Interview: #einfachsein auf Schalke

Anm.: Dieser Beitrag ist im Original am 01.02.2013 erschienen und wurde heute im Rahmen der #einfachsein -Thementage wiederveröffentlicht.

Als ich gestern im Internet von den Thementagen des „Quergedacht“-Blog las, die auf Twitter unter dem Hashtag #einfachsein zu finden sind, und Anfang März stattfinden, und das Thema „Behinderungen, Medien und die Gesellschaft“ behandeln, habe ich mich ganz kurz über den beschränkten Horizont eines Fußball-Blogs geärgert. Schließlich ist unten auf dem Platz, selbst wenn Rassismus glücklicherweise im Kern kaum noch Thema ist, kein Platz für Andersartigkeit. 22+ körperlich perfekt ausgebildete, durchweg männliche Sportler, bestenfalls heterosexuell und psychisch in bester Verfassung, spielen um den Sieg. Millionen feuern sie an. Doch unter diesen aber wiederum gibt es dankenswerterweise Menschen aller Couleur. Man liest sogar von blinden Menschen, die das Spiel fühlen statt es zu sehen und von Menschen, die sich trotz Ihrer Einschränkungen geradezu ins Stadion quälen, obwohl sie schon Probleme haben, in den nächsten Supermarkt zu kommen, etc. pp.

So will auch ich versuchen vorab meinen kleinen Beitrag zu leisten, auch wenn diese Fußballblog-Welt kaum ins Bild der Themenwoche passt. Wenigstens um vielleicht – andersherum – die Aufmerksamkeit des einen oder anderen interessierten Lesers auf das Projekt des Quer Denker zu lenken und möchte Hassan, vielen bekannt als Redakteur von goal.com und als (ehemaliger) Kolumnist diverser anderen Sportpublikationen, ein paar wenige Fragen zum Leben als Rollstuhlfahrer auf Schalke stellen. Solltet Ihr selbst noch eine haben, schreibt sie doch bitte in die Kommentare, oder fragt ihn einfach selbst per Twitter.

Hallo Hassan, heute möchte ich dich mal nicht in der Rolle des Journalisten interviewen sondern in deiner Rolle als Schalker. Und zwar als Schalker, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Ich habe mal ernsthaft erlebt wie sich in der Bahn zwei Leute unterhalten haben, dass man mal eine Behinderung vortäuschen müsste, weil man dann direkt an den Spielfeldrand kommt, und der Begleiter hat sogar freien Eintritt. Erzähl doch mal, wie es ist, wenn man als Vollblutschalker im Rollstuhl ein Spiel besuchen möchte…

Hallo Andreas!
In erster Linie ist es so, dass man die Karten nur über das Büro von Pfarrer Jochen Dohm bekommen kann. Das Schalker Ticketcenter ist dafür nicht zuständig. Um an Karten zu gelangen, braucht es den Personalausweis und den Schwerbehindertenausweis. Wenn man Mitglied des Vereins ist, dann ist das besser. Dazu komme ich aber später.

Jedenfalls gehen die Ausweise, Adresse + Mitgliedsnummer als Kopie ins Büro von Pfarrer Dohm. Zusätzlich schickt man jede Saison eine Liste mit den Heimspielen, die man besuchen möchte. Das kann man unmittelbar nach der Spielplanvorstellung der DFL machen bzw. der UEFA-Auslosungen für internationale Spiele – DFB-Pokal ebenfalls. Vier Wochen vor den Spielen bekommt man Post aus dem Büro von Dohm. Dort steht dann drin, dass die Karten für das Spiel gegen XY für einen reserviert sind. Man bekommt eine Zahlungsfrist, so dass sie die Karten dann kurzfristig noch abgeben können, falls man selbst nicht zum Spiel kommen kann.

