Nullvierter

Dass man am Saisonende hinter Bayern steht, das kennt man. Nur einmal in den letzten zehn Jahren war das nicht der Fall. Zu nutzen wussten das aber nicht wir, sondern die Schwaben. Dass die Bayern Meister werden, ist auch nicht neu. Manchmal deutlich, manchmal knapper, manchmal augenscheinlich per Last-Minute-Angebot gekauft.

Dass der doofe Nachbar vor uns steht, daran gewöhnen wir uns leider in letzter Zeit. Hoffentlich aber nie richtig. Fünf mal in den letzten 10 Spielzeiten, drei davon aktuell in Serie. Bayer Leverkusen hingegen stand im gleichen Zeitraum drei mal vor uns. Jetzt, 2004 und natürlich in der miserablen Magath-Saison.

Bayer Leverkusen steht vor uns. Das muss man nicht mögen, kann man aber anerkennen. Sie stellen den Torschützenkönig, waren extrem heimstark und mussten insgesamt nur 7 Niederlagen einstecken, also ganze 4 weniger als wir.

Wir hatten eine große Krise. Wir hatten einen umstrittenen Trainerwechsel. Wir hatten Verletzungspech. Wir hatten zeitweise Dreifachbelastung. Es muss erlaubt sein, die Frage zu stellen, was wir mit einem Papadopoulos erreicht hätten. Weiterhin muss erlaubt sein zu fragen, was wir mit einem Holtby in der Rückrunde hätten erreichen können. Oder mit einem Raúl in dieser Saison. Einem Afellay in Topform. Einem Manue… Lassen wir das.

Man kann viel spekulieren. Man kann sich noch mehr ärgern. Aber rein faktisch betrachtet waren wir in der Summe besser als vierzehn (!) andere Mannschaften in dieser Saison. Trotz allem. Das ist nicht nur mehr, als es sich für mich angefühlt hat, sondern vor allem mehr, als zwischenzeitlich zu befürchten war. Klar: Auch weniger als zuletzt gegangen wäre und weniger, als es das Mannschafts-Budget eigentlich vorschreibt.

Anders herum kann elendig lange hadern und zum Beispiel darauf hinweisen, dass man mit einem Topstürmer wie Huntelaar Meister werden muss. Und wieder umgekehrt darauf schauen, dass wir mit Spielern wie Kolasinac, Matip und Draxler einfach viel erreicht haben. Seien wir stolz auf diese, unsere Jungs. Wir sind Nullvierter. Und ich finde, das steht uns im Moment ganz gut.

Jetzt wird es spannend. Welche Spieler haben genug von der Schalker Erfolgslosigkeit und wollen endlich mal auf einem Rathausbalkon stehen? Wen kann man trotzdem an den schönen Emscherstrand locken? Welche Rolle wird z.B. ein Max Meyer in der nächsten Saison spielen? Wird das Management wieder von dem Gedanken getrieben sein, Quotenstars verpflichten zu müssen?

Meines Erachtens steht der Schalke gerade vor einer großen Chance. Es gibt keinen Trainerwechsel, einige wichtige Personalentscheidungen wurden bereits getroffen, und kein Sommerturnier. Schalke kann eine Truppe schaffen, ja geradezu schmieden. Ohne geliehenes Füllmaterial. Sondern mit einem Gesicht. Einem Schalker Gesicht. Denn, und das muss man auch mal betonen, bisher hatte Jens Keller noch keine Chance, der Truppe in Personalfragen einen Schliff zu verpassen. Und das sollte man ihm, so wie jedem anderen Trainer auch, zugestehen bevor man ihn derart misst, wie es allerorts geschieht.

Ich denke unsere Perspektive ist gar nicht schlecht, wenn alle Baustellen gewissenhaft angegangen werden. Und letzteres bitte nicht nur auf dem Platz. Denn von der neuen Saison erhoffe ich mir vor allem eines:

Mehr „Wir“ im Verein.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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