Die Sache mit der Verlustangst

Herrjemine! Wir haben verloren. Gegen Stuttgart. Gerade gegen Stuttgart. Der VfB. Das Beispiel, dass man sich nicht etablieren muss. Dass man sich nicht oben festsetzen muss. Dass man nicht jedes Jahr Champions League buchen muss. Dass man Erfolg nicht festhalten kann. Dass man ihn aber jederzeit schaffen kann. Durch erfolgreiche, gemeinsame Arbeit.

Jetzt zittern wir. Um die Qualifikation zur Qualifikationsrunde. Um den Einzug in die Champions-League. Diese ist natürlich immens wichtig, weil…

Ja, weil…

…also…

Nun ja. Da würden doch alle Spieler weglaufen. Die internationalen Topstars, die uns doch den Erfolg sichern. Also den Erfolg, den wir nicht gehabt hätten, wenn wir ihn dann eben nicht haben würden. Ähm. Ja, und die Sponsoren. Wir brauchen doch viel Geld um die internationalen Topstars zu bezahlen, die uns den Erfolg sichern, den wir nicht gehabt haben, wenn wir ihn denn nicht haben. Und wie sollen wir dann einen Startrainer bekommen. Also so einen, den wir offensichtlich auch jetzt nicht bekommen. Und am Ende bleiben vielleicht sogar noch Fans weg. Und kaufen den Fanshop nicht mehr leer. Und wir wären Ruckzuck nicht mehr die Nummer eins im Pott, die wir zwar jetzt gerade auch nicht sind, aber eben so gerne sein wollen.

Oh mein Gott. Man stelle sich vor, wir hätten ein Team aus Eigengewächsen und gekauften Geheimtipps aus den Benelux-Staaten. Und einen Trainer den niemand kennt. Man stelle sich vor, wir liefen wieder Gefahr, um einen Mittelfeldplatz kämpfen zu müssen. Man müsse noch mehr Fehlpässe und vergebene Chancen sehen. Vergeben Chancen von irgendwelchen Nobobys. Es ist so: Vergebene Chancen sind einfach viel schöner zu beschimpfen, wenn sie ein Weltklassestürmer macht. Man stelle sich vor, man hätte wieder das Gefühl, der wichtige Zwölfte Mann zu sein.

Ich liebe mein Schalke. Und ich mag mein Schalke gerne ansehen, wenn es dieses wunderschöne Glitzerkleid trägt. Mit den sündhaft teuren Ohrringe und dem fast perfekten Make-Up.  Aber am meisten liebe ich mein Schalke in den Momenten, wo es echt ist. Wo es es selbst ist. Und wo es meins ist. Wo es sich nicht verkleidet. Unbekümmert. Aber schwitzend, und mit zerzausten Haaren. Schalke ist herrlich. Zu herrlich, um sich über Erfolg definieren zu müssen.

Ich mache mir nichts vor: Sollte mein Schalke am letzten Spieltag scheitern, sollte meine Schalke die Qualifikationsrunde verpassen, dann wäre das ein großes Problem. Weil es die Linie nicht ändern würde. Weil es nur ein Stolperstein auf dem Weg nach „dauerhaft oben“ wäre. Weil niemand bereit ist, einen Schritt zurück zu machen, um Anlauf zu holen. Vielleicht weil sich hier keine Fußballvereine mehr sportlich messen, sondern Wirtschaftsunternehmen um Marktanteile kämpfen. Vielleicht weil die Überschuldung diesen Druck schafft. Ich weiß es nicht, aber es ist auch egal. Der Fakt bleibt gleich: Es wird sich nicht ändern.

Trotzdem will ich Angstlos bleiben. Ich fürchte keine Nicht-Qualifikation. Weder CL noch EL. Ich fürchte keinen Abstieg. Ja, inzwischen fürchte ich nicht mal eine Insolvenz. Denn ich fürchte nicht um meine unbedingte Liebe zu diesem Verein und ich fürchte keinen Hohn vom doofen Nachbarn. Weil das was Schalke ausmacht und das was ich an Schalke liebe nicht an Erfolg oder Misserfolg gebunden ist. Im Gegenteil: Fürchten tue ich höchstens, dass mein Verein sich mit Effes und Horstis und wiesiealleheissen sein wunderschönes Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verschandelt.

Das ist die einzige Angst, die ich habe. Und die wohl dazu führt, dass mir in letzter Zeit immer häufiger vorgeworfen wird, ich wäre sehr negativ in meinen Äußerungen. Ich würde alles schlecht reden, die Dinge nicht positiv betrachten. Und das mag durchaus berechtigt sein. Aber zum Schweigen bin ich wohl einfach noch nicht weise genug.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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