Lieber Jens

Lieber Jens Keller,

ich mag Dich.

Ich weiß zwar, dass das jetzt nicht unbedingt ein üblicher Start für einen öffentlichen Brief ist, aber ganz ehrlich: Es ist mir vollkommen Wurst. Schließlich warst auch Du in den letzten 12 Monaten ehrlich.

Und, nein, die positive Einleitung dient auch nicht dazu, mir Gehör zu verschaffen, um nun loszupoltern. Es wird jetzt keine große Meckerei oder gar eine Art Abrechnung meinerseits. Ich habe auch nicht vor, einzelne Spiele auf ihre negativen Seiten zu durchleuchten oder gar jeden negativen Aspekt auszuklamüsern. Obwohl ich als Fan vielleicht reichlich Grund dazu hätte. Ich möchte nicht pöbeln und fluchen, obwohl mir manchmal danach ist.

Denn es gab ja auch Zeiten, in denen wir Schalke zusammen genießen konnten. Von der schönsten Seite. Alle lebten, liebten und bejubelten unseren Verein. Heiß und innig, so dass es eigentlich zu schön war, um wahr sein zu können. Und es war tatsächlich nur eine Frage der Zeit, bis man wieder auf dem Boden der Tatsachen war. Typisch Schalke eben.

Und je kälter und grauer das Jahr wurde, desto mehr verlor Schalke auch sein königsblau (und das lag nicht am sehr häufig getragenen grünen Trikot). Man weiß bis heute nicht wie ahnungslos Du bei manchen Spielen warst, woran es gelegen hat, dass die Knappen ihren Kopf gern ab und zu kopfüber in Mist tauchten. Ich kann es nur erahnen…

Ja, zwischendurch war ich oftmals wieder die kleine Alice (Libera) in meinem Wunderland Schalke, die am liebsten pünktlich zu den Gerichtsverhandlungen am Herzkönig(in)-Schloss vorbeigeschaut hätte. Denn nur zu gern heißt es hier nicht „lasset den Ball weiter rollen“ sondern „lasset den Kopf rollen“. Und die vielen verrückten Stimmen aus allen Ecken des Wunderlandes Schalke waren meines Erachtens dem Chaos allzu zuträglich.

Eine Gerichtsverhandlung ganz ohne Verteidigung bzw. Anhörung des Angeklagten. Lieber Märzhasen mit der ständigen Leier „wir haben keine Zeit“ oder das Gequassel verrückter Hutmacher und sonstiger sonderbarer Kreaturen reden lassen. Bei jeglicher Unkorrektheit – oder auch einfach beliebig nach Laune – wird geköpft.

Die Trainerbank als Anklagebank. Schalke at it´s best.

Wie dem auch sei. Ich betrachte Schalke nicht mit argem Groll oder Zorn, aber auch nicht mit sprudelnder Freude, weil die Erinnerung an manche Spiele oder Szenen Trilliarden von Glückhormonen in mir freisetzt. Wir hatten Spaß, wir hatten Ärger, wir haben zusammen gelacht, zusammen den Kopf geschüttelt und geweint und uns in manchen Momenten einfach nur von der Bildfläche weggewünscht.

Manchmal ist es halt so, nicht jeder passt zusammen, nicht jeder wird glücklich oder auch nicht jeder schafft es immer wieder auf´s neue – auch in schlechten Zeiten – das Positive zu sehen. Weil man einfach keine Kraft mehr hat. Weil man einfach nicht mehr kann.

Es gibt viele Leute, die sagen, du seist ein netter Typ, aber nicht der richtige Trainer für Schalke. Wenn man diese Leute fragt, wer denn der richtige Trainer sei, oder welcher der letzten Trainer denn besser war als du, kommt häufig die Antwort ‚Ralf Rangnick‘, dem ich an dieser Stelle eine Kusshand zuwerfen möchte.

Ich mag auch ihn immer noch sehr, aber bei dieser Antwort muss ich vehement den Kopf schütteln. Wir haben Ralf Rangnick verschlissen. Er zerbrach an unserem verrückten Wunderland Schalke. Wie um alles in der Welt kann er der richtige gewesen sein?

Und eben genau das Erlebnis Rangnick lässt mich zur Zeit erschauern: Was die Obersten auf Schalke, die Presse und viele Fans mit Dir machen; da vergeht mir alles. Das ist nicht mehr königsblau, das ist grau(sam). Sie allesamt sind natürlich die besten Trainer, haben die meiste Erfahrung und sind zu allem fähig (bei Mutti in der Küche brav die Kartoffeln schälen).

Ich bewundere dich. Wie du mit all dem Gegenwind umgehst, der dir von Anfang an ins Gesicht geschlagen ist. Ich bewundere, wie du mit all den Ausfällen und Hiobsbotschaften umgehst. Ich bewundere, wie du die Mannschaft trotzdem zusammen hältst. Denn auch sie werden dir gestern dein Vertrauen ausgesprochen haben. Sonst wärst du nicht mehr unser Trainer. Da bin ich mir sicher.

Doch in der Öffentlichkeit wird dir, gerade jetzt zum Jahresende, kurz vor den Feiertagen, noch richtig (persönlich) eins reingewürgt. Die Gerüchteküche um Dich brodelte heißer als das ranzige Fett im Pommeswagen vor der 1000 Freunde-Mauer.

Umso mehr wünsche ich Dir Ruhe, Frieden und trotz alledem ein inneres königsblaues Leuchten in Deinem Herzen. Ich hoffe du bekommst auch bei den Fans und in der Presse wieder den Kredit, den du verdienst.

Ruh‘ Dich aus, die erste Saisonhälfte ist geschafft. Nimm es mir nicht übel, wenn ich jetzt sage: ENDLICH.

Alles Liebe, in Hoffnung auf eine neue, bessere Saisonhälfte. Mit Dir.

Glück auf,

Libera

Libera

Libera

Gleichstellungsbeauftragte a.D.
Libera

Letzte Artikel von Libera (Alle anzeigen)