Auftaktgefühl

Ich betonte es letzte Woche. Die Euphorie fehlte mir. Die Vorfreude. Der Glaube. Aber pünktlich am Sonntag morgen begann es zu kribbeln. Ja. Spieltag! So wurde der Tag wie eh und je auf seinen vermeintlichen Höhepunkt ausgerichtet. Zweifel gab es aber natürlich immer noch. Zumindest bis zu diesem einen magischen Moment: Die Verkündung der Startaufstellung.

Nicht, dass mich Namen wie Neustädter und Fuchs jetzt sonderlich umgehauen hätten. Es war natürlich mehr dieser eine wohlklingende Name da ganz an der Spitze. Huntelaar! Umsäumt von Meyer, Boateng und Farfán. Eine erst Mal vollkommen irrational anmutende Wärme durchflutete meinen Bauch, obwohl der Kopf sagte: ‚Mooooooment mal, Bloggerbärchen. Der Typ hat 5 Monate nicht gespielt, keine Vorbereitungssekunde absolviert. Er wird 60 Minuten im Abseits rumstehen um dann diese ehrenvolle Tätigkeit an Szalai weiterzugeben.‘

Da die beiden – also Kopf und Bauch, nicht Adam und Klaas – sich noch eine Viertel Stunde vorher uneinig waren, ob nun Käsekuchen oder ein gemischter Salat nahrhafter wären, wollte ich meinem Bauch aber nicht recht vertrauen. Schutzhaltung. Im Nachgang fast immer ein wenig beschämend.

“Ich dachte, wenn die Welt untergeht, müßten wir uns auf den Boden legen oder eine Papiertüte über den Kopf ziehen oder so.”
Klar, wenn’s Ihnen Spaß macht!”
Und hilft das?”
Nein!” *

Auch die Mannschaft spiegelte diese Unsicherheit wieder. Sie war dem Gegner bis auf einige wenige Spielminuten überlegen. Aber es war keine breite Brust zu sehen. Selbst beim Stand vom 3:0 wirkte es bei einigen Spielern so, als wäre der Ball ihnen unangenehm und müsse schnell irgendwo hingebracht werden. Es fehlt an Ruhe und Selbstvertrauen.

Irgendwie schade, wenn man betrachtet, welche Krisen wir da gerade meistern. Ein von allen Seiten befeuerter Trainer, der sich längst einen Improvisationsorden verdient hätte, weil ständig wichtige Teile des Teams wegbrechen. Und trotzdem haben wir die Gruppenphase der Champions League überstanden. Und trotzdem haben wir in der Tabelle noch den Anschluß nach oben.

Ein wenig Schade. Ein wenig beschämend fast, nicht an uns geglaubt zu haben. Wobei man – viele werden es sicher tun – auch im Nachgang sagen könnte, dass der Sieg uns ja von den Hamburgern geradezu aufgezwungen wurde. Aber wir haben ‚Zu Null‘ gewonnen. Wir haben hoch gewonnen. Obwohl so viel gegen uns gesprochen hat. ‚Was denn bitte?‘ fragt das Nordlicht vermutlich, doch der Schalker weiss was ich meine: Auftaktspiel, alle anderen am Wochenende spielten ‚für uns‘, … Das MUSS schief gehen. Und dann sitzt du da, siehst Huntelaar, Farfán und Meyer einnetzen und denkst: Wieso habe ich nicht an uns geglaubt?

Ein wenig, wie in einer Liebesbeziehung. Man könnte in schwierigen Zeiten ans Aufgeben denken. Vielleicht sogar das Weite suchen. Oder man kann versuchen zu sehen, was man da gerade gemeinsam meistert. Sich gegenseitig für das bewundern, was man auf sich nimmt, obwohl man es vermeintlich einfacher haben könnte. Weil es eben das ist, was letztendlich diese Liebe ausmacht.

Nicht zuletzt deshalb bin ich froh, dass wir mit Jens Keller in die Rückrunde gehen. Fachliche Kompetenzen – über die ich immer noch nicht zu urteilen wage – außen vorgelassen: Dieser Jens Keller hat unser Boot durch verdammt unruhige Gewässer gelenkt. Schalke und er – eine Beziehung die im Sturm geboren ist, und angenehmes, ruhiges Fahrwasser noch gar nicht kennt. Doch statt ihn daran zu messen, dass er diese Prüfungen gut meistert hat, verlangt man nach einem sichtbaren Konzept. Nach Verbesserungen. Und sieht gar nicht, dass es reichlich davon gibt.

Jens Keller hat sich sein Engagement auf Schalke in der Rückrunde redlich verdient, und ich hoffe, dass er in dieser nochmal eine Mannschaft leitet, die sich durch Siege – und ich habe wenig Zweifel, dass die Mannschaft grundsätzlich in der Lage ist, diese einzufahren – eine breite Brust erarbeitet hat, und diese auch auf dem Platz zeigt. Und dass er ein Umfeld erfährt, welches ihm vertraut. Und dann, wenn der Alltag nicht mehr nur der Kampf ums Grundsätzliche ist, kann man gerne auf Konzept und Entwicklung schauen.

Dankbarkeit. Eine großartige Tugend.

*Wer zuerst den Namen des zitierten Werks in die Kommentare schreibt, gewinnt einen Web 0.4 Button.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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