Unfreiwilliger Trendsetter

Wir schreiben den 21. Mai 2011, irgendwann am späten Nachmittag, irgendwo in Berlin. Es ist der Tag des DFB-Pokal-Endspiels zwischen dem vermutlich geilsten Clubs der Welt und dem MSV Duisburg. Modisch gesehen hatte ich den Tag berufsbedingt in Jeans und lockerem Hemd verbracht – und geschwitzt. Und zwar nicht wenig. Und deswegen: Ins Hotel, umziehen, ins Stadion und dann auf die geplante Pokalsieger-Feier am Spreeufer. Was bedeutete: Mit dem Anzug zum Fußball.

Okay, wenn man Karl Lagerfeld („Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“) glauben darf, hatte ich noch die komplette Kontrolle über mein Leben, aber ein kleines Missgeschick in Raum 214 des von mir bezogenen Hotels direkt gegenüber der neuen BND-Zentrale ließ mich Böses erahnen. Mein Gürtel riss in zwei bis vier Teile und verabschiedete sich damit aus dem Leben. Aus meinem Leben. Das Problem: Mein Leben musste weitergehen, doch die Hose war ein wenig weit und machte sich auf den Weg Richtung Kniekehlen. Leider war es zu spät, um noch einen neuen Riemen zu kaufen…

Egal, es war Fußball und es gab viel zu tun. Mein Platz war besetzt, und ich machte es mir zwangsweise im Medienzentrum des Olympiastadions vor den großen LED-Bildschirmen bequem. Man ist ja nicht so. Vorteil für mich: Das Essen blieb während des gesamten Spiels zu meiner und zwar nur zu meiner Verfügung. Und ich durfte den Pokal „streicheln“ als ihn Benedikt Höwedes zur Pressekonferenz brachte. Nur die Hose rutschte und rutschte und ich hatte selten beide Hände frei, denn ich musste das Beinkleid ja nun mal festhalten. Für den Pokal reichte es so gerade, aber sonst? Wie sieht das denn aus? Die Hose in den Kniekehlen. Pah!

Arbeit erledigt, freudetrunken vom Pokalerfolg, und jetzt ab zur Feier – natürlich immer mit den Händen am Hosenbund. Ein Taxi zu finden ist übrigens nach einem Pokalfinale in Berlin – gerade mit Schalker Beteiligung – eine Qual. Nein, fast unmöglich. Also lief ich los. Ich lief die Olympische Straße entlang, immer die Hände an der Hose, denn gerade beim Laufen erwies sich der fehlende Gürtel als extremes Hindernis eines ordnungsgemäßen Lebens. Weiter auf die Reichsstraße, den Theodor-Heuss-Platz und den Kaiserdamm. Endlich, am Sophie-Charlotte-Platz, gab es ein freies Taxi. Ich rein und ab zur Party und der geneigte Leser ahnt es schon: immer beide Hände an der Hose.

Dort angekommen setzte ich mich erst einmal hin und sinnierte über rutschende Hosen. Ich dachte noch so bei mir wie blöd ich denn da bei diesem Finale ausgesehen hatte, als ein peruanischer Nationalspieler an meinem Tisch vorbei kam. Und der hatte seine Hose wahrhaftig dort sitzen, wo ich sie nur dank meiner eigenen Hände Arbeit nicht hatte: In der Kniekehle. Ich wollte Jeff noch fragen, ob auch er seinen Gürtel zerrissen hatte, vielleicht beim Jubeln oder im Hotel wie meinereiner? Aber nein, die Antwort kam von meiner Tischnachbarin. Bei der Jugend sei das total in, sagte man mir an meinem Tisch. Wahrscheinlich bin ich zu alt für diese Sachen. Ob ich trotz Lagerfeldscher Aussprüche mal das mit der Jogginghose teste? Vielleicht bin ich ja doch ein Trendsetter, wenn auch nur für Fußballspieler…

Bernd

Gastautor und Schalke-Insider