Die offenbare Nichtigkeit des Ruhms

Am Freitag fand ein Spiel statt, über das es sich lohnen würde, ca. Eintausendneunhundertvier Artikel zu schreiben. Und trotzdem beschäftigt mich an diesem Sonntag morgen ein ganz anderes Thema. Nämlich Ruhm.

Was ist Ruhm? Laut wikipedia ein „hohes und andauerndes Ansehen einer Person innerhalb einer Gemeinschaft oder der Öffentlichkeit. Ruhm wird durch hervorragende Leistungen oder außergewöhnliche (auch todesmutige) Taten, besonders im musischen, religiösen, politischen, wirtschaftlichen, kriegerischen, wissenschaftlichen oder sportlichen Bereich erreicht. Merkmal des Ruhms ist außerdem, dass er diese messbaren Leistungen überstrahlt, mithin stets eine nicht rationale Komponente mit sich trägt.“

Ruhm war, als ich Kind war, ein großes Wort.  Ich habe keine Ahnung wer es zu dem gemacht hat, oder warum ich das überhaupt so erlebt habe, aber irgendwie schien es Ziel vieler MEnschen zu sein, auch nach ihrer Karriere, ihrem Tod oder was auch immer noch etwas zu gelten. Es wurden Rekorde gejagt, Sachen erfunden, Länder separiert und wiedervereint, Kriege beendet und Nr. 1 Hits fabriziert, nur damit der eigene Name irgendwo in Geschichtsbüchern auftaucht. Man wollte Heldenstatus. Held sein. Für möglichst viele Menschen.

So habe ich es erlebt. Ob es so war, weiß ich nicht genau. Ich war noch ein wenig zu klein, um weit blicken zu können. Doch ich hatte das Gefühl, dass man erreichten Ruhm nicht mehr hergeben wollte. Nicht aufs Spiel stzte, um ihn an anderer Stelle zu vergrößern. Heute ist genau das jedenfalls Realität. Ein Status des „Ruhms“ scheint nichts wert, zumindest nicht, wenn irgendwo die Scheinchen winken.

Klar kann man mir nun unterstellen, über 30 Jahre lang mit einer romantischen Traumvorstellung durch das Leben gelaufen zu sein, aber ich dachte fast, dass es nichts schöneres gebe, als irgendwo unsterblich zu sein. Und das diese Unsterblichkeit schützenswert wäre oder zumindest zu einem Suizid im selbigen Sinne führt.

Manuel Neuer, Andreas Möller, Christoph Metzelder; um nur einige Namen zu nennen. Sie alle wussten um die folgen ihres Wechsels. Sie alle wussten, dass sie ihren Status in ihrem Heimatverein verlieren und beim neuen nie mehr so landen können, wie sie es im alten getan haben. Sie alle waren geradzu eine Ikone, festverbunden mit den Erfolgen, die der Verein in ihrer Zeit erreicht hat. Manche sogar als Flaggschiff.

Im aktuellen Fall – die Gerüchte um ein Engagement Raúls bei Bayern als Co-Trainer verdichten sich –  hinkt das natürlich gewaltig. Denn erstens bahnt sich ja eine neue Karriere an, zweitens ist Raúl in einem weiten Teil der Welt eh schon unsterblich, und drittens weiss ich gar nicht, ob ihm so klar ist, welche Auswirkungen diese Entscheidungen auf seinen Ruf in Gelsenkirchen hat.

Und trotzdem schmerzt es gewaltig. Denn gerade er war die Figur, die uns – wenn auch nur manche – für zwei Jahre dieses Haifischbecken so angenehm machten. So fühlbar emotional. Dieses ehrliche Raúl-Lächeln. Diese Tränen. Dieses Zauberspiel. Er war es, der einem alles angenehm und – wie gesungen – Scheißegal machte. Er war Magie. (Mein Beileid an diejenigen, die dies nicht fühlen konnten, und von einem billigen Hype sprechen, es war eine HERRLICHE Zeit.)

Als die ersten Gerüchte aufkamen sendete ich folgenden Satz in die sozialen Netzwerke: „Sollte das mit Raúl und Bayern stimmen, wäre meine letzte Fussballromantikinsel überschwemmt…“ And it feels like. Immernoch.

Muss ich Raúl jetzt doof finden? Muss ich die Zeit ab sofort im Nachhinein nicht mehr als eine der wunderbarsten Geschichten unseres Clubs in der Neuzait ansehen? Darf ich jetzt nicht mehr klatschen, wenn Raúl die Arena betritt? Mich freuen, wenn ich ihn im Fernsehen erspähe?

Ich weiss nicht, wie es sich anfühlen wird, aber ich weiss, wie es sich anfühlen will. Es will mir gleichgültig sein. Es will behalten werden. Alles. Die Sympathie für ihn, die Erinnerung an eine grandiose, kurze Zeit, und immer wieder auch der Glaube an das Gute im Fußballprofi überhaupt.

Weil dieser Fußball ohne letzteres, ohne Identifikation, ohne Mitleid und Freude für den einzelnen Spieler für mich wertlos ist. Mich selbst feiern kann ich auch billiger.

Wann kommt endlich ein verdammtes Boot vorbei?

 

 

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
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