Wir bilden dich: Der bekackte Gutmensch

Mitte der Neunziger war da dieser halbwüchsige Glatzkopf mit den großen Stiefeln und den gechlorten Hosen in der Nordkurve. Meist in Block 5, immer irgendwo im Einzugsgebiet von Catweazles Getrommel. Dieser kleine Glatzkopf konnte nicht nur wunderbar laut singen, sondern am allerbesten konnte er hassen. Nazis, Erwachsene, Politiker, die Suppe, mal sich selbst oder die ganze Welt. Einfach alles wurde gehasst. Gerne auch Stuttgarter, Duisburger, Dortmunder und was sich sonst so alles in der Kurve gegenüber rum trieb. Außer die Nürnberger natürlich. Man braucht ja auch Verbündete.

Irgendwann wurde dieser kleine Glatzkopf aber – nein, nie erwachsen – aber immerhin älter. Und er fing an, auch tief verwurzelte Hasstraditionen zu überdenken. Zum Beispiel aß er plötzlich auch mal brav die gesunde Suppe und lernte nette Menschen kennen, die andere Vereine gut fanden, als er selbst. Er fing an, sich Gedanken darüber zu machen, zum Beispiel, wie die Leute dazu kamen, diese Schwarz-Gelbe Pest gut zu finden, und nicht diesen wunderschönen königsblauen Club.

Inzwischen ist der kleine halbwüchsige Glatzkopf ein großer Glatzkopf und findet zwar Nazis und ganz viele andere Leute immer noch blöd, findet aber Kriege noch blöder. Er will einfach nicht verstehen, warum sich Leute wegen kleinster Unterschiede und Differenzen bereit sind, mit Gewalt zu begegnen, sich letztendlich sogar ausrotten zu wollen. „Bekackter Gutmensch“ hat ihn mal jemand genannt, der es nicht einsehen wollte, dass man auch im Kleinsten damit anfangen könnte, mit dem hassen aufzuhören. Nämlich zum Beispiel im Derby. Nennt ihn so, das stört ihn nicht, aber nervt ihn bitte nicht mit eurem Hass aus Tradition.

Der große Glatzkopf kann an keinem Schwarz-Gelben Emblem vorbeigehen, ohne seiner Abscheu zumindest mit seiner Mimik Ausdruck zu verleihen. Allein diese Farben!! Und trotzdem nimmt er keinem Menschen übel, dass er sich einen anderen Verein zu seinem Favorit gemacht hat, als er selbst. Weil Menschen nun mal verschieden sind, in andere Begebenheiten geboren werden und einen anderen Lebensweg gehen. Und das ist gut so. Kann man sich ernsthaft darüber wundern, dass Extremisten der Weltreligionen sich gegenseitig abschlachten, wenn man nicht mal bereit ist, eine divergierende Vereinszugehörigkeit mit Humor zu nehmen?

Wir leben mit einer herrlichen Farbenvielfalt. Wir unterscheiden uns in unseren Bräuchen, in der Haut-, Haar-  und Augenfarbe, wir leben verschiedenste Sexualitäten, haben in allen Sinnen vollkommen unterschiedliche Geschmäcker und manche Menschen kommen mit Besonderheiten zur Welt, die als Syndrome abgetan werden. Niemand ist perfekt, jeder hat Stärken und Schwächen und nur zusammen bilden wir einen bewundernswerten Regenbogen. „Bekackter Gutmensch“, „Hippie“. Der Glatzkopf. Ich. Meinetwegen.

Ich bin nicht bereit, auch wenn ich einen Verein Scheiße finde, all seine Anhänger Scheiße zu finden. Ich bin nicht bereit, jeden gut zu finden, der meinem Verein angehört. Ich bewerte Menschen nach vielen Kriterien. Aber garantiert nicht nach den Voraussetzungen, mit denen sie ins Leben geworfen oder da durch gehen. Und lieber umarme ich meine Dortmunder Freunde, als einen Menschen wegen seinem Schal zu verurteilen. Es gibt genug hassenswerte Menschen auf dieser Welt.

Dafür dürft ihr mich jetzt gerne Scheiße finden.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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