Oma besuchen

Wir leben in einer garstigen Zeit. Die Uhren drehen immer schneller. Der eigene Nachwuchs wird die Woche über in entsprechende Einrichtungen gegeben, damit man selbst seiner Arbeit Anwesenheitspflicht nachgehen kann. Am Wochenende konkurriert dieser dann mit den wirklich wichtigen Sachen wie Fußball und noch mehr Fußball. Kein Wunder, dass man nicht dazu kommt, die Glühbirne im Keller zu wechseln oder eben mal Oma zu besuchen.

Oma ist aber auch ein schwieriger Fall. Sie kennt mich nun seit über dreißig Jahren und legt beispielsweise ihre Geburtstage immer noch in aller Regelmäßigkeit auf Spieltage. Nimmt man sich zwischendurch mal Zeit um sie zu besuchen, will sie dann auch noch wissen, wie es denn den Kinder so geht und was die Arbeit macht, statt über Fußball zu reden.

Manchmal wäre Oma aber einfach trotzdem die Bessere Alternative. So zum Beispiel letzten Samstag, 15:30 Uhr. Denn Oma hat einiges zu bieten, was der FC Schalke 04 manchmal schmerzlich vermissen lässt. Das Web 0.4 nennt einige Beispiele.

1) Einsatzwillen. Oma kann nicht mehr, wie sie will. Die Hüfte, der Rücken, die Hände, hier und da ein Organ, dass nicht mehr so richtig will. Aber Oma jammert nicht. Na gut, Oma jammert die ganze Zeit, aber das hält sie, im Gegensatz zu manch einem Spieler auf dem Feld nicht davon ab, alles für die Liebsten zu geben, hier einen Kuchen zu backen, da mit den Kindern Ball zu spielen oder noch schnell einen Kasten Sprudel aus dem Keller holen, bevor der Besuch kommt.

2) Traditionsbewusstsein. Oma kennt ihre Wurzeln. Manchmal besser als die Gegenwart. Früher war eben alles besser und *hüstel* menschlicher. Naja, zumindest kurz vor und nach früher. Jedenfalls sorgt Oma dafür, dass die Enkel wissen, wie es denn so war, als man nix hatte, außer vielleicht Hunger und Striemen von Lehrers Rohrstock oder Uropas Gürtel. Besser. Schließlich hatte man noch Werte.

3) Treue Egal was passiert, Oma bleibt ihren Liebsten treu. Man stelle sich mal vor, es käme uns bei Oma das Gefühl auf, sie würde, ebenso wie manch Spieler es momentan vermuten lässt, die temporären Familienziele gar nicht so ernst nehmen, weil der nächste unverkorkste Enkelsohn ja nur ein einträgliches Transfergeschäft entfernt ist.

Wer jetzt traurig da sitzt, weil er vielleicht keine Oma mehr hat, dem möchte ich gerne noch ein paar andere Dinge in Aussicht stellen, die sich als Alternative zu einem solchen Spiel eignen: Minigolf spielen, Fahrrad putzen, Schnitzeljagd,  die Schublade mit den Tupperdosen auf- oder zumindest ausräumen. Danke. Bitte.

 

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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