Die absoluten Topspiele gehen allerdings nur an Mitglieder. Dortmund und Bayern auf jeden Fall, soweit ich weiß. Generell ist es schwierig, viele Spiele sehen zu können. Mitglieder werden grundsätzlich bevorzugt behandelt. Das größte Problem ist jedoch, dass wir nur 300 Plätze für Rollstuhlfahrer haben, es allerdings pro Spiel 700 Anfragen gibt. Du kommst als Rollifahrer ungefähr auf sechs bis acht Spiele in einer Saison, was für mich, der gerne jedes Spiel sehen will, nicht einfach ist.

Es gibt dann noch die Möglichkeit der Dauerkarte, allerdings ist die Warteliste mit 70 Leuten schon ziemlich voll. Die Karten kosten zwischen 17 und 21 Euro. Für Rollstuhlfahrer ist dort ein Begleiter mit einbezogen, deshalb bekommt man eine zweite Karte kostenlos dazu. Der/Die Begleiter/in sitzt dann unmittelbar vor einem im Stadion. Ob es auch Rollstuhlfahrer am Spielfeldrand bei uns gibt, das weiß ich nicht.

hassan

Wie ist es mit der Anfahrt? Die Bahnhaltestelle direkt an der Arena ist ja nicht barrierefrei. Sind die Umwege, die man als „mobilitätseingeschränkter“ Mensch, wie es der Verkehrsbetrieb nennt, in Kauf nehmen muss, hinnehmbar?

Die Anfahrt über die Bahn kenne ich nicht, dazu kann ich dir leider nix sagen. Ich bin jetzt stets mit dem Auto gebracht worden. Man erhält ja auch einen Parkplatzschein bei Kartenerhalt. Dann kann man an der Konrad-Adenauer zum Courtyard-Marriot-Hotel hochfahren und darf dort parken. Über die Charlie-Neumann-Brücke rollt man dann ins Stadion. Am Eingang Nord geht’s dann vorbei zur Gegengerade

Man sagt ja, ein gefülltes Stadion ist das Spiegelbild der Gesellschaft. Kannst du das so bestätigen? Oder erlebst du den Umgang untereinander, speziell auch hinsichtlich deiner körperlichen Einschränkung, gelassener oder schwieriger als in Alltagssituationen?

Der Umgang im und um dem Stadion herum ist hervorragend. Natürlich gibt es Leute, die etwas blöd gucken, wenn sie einen Schwarzen im Schalke-Trikot und dann im Rollstuhl sehen. Aber größtenteils sind alle Menschen sehr freundlich. Ich denke, dass ein jeder Schalker der regelmäßig ins Stadion geht, immer wieder mal Schalker im Rollstuhl gesehen hat. Wir gehören auch dazu und das lässt mich die große Blau-Weiße-Familie spüren.
Was ich allerdings in diesem Zusammenhang noch erwähnen möchte, ist, dass der SFCV (Anm.: der Schalker Fan-Club Verband) immer noch keine Rampe für Rollstuhlfahrer gebaut hat, um deren Klubheim besuchen zu können. Da bedarf es dann immer zwei starken Männern, die einen da rein- und raustragen. Das ist in der heutigen Zeit einfach kein Zustand mehr.

Fußball ist ein großer Teil deines Lebens, und ich meine mal irgendwo gelesen zu haben, dass du selbst gesagt hast, du hast dich nach dem Unfall, der dein Leben so verändert hat, da sogar ein wenig hineingeflüchtet. Würdest du sagen, dass der Fußball dir geholfen hat?

Ja, du hast recht. Fußball, besonders mein Verein Schalke 04, hat mein Leben gerettet und es wieder lebenswert gemacht. Als ich 2007 meinen schweren Unfall hatte, bin ich zwei Jahre lang nicht mit meinem neuen Leben zurechtgekommen. Ich erinnerte mich, dass mein Psychologe aus dem Krankenhaus sagte, ich solle mich an Dinge wenden, die mich begeistern und mir Freude machen. Das war für mich Schalke 04 und Fußball im Allgemeinen. So hat sich mein Leben neu gestaltet, neu entwickelt und ist für mich voller Lebensfreude.

Glück Auf, Hassan. Und vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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