Stimmen

Der Spieltag ist vorbei. Die neue Woche startet. Ich klicke mich durch die Netzfußballwelt und höre plötzlich eine Stimme.

„Immer diese Erwartungshaltung. Dieses Meckern. Selbst, wenn wir gewinnen. Verdammte Scheiße, wer hat das erfunden?“

Es ist mein Herz, welches sich lautstark zu Wort meldet. Die ganze Zeit scheint es sich zusammengerissen zu haben, doch nun platzt es aus ihm heraus. Ich vernehme eine weitere Stimme.

„Herz, ich weiß es doch auch nicht. Aber was bringt es dir, jetzt die ganze Zeit rumzufluchen und die Umstände zu verteufeln, die nun mal zur Zeit nicht zu ändern sind? Sei doch vernünftig!“

Na super. Das musste ja so kommen. Kaum gibt Frau Herz einen Mucks von sich, sieht Herr Kopf sich gleich wieder gezwungen, dies mit seinem persönlichen Senf zu quittieren. Na, das wird jetzt sicher lustig. Nicht.

„Klappe, Kopf. Du immer mit deiner bescheuerten Vernunft. Ich pöble so viel ich will und verdammte Scheisse nochmal, ich hab‘ ja wohl auch diese Saison allen Grund dazu!“

Was soll ich sagen. Es hat recht. Manchmal.

Ich vernehme ein leichtes Grummeln. Es ist mein Bauch, der sich meldet. Mit stillem Bauchgefühlsweh. Wie bei einigen Spielen dieser Saison bereits auch. Ihr kennt das.

Doch bevor ich weiter auf ihn horchen kann, meldet sich Herr Kopf zurück.

„Aber wir wussten doch vorher, auf was wir uns da einlassen. Schalke ist nun mal kein Zuckerschlecken. Und war es noch nie. Das ist alles nichts neues für uns. Wir kennen das doch eigentlich schon zu genüge.“

Was soll ich sagen? Auch er hat Recht.

„Aber… aber es fühlt sich eben trotz allem immer so richtig an, verstehst du? Mal ganz ohne Vernunft, einfach nur Gefühl. Niemals möchte ich mehr darauf verzichten.”

Das Wort “verzichten” brennt gerade wie 1000 Feuer auf und unter meiner Haut…

„Menschen wollen immer genau das, was ihnen gut tut. Bei einigen ist es ihr Hobby, Musik oder tolles Essen. Bei manchen eben der Fußballclub und am besten dortige Siege. Dinge, die ihnen das Leben verschönern, sollten am besten immer vorhanden und greifbar sein. So sind sie nun mal, die Menschen. Klingt komisch, ist aber so.“

Ja. Klingt komisch, ist aber so.

Das Gespräch zwischen Frau Herz und Herr Kopf hängt mir nach und ich komme gerade auf keinen klaren Gedanken. Mein Bauch übernimmt hierbei eigentlich immer die Entscheidungsrolle. Diesmal aber nicht. Er betrachtet hmpfend das ungleiche Paar. Unentschlossen.

Und das ist gut.
Verdammt gut sogar.

Ich möchte Schalke nicht missen. Im Gegenteil, ich möchte es am liebsten live und so oft es geht erleben. Siege, Niederlagen, Unentschieden. Leidenschaft… ja, auch erleiden.

Mit diesem Gedanken und dem sich unweigerlich wieder entfaltenden kleinen Grinsekatzenlächeln, gehe ich durch die nächsten spielfreien Tage.

Mit Kopf und Herz im Einklang.

Libera

Libera

Gleichstellungsbeauftragte a.D.
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