Danke, Bremen!

Es war eine bemerkenswerte Woche. Eine sonderbare. Eine Woche unter dem Stern eines bitteren Verlustes. Mir ist zeitweilig die Lust vergangen, diesen Blog mit Texten über Fußball und dem Fußball gewidmeten Emotionen zu füllen. Diese fand ich jedoch am vergangenen Wochenende wieder. Am Freitag Abend, in netter Nerdkurven-Gesellschaft bei einem kleinen  Treffen im Armin, und am Samstag, bei einer schönen Auswärtsfahrt im Kreise meiner Familie.

Als meine Brüder und ich uns samt Vater am Samstag morgen auf den Weg machten, der Einladung unseres im Bremer Umland wohnhaften Onkels zu folgen, dem niedlichen Stadion an der Weser einen Besuch abzustatten, war Fußball noch nicht so richtig Thema. Schließlich sieht sich die Familie in der Konstellation nicht so häufig – Im Gegenteil – wenn ich mich recht erinnere, war es das erste Mal, dass die gesamte verbliebene Männerschaft unserer kleinen Familie woanders als an den Kaffeetischen der Verwandschaft zusammenkam. Einer hat sonst immer gefehlt.

Erst als man sich nach einer recht flotten Fahrt und der Begutachtung des neuen Wohndomizils auf den Weg in die Stadt machte, und nicht schlecht staunte, dass diese Regionalbahn von Osten kommend von mehr Schalkern als Bremern besetzt war, stieg die Fieberkurve an. Während wir vor der Fahrt von der Tante noch fix ein paar Brötchen einverleibt bekamen, schienen die Übrigen Schalker Hunger zu leiden. Zumindest kann ich mir anders nicht erklären, warum aus verschiedensten Richtungen fortwährend Liedgut angestimmt wurde, in dem es hauptsächlich um Kartoffelsalat ging.

Als wir endlich im „Viertel“ landeten begegneten wir einem friedlich bunten Mix aus blau und grün, und ich meine nicht die mit den fiesen Stöcken. Letztere sah man dann unten am Weserufer, unkonspirativ angereiste Fans einkesselnd. Wir kehrten noch kurz in ein Café ein, auf dem ein unsichtbaren Schild mit der Aufschrift „letztes Bier im Glas vor dem Stadion“ prangte. Dort traf man noch – telefonisch forciert – kurz aber sehr nett auf Sebastian aka @uckmann_heise und – nicht telefonisch forciert – auf eine das Gesicht herrlich wärmende Sonne, die über die Weser auf die Terrassen schien. Fantastisch!

Ein paar Schritte weiter, vor dem Gästeeingang des Stadions, wartete eine herrlich lockere Atmosphäre auf uns. Leider auch eine Mobilfunk-Empfangsfreie Zone, so dass ein Treffen mir bekannten, ebenfalls angereisten Menschen leider ausfallen musste. Als wir knapp vor dem Anpfiff im kleinen aber gut gefüllten Stadion die feinen Plätze in der dritten Reihe der Nordtribüne einnahmen, glichen meine Sinnesorgane ausgetrockneten Schwämmen, die einfach alles aufsaugen wollten, was um sie rum geschah. Herrlich laute Schalker, drei Meter entfernt agierende Spieler, grün blaues Mischmaschpublikum von 3 bis 93 um uns, und vieles mehr. Das Spiel selbst ging, eher ungewöhnlicherweise, erstmal in weiten Teilen an mir vorbei, und ich brauchte viele Minuten, um mich einzugewöhnen. Zu faszinierend war es, sich beispielsweise die Ballettähnliche Beinarbeit von Sead aus nächster Nähe anzuschauen, wenn ein ballführender Gegner auf ihn zukam.

Da ihr das Spiel vermutlich besser gesehen habt als ich, spare ich mir an dieser Stelle Details. Fakt ist, dass man beim Abpfiff – zwei Tore und einem Wortgefecht mit umsitzenden Bremern später, die kein Verständnis für Schalker hatten, die sich nach gesungener Aufforderung der Ultras ans Aufstehen machten, selbst aber 10 Minuten vor Spielbeginn aufstanden, um zu gehen – glücklich war. Über drei Punkte und einen herrlich gestimmten und stimmigen Fußballnachmittag.

Beim Rausgehen trafen wir auf die Familie von Julian Draxler, und man unterhielt sich kurz, da Julians Bruder der BV Rentfort-Schal meines Bruders (der Julian in der Mini-F-Jugend sogar mal trainierte, aber pssssst, das darf ich keinem erzählen) in Auge gefallen war.

Wir gingen zurück ins „Viertel“, einem wunderbaren Ort voller netter Kneipen und Menschen, und ließen dort bierselig den Abend ausklingen, bevor wir, mit kurzem Zwischenstopp an der „Schlachte“ und den Heimweg suchten. Auf dem Weg durch die Gassen, traf man noch auf einige Herzmenschen, die man vor dem Spiel leider verpasste. Herrlicher Zufall.

Ein toller Tag, in einer tollen Stadt, mit weitestgehend tollen Menschen. Ich hatte viele, durchweg positive Gespräche mit gegnerischen Fans, und ihnen allen möchte ich nochmal sagen: Auch eure Zeit wird wiederkommen. Bleibt euch und eurem Verein treu. Ich freue mich schon aufs nächste „messen“! Danke, Bremen!

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

Letzte Artikel von Andreas (Alle anzeigen)