Blau und Weiß spazieren gehen

Schalke durch die Augen einer Frau sehen. Mithören was vor’m Stadion und in den Kurvenblock-Damentoiletten geplaudert wird. Oder aber was in den Einkaufsmeilen im Ruhrgebiet an königsblauen Accessoires zu finden ist… All das flüstere ich bereits seit einer Weile dem skAndy in sein Knickohr. Vielleicht interessiert es euch ja auch?!

Ich bin Schalkerin. Von klein auf. Opa ́s kleines königsblaues Glücksmädchen, das ab und zu mit ins Parkstadion genommen wurde. Ich kann mich an Frauen auf Schalke erinnern, die mir in die Klein-Mädchen-Wangen gekniffen haben weil ich in Opa´s Trikot niedlichst aussah, gerade so, als hätte ich ein königsblaues Nachthemd an. Aber ich habe den Eindruck, dass je älter ich wurde, auch immer mehr Frauen bei den Spielen zugegen waren. Find‘ ich gut.

Es sind zwar sehr unterschiedliche Frauentypen, die ich da rund ums Stadion antreffe, aber sympathisch sind sie mir allemal. Selbst diese „(Tri)Bühnenschalkerinnen“ mit ihren ausgefallenen Edel-Outfits und den königsblauen Glitzer-Klunkern an den Fingern und um den Hals mag ich. Ich hatte bisher zweimal die Gelegenheit in die heiligen Hallen der Tribünensäle schauen zu dürfen. Und dort sitzen sie ja. Naja, falls es das Outfit überhaupt erlaubt, sich zu setzen. Obwohl das Stehen auf den teuren, hohen Designerschuhen bestimmt auch keine Dauerlösung ist. Während des Spiels wird in der Vogue geblättert und Sektchen geschlürft. Bei einem Tor wird natürlich geklatscht und gelächelt, aber sogleich der Spiegel aus dem Handtäschchen gezogen um zu prüfen ob Make-Up und Haare noch perfekt sind. Ihre eigentliche Aufgabe ist es wohl, das Accessoire des Mannes zu sein. Aber ich denke, jeder Verein hat solche Bühnendamen. Ich beobachte sie dennoch gerne, verurteile nicht. Denn jeder Schalker soll sich so schmücken, wie er mag. Und wenn es in dem Falle die passende hübsche Frau anstelle von Fahne, Trikot und Veltinsbecher ist… warum nicht.

Ich selber wäre keine gute Tribünenschalkerin, würde sofort auffallen. Ich bin zu laut und zu lebendig und fiel auch bei meinen beiden Besuchen im Club direkt auf. Ich wollte besonders elegant sein und das ging natürlich voll daneben. Das erzähle ich euch vielleicht ein anderes mal; oder auch besser nicht. Einzig der Koch am Feinkost-Buffet hat mich als guten Freund gesehen… er hat sich gefreut, dass ich drölfzig mal vorbeigeschaut habe und zwar mit weit mehr Appetit, als die Damen die dort üblicherweise zugegen sind.

Dann gibt es natürlich auch noch die verträumten Fangirls. Sie sind immer und überall wo die Spieler sind. Haben durchaus fußballerisches Fachwissen, für den Fall der Fälle, dass es wirklich mal zu mehr als einem Hallo mit einem der Spieler am Trainingsplatz kommen könnte. Selbstbewusstsein ist vorhanden, meist sind sie Single und genießen die daraus resultierenden Vorteile. Man ist zum Beispiel niemanden Rechenschaft schuldig und kann schwärmen, gerne und freizügig, wann immer man will.

Ich selber war auch mal ein Fangirl. Mein typisch in rosa gehaltenes Mädchenzimmer wurde durch große Mannschaftsposter, Wimpel, Trikots, Eintritts- und Autogrammkarten geschmückt. Ich habe es sogar soweit gebracht, mit meinem damaligen Freund Schluss zu machen, nur um im Sommer 1992 nicht auf die Silberhochzeit seiner Eltern, sondern zum mehr als unschönen Westfalenstadion zu fahren. Es wurde ein Derbysieg. Hat sich also gelohnt.

Die Durchschnittsschalkerin, in Fachkreisen auch „Schalkette“ genannt, weiß zumindest, dass der Spieler, der da hinten dumm rumsteht und sich nicht viel bewegt der Torwart ist. Auch wenn einige Männer ihnen selbst das nicht zutrauen. Und ja, natürlich wird das Vereinslied stolz mitgesungen. Auswendig!

Einige dieser Schalketten haben sogar das volle fußballerische Fachwissen, andere beschäftigen sich eher mit den Charakteren der Spieler. In den Halbzeiten auf den Damentoiletten tratschen sie ALLES durch. Den Fehlpass, das Foul, die abgeschorenen Haare des Stürmers oder auch der wachsende Schnubbi im Gesicht des Verteidigers. Und zwar freundlich lachend. Schalketten untereinander verstehen sich. Mögen und respektieren sich. Der Verein verbindet. Sie schütteln bei hohen Ablösesummen ihre Mähnen und rechnen gerne um, was man sich davon alles leisten könnte.

Und wenn sich beispielsweise mal ein Spieler am Bein verletzt, gehen sie mit flinken Fingern sofort auch an den eigenen Oberschenkel und imitieren eine kleine Massage begleitet von einem sorgenvollen aber dennoch grinsenden „Oooooh, der Ärmste. Ihm muss sofort geholfen werden!“
Beim Trikottausch wird gemeinsam gekreischt und wenn die Spieler sich vor der Kurve feiern lassen, kann der ein oder andere Knappenhintern schon mal genauer angestarrt werden.

Die Spielerfrauen hingegen beäugen sie natürlich äußerst kritisch. Sie schauen auf das Outfit der jungen Damen und diskutieren, ob die Frau überhaupt diesen jenen Knappen verdient hat. Ob sie ihm gut tut, ihn anpuscht oder ihn aber in seinen Leistungen auf dem Platz einschränkt. Denn sie glauben an die Weisheit „Hinter jedem großen Mann steht eine noch größere Frau“.

Aber letzten Endes gilt: Ob 18 oder 60 Jahre alt. Ob langhaarig blond, brünett gelockt oder kurzes silbergrau. Wir Frauen sind auf Schalke gerne präsent. Und vor allem: Wir sind Fußballbegeistert. Sonst würden wir nicht bei Eiseskälte oder Sommerhitze in dieses unseres Herzstadion laufen, nach manch einem verlorenen Spiel mit hängendem Kopf im Stau stehend fluchen oder aber bei einem Sieg in der Straßenbahn mit allen zusammen schalkige Lieder gröhlen.

Wir haben mittlerweile das Millenium lange erreicht. Da sagt man Sachen wie „Arbeiterclub“ eigentlich nicht mehr. Aber das ist für mich das Schöne auf Schalke… dieses Wort ist nicht nur ein Wort. Es ist Tradition. Und Traditionen schleichen sich immer wieder ein.

Libera

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Gleichstellungsbeauftragte a.D.
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