon große Sorge, sie an die ‚Fohlen‘ zu verlieren. Aber nein, ein solches Lächeln war es nicht. Es war ein wohlwollendes Lächeln.

Denn am Samstag, zur besten Fußballzeit, besuchte ich mit meiner Tochter ein Benefizturnier in Wesel, welches – wie jedes Jahr – von der dort ansässigen ‚Schule am Ring‘ ausgerichtet wurde, und bei welchem Mannschaften verschiedener sozialer Einrichtungen mit dem Schwerpunkt ‚Menschen mit geistigen Behinderungen‘ gegeneinander antraten. So spielten unter anderem die Teams der Werkstatt, des Kinderheims und der Förderschule gegeneinander und lieferten sich spannende Partien auf recht hohem Niveau, während man unten im Eingangsbereich neben zahlreichen anderen Köstlichkeiten königsblaue Cupcakes und einen wunderschöne Schalketorte zu sich nehmen konnte.

Ich muss aber zugeben, dass es weder mein soziales Engagement noch diese Köstlichkeiten waren, die mich den Weg an den Niederrhein auf mich nehmen ließen, sondern vielmehr die Neugierde. Und die Lust auf Freude. Denn vor einigen Wochen fragte mich die Mutter einer Schülerin der besagten Schule, ob ich eine Idee hätte, wie man denn unser gutes Maskottchen Erwin buchen könne. Ehrlich gesagt hatte ich diese Idee nicht so recht, aber Social Media sei Dank hatten wir bald einen Draht, und mit einem Quentchen Glück und dem dankenswerten Einsatz einiger Leute kam schon bald die Zusage von ‚Schalke hilft‘: Erwin würde das Turnier besuchen.

Und so war es auch. Pünktlich zu den Halbfinalspielen kam Erwin in den Zuschauerraum. Bepackt mit Autogrammkarten und kleinen Präsenten brachte er die Gesichter der Protagonisten und Zuschauer zum Strahlen. Und wie! Er wurde förmlich belagert und schrieb reichlich Autogramme, ließ geduldigst unzählige Fotos machen, und scherzte mit den Kindern und Jugendlichen, bevor er sich zum Finale unten auf der Spielfläche wiederfand, um dieses zu eröffnen und später sogar die Siegerehrung abzuhalten.

Nach dem Turnier fuhr ich glücklich nach Hause. Nicht etwa wegen des Ergebnisses – die Mannschaft der Schule am Ring musste sich im Finale übrigens der zweiten Mannschaft des Kinderheims geschlagen geben – sondern weil ich soeben die pure Lebensfreude erlebt hatte. Weil ich dabei sein und diesen Glitzertag erleben durfte, auf den Zuschauerplätzen sitzend, zwischen Lehrern, Betreuern und einer Handvoll Eltern und Interessierten. Weil ich in diese fröhlichen Gesichter blicken durfte, die puren Emotionen auf dem Spielfeld beobachten durfte. Und weil ich sehen durfte, wie all diese besonderen Menschen diese eine, wunderbare, verbindende Sprache sprechen: Fußball.

Was? Ach Ja! Kurve. Hannover. 2:0. Meyer und Farfán. Super Spiel, sagte ich ja. Und nun mit 04 Punkten Vorsprung auf Platz 04. Großartig!! Doppelt glücklich mache ich mich auf dem Weg nach Hause. Ein wunderbar besonderes Wochenende. Danke, Jungs. Danke ‚Schule am Ring‘. Danke ‚Schalke hilft‘.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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