„Hamburg, 8°, Regen…

…die Welt steht still und wir daneben…“ tönt es aus den jämmerlichen Boxen meines alten Toyotas. Es ist noch dunkel. Ich stehe auf der A43, Kreuz Herne. Ich will auf die 42, Richtung Lüdenscheid. Nein, nein, keine Sorge, ich fahre rechtzeitig ab. Die meisten Autos, welche gerade vor mir stehen und das Kreuz blockieren, wollen Richtung Gelsenkirchen fahren. Ich kann verstehen, dass es sie dort hinzieht. Ich beneide sie, wissend, dass der Stau sich noch bis in die Fußballhauptstadt zieht, aber kaum.

Gestern hat uns der Verein auf gleicher Höhe erklärt, dass wir Verein bleiben. Ich begrüße die Art der Ansprache. Klar, man kann das alles für eine Farce halten. Wird man sicherlich sogar, wenn man auch unser Leitbild für eine Solche hält. Was ja nicht sonderlich schwer fällt, wenn man sich anschaut, wie viele Punkte zumindest augenscheinlich in so kurzer Zeit schon vom Vorstand missachtet wurden. Aber ich habe mich angeprochen gefühlt. Gerade der Satz „Besonders schäbig war in diesem Zusammenhang der Begriff „Stimmvieh“, mit dem Schalker andere Schalker abzuqualifizieren versuchten.“ hat gesessen. Denn auch ich habe diese Worte benutzt. Ich weiss gar nicht, ob ich das öffentlich getan habe, aber ich habe es. Nicht nur gesagt. Auch gedacht. Und schäme mich ein wenig. Sei es wie es sei: Gerne gebe ich dieser neuen Plattform eine Chance.

Unkommentiert lasse ich hingegen lieber Meldungen wie die vermeintliche Pauschalbestrafung der Schwarz-Gelben Auswärtsfans oder die Geschehnisse am Rudolfplatz in Köln. Nur soviel: Irgendwie habe ich da immer die romantische Vorstellung, dass es doch viel einfacher sein muss, sich davon zu distanzieren. Ich selbst würde nicht bei derartigen Gewaltexzessen daneben stehen bleiben und klatschen. Oder mich zumindest danach nicht wundern, wenn ich dazu gezählt werde. Klar gibt es immer wieder Fälle, wo Einzelne einer großen Gruppe aus der Reihe tanzen und der Rest nichts dafür kann. Ich hoffe ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass das hier definitiv nicht der Fall war.

Egal ob Schalker, Dortmunder, Kölner oder Polizist: Geht doch einfach in den Wald Holz hacken, wenn ihr zuviel Energie habt. Aber lasst verdammt nochmal den Fußball in Ruhe, wenn ihr Anderes im Sinn habt, als ihn bunter, schöner und lauter zu machen. Ich möchte nur noch kotzen bei euren „Das war doch immer so“s. Oder gar „Früher war es doch viel schlimmer!“?? Achsooo. Gewalt aus Tradition?! Verpisst euch!

Ich rolle längst wieder. A42. Gefühlt falsche Richtung. Widmen wir uns doch lieber dem Sport. Nunja. Auch nicht so einfach. Wo ist man denn da jetzt bitte dran? Nicht nur Menschen, die sich in Köln und Oberhausen ihre Bratwurst weitestgehend ohne engagierten Schalker Fußball einverleiben mussten, sind wohl eher sehr verwirrt. Wo stehen wir? Was dürfen wir erwarten? Ist das Team bereit? Haben wir nun endlich die sichtbare Linie, die so viele vermisst haben?

Man will sich fast ein wenig selbst leid tun und merkt dann, dass man am kommenden Spieltag auf einen Verein trifft, der einen merken lassen könnte, auf welch hohem Niveau man da gerade jammert. Denn nicht nur Henning sieht Schwarz für die Raute. Und trotzdem will niemand so Recht das Gefühl haben, dass wir, die Mannschaft die im Achtelfinale der Champions-League steht, als Favorit in das Spiel gehen.

Wie viel Hoffnung darf ich denn jetzt in die Rückrundenwaagschale werfen? Wie zuversichtlich dürfen mich der gestärkte Kellersche Rücken oder Hunters Rückkehr machen? Wird personell noch ein Zeichen gesetzt? Trumpft Goretzka nun vielleicht doch noch richtig auf? Ich setze den Blinker, gehe vom Gas und nehme die Ausfahrt. Ein bisschen zu schroff trete ich auf die Bremse und komme vor der Ampel zum Stehen.

Ausgebremst. Irgendwie will es noch nicht richtig. Irgendwie will ICH noch nicht so richtig. Meine Vorfreude auf den Beginn einer Serie war selten so gering. Aber ich weiss genau warum. Weil ich mich schütze. Weil ich nicht enttäuscht sein möchte. Weil es verdammt weh tun würde, wenn wir in Hamburg nicht punkten. Und weil es gar nicht mal so unwahrscheinlich ist, dass wir dort nicht punkten. Ich kann nichts tun. Ich kann weder die Mannschaft noch mich zwingen.

Nur abwarten.

Und dann doch irgendwie ein ganz kleines bisschen darauf hoffen, dass die Mannschaft Gas gibt.

Und mich mit nimmt…

 

 

 

 

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

Letzte Artikel von Andreas (Alle anzeigen)