Fan. Kein Fähnchen.

Veltins-Arena, oder: der Ort, das Wunderland, an dem sich mein Herz und meine Seele in 1904 Stücke teilen, damit jedes in eine andere Richtung davonwehen kann. So war es schon immer. Ich, die Frau mit den wohl größten Tränensäcken der Welt, parkt ihr Auto unten am Stadion, und auf dem Weg hinauf hat sie schon das erste Mal Pipi in den Augen. Warum? Ich kann es nicht so recht erklären. Allein dieses Gefühl, dass es schon immer so war, damals als Lütte an der Hand von meinem Schalke-Opa. Traditionen. Gemeinschaft. Und ja, auch dem eigenen Alltagstrott auf so leichte und schnelle Art und Weise zu entkommen wühlt mein Herz schon immer mehr auf, als es mir in der Öffentlichkeit lieb ist. Meine Gedanken verlassen dann ihren gewohnten Rummelplatz und schwärmen aus, um Spieler, Ball, Gegner, Freunde, Emotionen zu entdecken. Sie fliegen. Überall wo ich sie hin haben möchte. Und ich hinterher.

Wo sie landen ist jedesmal aufs Neue ungewiss. Und das ist gerade das Schöne. Jeden Spieltag ist es anders laut, hektisch. Manchmal schmilzt alles bei mir für einige Sekunden (Minuten…?! Ich weiss es nicht.) zusammen, Schmelztiegel, Hochofen. Tausend Freunde um mich herum bewegen sich plötzlich wie in Zeitlupe. Tausend Bilder, alte Erinnerungen, manchmal erscheint sogar Opa hoch über’m Stadion oder ich meine seine Stimme in der Menge zu hören. Innerlich zerspringe ich fast. Es ist als wäre ich nicht mehr da. Nur meine Hülle nimmt noch alles wahr. Die junge Frau neben mir springt ihrem Freund in die Arme, der alte Mann hinter mir highfived seine Kumpels. Alle strahlen vor Euphorie, Glück und Liebe.

Dann wiederum gibt es die anderen Spieltage, wo alle nervös und erwartungsvoll gebannt auf den Rasen starren. Das Bier landet im Wechsel im Magen oder aber wird wütendst über der Menge verteilt. Sobald der Ball in die Nähe des Gegentores kommt wird sich verkrampft, wird leicht mit dem Fuß mitgetreten, als hätte man die Kraft, von der Kurve aus den Ball ins Tor zu bewegen. Doch kein Spieler schafft es. Wenn sich solche Spieltage aneinanderreihen, erste Spieler Buh-Rufe ernten, (un)nötige Ausseneinwirkungen der Polizei oder gar wieder mal die großen T(rainer/orwart)-Fragen die Lösungen aller Probleme sind, dann schaue ich gerne auf die nach dem Spiel erscheinenden Vereinsfahnen, die dort unten rund um das Spielfeld zum Abschluss präsentiert werden. Ich fühle Verbundenheit. Mein treues Herz und meine Seele wissen, worauf es ankommt. Inneres Lächeln begleitet von tränenfeuchten Augen. ‚Königsblauer S04‘ wird gespielt, das Stadion leert sich. Und ich stehe einfach da und träume.

Verstohlen die Tränen wegwischen. Auch für mich ist es Zeit zu gehen. Mal sind es Lächeltränen, mal werden sie von Traurigkeit gespült. Aber ich weiss: Es lohnt sich jedesmal. Mit dem Stadion im Rücken gehe ich zurück zum Parkplatz. Ich blinzle, atme durch… und bin wieder zurück. Herz und Seele puzzlen sich aus 1904 Teilen wieder zusammen.

Und hinter mir wehen leise die königsblauen Fahnen…

Libera

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Gleichstellungsbeauftragte a.D.
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