Im Mode-Modus

Ich sitze in der 302. Irgendwo im Tunnel zwischen Hauptbahnhof und Neumarkt. Über mir erahne ich die wuselnden Menschen mit den großen Tüten, die ihr Glück zwischen Primark, H&M & TK Maxx suchen. Kommen die eigentlich alle von außerhalb? Oder warum tragen die Menschen hier in der Bahn nur Joggingpeitschen? Gelsenkirchen. Modestadt.

Ich muss daran denken, dass ein Freund aus dem Rheinland stets all zu gern erzählt, wie er mal wegen eines Lehrgangs einige Wochen täglich mit dem Zug nach Dortmund fahren musste und schon vom ersten Tag an ganz genau bestimmen konnte, welche Leute das Fahrtziel Gelsenkirchen anpeilen. „Drei Mal lag ich falsch, die sind bis Wanne gefahren.“

Er erzählte mir von denen, die er anhand der Pullover als Kampfhundeliebhaber ausmachte, er erzählte mir von den reichlich gefüllten neonfarbenden Leggings und den ‚dazu passenden‘ unfreiwillig bauchfreien Tops, er erzählte mir von Bauarbeiter-Dekolletés und am allerliebsten von der jungen Mutter mit dem Kinderwagen samt Fanta-nuckelnden Sprößling, auf dessen Strampler ein Schlagring abgebildet war, während die Mutter selbst sich für ein Oberteil zur pinken Dreiviertelleggings entschied, auf dem geschrieben stand: „Vodka im Blut, Schalke im Herzen.“

Ich weiß nicht, ob das im Detail stimmt. Aber, und das weiß ich nicht erst seit dieser Bahnfahrt: Es ist tatsächlich gut vorstellbar. Ich möchte niemanden verurteilen. Ich selbst bin modisch eine Vollniete. Jeans, Kapuzenpulli oder T-Shirt, Turnschuhe. Am liebsten blau. Mehr gibt mein Kleiderschrank höchstens in allerseltensten Ausnahmesituationen her. Ich passe doch irgendwie prima in die 302.

Diese befindet sich inzwischen schon an der Schalker Meile. Schalke und Mode. Auch so eine Sache. Ich meine jetzt nicht unsere Fan-Shop-Kollektion. Es ist doch viel mehr so, dass ein gut gekleideter Mensch, mit nahezu kompletten Schneidezahnreihen nicht unbedingt als Schalke-Fan erkannt wird. Nicht nur einmal wurde mir von Menschen berichtet, dass Dritte es völlig ausgeschlossen fanden, dass Leute wie sie Schalke-Fans seien.

Denn schließlich wird man als Schalker in den meisten Stadien im Bundesgebiet per se als Hartz-IV Empfänger begrüßt. Diese tragen – wie der gehobene Stand ja nun mal weiß – Badelatschen, Tennissocken und Jogginghose. Das Pärchen, welches mir gegenüber an der Tür sitzt, erfüllt dieses Klischee leider aufs Allerherrlichste.

„Schalkerinnen sehen alle aus wie aufgetakelte, überschminkte Friseusen. Oder so dicke Wuchtbrummen ohne Zähne und mit kletschigen, ungewaschenen Haaren. Oder so kleine Gabbermädchen mit ‚Hardcore‘-Jacken.“ höre ich wieder das Rheinland sagen. Mode auf Schalke. Das ist hier höchstens einmal im Jahr, wenn die Mannschaft im Kreisel die neue Kollektion eines Anzugausstatters präsentiert.

Mal abgesehen von den unsinnigen Kommentaren zu den anatomischen Unterschiedlichkeiten: Ja, wir leben in einer sozial schwachen Gegend. Und ja, hier gibt es viele Menschen, die sich womöglich lieber um ihr Haustier kümmern, als um ihre Körperpflege. Und, ja, für die Meisten hier ist die Haute Couture der Schönen und Reichen völlig unbedeutend.

Dies aber an einer Region, einer Stadt oder gar einem Fußballclub festzumachen, statt an der Armut selbst, die eigentlich jedem Menschen, egal wo man sie an anderen sieht und wo man selbst herkommt, peinlich sein sollte, statt sie zu belächeln, ist allein Beweis für die Dummheit des Menschen, der sich diesen Vorurteilen hingibt.

Es gibt sie, diese modischen Menschen. Auch auf Schalke. Zahlreich sogar. Und ich bewundere sie. Ich meine nicht diese Tussis und Typen, die einfach eine Boutique leer kaufen. Nein, die Menschen, die einfach den Blick haben. Die aus wenig viel machen können. Die ein Gefühl für Farben und Schnitte haben. Die immer wissen, was angesagt ist. Oder kurz: die einfach geschmackssicher sind.

Einer dieser bewundernswerten Menschen hatte die Idee, einen Artikel über Mode in die triste Winterpause hineinzuschreiben. Ich war hellauf begeistert. Mode und Schalke! Sofort spannen wir die Idee weiter. Wir schrieben die Redakteure und einige Freunde des Web 0.4 an, bei denen wir das Gefühl hatten, sie dafür begeistern zu können und riefen freudig den bloggerischen Notstand aus: Themenwoche!

Zeigen wir der Welt, dass Schalke Mode kann. Denn Mailand, Paris und Düsseldorf haben wir schließlich schon öfters geschlagen.

Ich erkläre die Web 0.4-Modewoche 2014 für eröffnet!!

Modewoche

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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