Schrumpftruppe

Obwohl die Annahme nahe liegt, ist die Überschrift keinesfalls despektierlich gemeint. Es ist nur, dass die Mannschaft, die da auf dem Platz war, irgendwie eine war, die auch in einer anderen Situation, sprich, ohne Champions-League-Ambition hätte zusammenkommen können. Gut, vielleicht hätten Höwedes und Draxler schon längst das Weite gesucht, und vielleicht wäre ein Bastos nie gekommen, aber irgendwie war es doch eins dieser Teams, wie sie der Durchschnittsbundesligamittelfeldklub hätte stellen können.

Fast alle Spieler, die in den letzten Transferfenstern mit Gerüchten für Furore sorgten, standen nicht auf dem Feld namentlich Huntelaar, Papadopoulos, Farfán. Zusammen mit Jones, Afellay und den restlichen ins Lazarett abgemeldeten Spieler brechen da mal eben 40% des von transfermarkt.de deklarierten Marktwerts unseres Profikaders weg.

Trainer Keller, plötzlich Medien- und Zuschauerliebling, fehlten jegliche Alternativen, die Mannschaft stellte sich fast von selbst auf und es war eine Freude zu sehen, wie die Schalker nach ängstlichem Beginn zur Mitte der ersten Halbzeit aufdrehten. Vor allem Draxler machte mit dem Ball, was er wollte, lediglich der Abschluss wollte nicht gelingen. Und wie es eben so ist, wenn man seine starke Phase nicht zum Tor nutzt, und gegen einen clever agierenden Gegner spielt, fängt man sich eben im Anschluss an eine solche Phase ein Gegentor.

In diesem Fall ein sehr, sehr Ärgerliches. Ein Tor welches man nur zu verteidigen im Stande ist, wenn es die eigenen Mannschaft geschossen hat. Aber das, da bin ich mir sicher, hätte man mit Händen und Füßen getan. Also nützt es alles nichts, es steht zur Halbzeit 0:1 und die Art des Tores ist dann doch eher stimmungsförderlich, denn die Stimmung richtet sich eher gegen Schiedsrichter und Gegner als gegen das eigene Team. Was wie Selbstverständnis klingt, ist offenbar aber leider seit Jahren überholt.

Da steht oder sitzt man nun in der Halbzeit und hofft. Auf den lieben Fußballgott und  die eigenen Comebackqualitäten, welche Kießling dann in der 58. Spielminute endgültig zerstören möchte. Kießling? Echt? Oder doch eher die eigene Hintermannschaft, die mit einer mittelmäßigen Standardsituation des Gegners maßlos überfordert scheint? Da hat man, in der Nordkurve stehend als Fan das Gefühl, man hätte es bei dieser Schußgeschwindigkeit selbst noch geschafft, den Ball aus dem Kasten zu fischen, natürlich nicht ohne unterwegs nochmal Pipi zu machen, die Knappenkarte aufzuladen und den Freunden einen Meter Veltins mitsamt Bratwurst zu kredenzen.

Sei es wie es sei. Dann stehst du eben da und siehst ein: Wir gehören nicht auf den dritten Platz. Und vielleicht eben nicht mal auf den Vierten. Und: Vielleicht ist das gar nicht mal schlecht, aber dazu vielleicht in den nächsten Tagen – zum Leidwesen des ein oder anderen – nochmal etwas. Hilft aber alles nix, denn eine Viertel Stunde später versucht Bastos es mit einem Schuss aus der Distanz und – der heute im Gegensatz zu Marica bärenstarke – Pukki staubt den vom Torwart abgewehrten Ball ab. 1:2. Hoffnung.

Der für Moritz eingewechselte setzt offensiv Akzente, trotzdem war es einer dieser vielen Angriffe über das Knäuel auf der rechten Seite, die, nach einem Foul an Pukki, zum Strafstoß führten. Raffael netzt knapp aber plaziert ein und das Spiel ist ausgeglichen. Zumindest vom Spielstand her. Denn eine rote Karte zog die Situation ebenfalls mit sich. Diese Überzahl wusste Schalke aber leider überhaupt nicht mehr zu nutzen, so dass das Spiel, welches von beiden Teams eigentlich deutlich hätte gewonnen werden können, wenn man seine jeweiligen Phasen besser genutzt hätte, unentschieden ausging. Letztendlich aber ein Zähler, der natürlich eher die Leverkusener weiterbringt.

Trotzdem hatte dieses Spiel was. Fernab der üblichen wirholenaufundholennocheinenpunkt-Freude. Es hatte was martialisches. Und doch ein hohes Niveau. Einen Hauch von Mittelklassefußball. Mir hat’s gefallen. Wenngleich das Ergebnis in der Summe zu wenig war.

 

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

Letzte Artikel von Andreas (Alle anzeigen)