Rolling, Rolling, Rolling…

Ferienende. Nordrhein-Westfalen. Genervte Mütter und Väter beißen auf den Adern des deutschen Verkehrsnnetzes in die Lenkräder ihrer Zafiras und Scénics, während etwas weiter nördlich die letzten Vorbereitungen getroffen werden, damit Karl-Heinz aus Kreuzberg und Hassan aus Steglitz-Zehlendorf wieder schneller ans Fließband kommen, um sich um Caddy, Touran und Tiguan zu kümmern.

Die gleiche Route nimmt kurz davor, kurz danach oder mittendrin ein blauer Bus. Wohl eher ohne all zu vieler Insassen. Denn die Akteure, für die dieser Luxus-Bus durch die Hauptstadt gerollt ist, setzen sich nach ihrem Videotextsieg sicherlich lieber in höchsten Höhen den gr0ßen Gefahren der heftigen Herbststürme aus, als sich auf der A2 von der mit Kekskrümmeln übersäten Chantal-Luise, die sich auf der Rückbank des neben ihnen stehenden Renault Laguna befindet, die Zunge rausstrecken zu lassen.

Diese Geste der Abschätzigkeit muss man indes von den Kollegen und Kolleginnen von Hassan und Karl-Heinz in Kauf nehmen. Also vor allem von denen, die nicht mit dem ICE zur Arbeit fahren. Ein Punkt mehr auf dem Konto, dazu ein positives Torverhältnis, da lässt es sich fröhlich schweißen und schrauben, während sich Horst-Werner in Gelsenkirchen mit dem Schauen des neuen Audi-Werbespots die nächste Überweisung seiner Stütze redlich verdient. Postbank, versteht sich. Zwei Punkte mehr, zehn Tore im Plus.

Lassen wir die Mannschaft wenigstens auf der Rückreise Höhenluft geniessen, und den leeren Bus mit Seele füllen. Mit Unserer. Mit unseren Erwartungen, Ängsten, Sorgen und Hoffnungen. Lasst uns ein Ziel ausmachen, zuprosten und … hm… tja… feststellen, dass wir ja immer noch im Stau stehen. Doch was will man machen? Es gibt sie nicht, die Tabellenüberholspur. Und wenn es sie gäbe, wer weiß, ob wir sie nutzen könnten. Es bleibt uns nichts, als von Spiel zu Spiel zu fahren. Stop & Go. Blick aufs Navi. Die korrigierte Ankunftszeit akzeptieren, die Abendpläne absagen. Und froh sein, wenn man überhaupt noch ankommt.

„Der Fahrer hat doch kein Konzept.“ höre ich jemanden aus den vorderen Reihen rufen. „Hätte er von Beginn an eine klügere Route gewählt, wären wir nun nicht in dieser prekären Situation. Feuert den Typ, und stellt einen anderen ein!! Auf der Stelle.“ Die Umsitzenden bejubeln die Worte. Einige Gutmenschen in der letzten Reihe schütteln genervt den Kopf. „Hat sich der Typ nicht im vergangenen Jahr noch für einen höheren Kündigungsschutz ausgesprochen?“ Und das Sprachrohr des Schalker Gutmenschentums gibt zu bedenken: „Wenn es so einfach wäre, und es eine Route geben würde, die uns ruhiger und schneller ans Ziel bringen würde, was lässt euch glauben, dass der Fahrer nicht bereitwillig die nächste Ausfahrt nehmen würde, um einer anderen Route zu folgen?“

„Vielleicht fehlt ihm die Ortskenntnis?“ fällt ihm der Nebenmann ins Wort. „Hat der nicht extra so einen fürstlich verdienenden Navigationsfachmann aus Süddeutschland an seine Seite gesetzt bekommen?“ schallt es aus einem anderen Winkel des Busses. Der Ober-Gutmensch hält inne. Denn ja, auch er würde gerne mal wieder ein paar Kilometer fahren, ohne anzuhalten. Auch er würde gerne nicht mehr auf die vom Kinderkaugummi ganz grün und rot und gelb gefärbten Zungen der Rotzgören und Quälgeister auf den Rücksitzen der Kugas und Qashqais schauen müssen. Und auch er wäre gern pünktlich zu Hause, um – wie jeden Sonntag abend – in aller Ruhe Zeigler zu boykottieren.

Doch schnell berappelt er sich, stellt sich auf seinen Platz in der letzten Reihe, und ruft mit lauter Stimme durch den Bus: „Es mag sein, dass wir schlecht voran kommen. Und es mag sein, dass es bessere und schnellere Wege gibt als diesen. Aber so lange wir alle in diesem einen Bus sitzen, und solange wir alle das gleiche Ziel vor Augen haben – und das gilt auch für den Busfahrer – sollten wir zusammen halten und uns als WIR verstehen. Lasst uns gemeins…“

Ein lautes Piepen unterbricht die Rede. Die wunderschöne Frau an der Seite des Redners zückt ihr Smartphone und sagt: „Ah, Chef! Die Schalke-App meldet, die Mannschaft sei gut gelandet. Alles in Butter.“

Könnten wir kurz anhalten? Ich glaub ich muss kotzen.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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