Winteraufbruch

Die Strassen draußen sind Weiß. Die nasskalte Decke dämpft die Lautstärke der Stadt, die man erst jetzt wahrnimmt. Jetzt, wo sie nicht mehr so präsent ist. Sichtbar werden die starren, festen Wege der Masse. Nur vereinzelt sieht man Schuhabdrücke, die über Wiesen oder zu entlegeneren Hauseingängen führen. Die Kälte nimmt man gar nicht mehr so wahr, während einem die Flocken um die Nase tänzeln.

Menschen drängen sich Haltestellen, warten ungeduldig auf verspätete Linienbusse oder Straßenbahnen. Sie unterhalten sich, wo sonst eher Schweigen herrscht. Man könnte meinen, sie suchten Nähe. Wärme. Mittendrin – an einer dieser Haltestellen – stehe ich, auch Wärme suchend, allerdings eher in dem Tee aus meinen Lieblingsbecher. Der silberne, mit dem blau-weißen Emblem. In der anderen Hand halte ich eine weitere Wärmequelle. Mein Smartphone, welches neben den Worten meines Lieblingsmenschen Neuigkeiten meiner Freunde und über meinen Lieblingsverein bereithält.

Während ich bei diversen Twitter- und Facebookmeldungen über Randthemen wie das Dschungelcamp aufpassen muss, nicht plötzlich zwischen all diesen fremden Menschen laut anfangen muss zu lachen („Macht RTL eigentlich demnächst ein Dschungelcamp Promi-Special?“), und die Worte der ersten Kategorie mich nur verzückt-debil grinsen lassen, will mein Verein mich gerade einfach nicht wärmen. Zumindest, wenn gerade keine Raúl-Gerüchte gestreut werden.

Raúl…. Gebt dem Mann einen Fünf-Jahres-Vertrag. Und wenn er nicht mehr als drei Spiele mit mäßiger Leistung macht: Sein Glanz, seine Erscheinung, … Es gibt einfach nichts vergleichbares.  Soll er fünf Spielerentwicklungen und drei Positionen blocken, soll er dem Verein ein Vermögen kosten… Ich will ihn wieder. DAS war Wärme.

Jetzt bekommen wir wohl Raffael. Einen in der Ukraine kickenden Ex-Herthaner, der nicht Champions-League berechtigt ist. Klingt nicht nach Retter. Klingt nach Aktionismus. Doch natürlich gebe ich ihm eine Chance. Wie auch Pukki, Obasi, Marica und all den anderen. Mein Herz steht offen. Allein, der Glaube fehlt. Und das sagt jemand, der sogar noch an Magath und sein Knickbussystem geglaubt, und seine Finger unschuldig in Tee getunkt hat, als ihn – also mich – schon die ersten Leute dafür „entfreundet“ haben…

Am Freitag beginnt der Spielbetrieb, und ich möchte sportlich gar nicht schwarz malen. Ich glaube nach wie vor an die unglaubliche Stärke des körperlich immer weiter zulegenden Julian Draxler, wir haben mit Matip, Benni, Metze und Papa immer noch vier hervorragende Innenverteidiger und auch der Rest des Feldes muss nicht ohne Klasse auskommen. Es ist das Gefüge, welches hinkte. Und ich hoffe, dass die Winterpause nicht nur zum Quad fahren in der Wüste genutzt wurde.

Am Freitag Abend ist das alles egal. Am Freitag Abend ist Fußball. Meine Mannschaft gegen die anderen. Und ich hoffe, am Montag morgen wird es – ob mit oder ohne Schnee – an der Bushaltestelle nullvierfach warm. Mit Tee, 1000 Volt, meinen Freunden und dem S04.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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