Liebe Innenminister, liebe DFL, lieber DFB!

Ich bin 47 Jahre alt, Schalke-Fan aus tiefstem Herzen, berufstätige Mutter. Ich sehe nicht mal von weitem ohne Brille wie ein Hooligan aus. Ich nehme meinen jetzt elfjährigen Sohn schon seit Jahren mit in die Stadien dieser Republik. Wir hatten noch nie Ärger mit gegnerischen Fans. Ich bin nicht auf Randale aus. Ich prügele mich nie. Ich bin gegen Pyrotechnik, weil mir das schlicht zu gefährlich ist im Gedränge. Ich weiß, dass es in jedem Verein gewaltbereite Idioten gibt, die sich auch Fans nennen. Aber ich weiß auch, dass das in jedem Verein eine winzige Minderheit ist, deren Existenz aber von Ihnen immer gern zu Wahlkampfzwecken maßlos aufgebauscht wird.Wir waren beim Derby in dieser Saison. Wie über 80 000 andere Fans beider Seiten auch. Wir haben ein schönes Spiel gesehen, wir haben gewonnen. Wir sind ohne Probleme hin und zurück gelangt. Wir haben keine Schlägerei gesehen. Und doch müssen wir, wenn wir den Pressemitteilungen der Polizei glauben, in einer Art Bürgerkrieg gewesen sein. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, gab es um die 180 Festnahmen, aber nur eine Handvoll Strafanzeigen. Wie kann das sein? Diese immense Diskrepanz zwischen Öffentlichkeitsarbeit der Polizei und der Realität?

Die Gewalttaten rund um Fußballspiele sind – laut Statistik, die ich nicht gefälscht habe – zurückgegangen. Welchen Grund gibt es also für Sie, plötzlich soviel Panik zu verbreiten? Warum wird das alles plötzlich so in den Fokus gerückt? Ach ja, es sind bald Wahlen. Will man uns davon ablenken, dass zunehmende Gewalt gar kein reines Fußballproblem ist? Dass es immense gesellschaftliche Probleme gibt, die niemand anpacken will, weil es kein Rezept gibt, das wirklich vielversprechend ist?

Wir hatten noch nie Angst beim Fußball. Wir wissen, wo man vorsichtig sein muss. Zum Derby nach Lüdenscheid-Nord oder etwa zum Auswärtsspiel nach Frankfurt oder Köln (bis zur letzten Saison ) nehme ich mein Kind nicht mit. Das ist mir zu heikel. Passiert ist uns aber auch dort noch nie etwas. Trotzdem bin ich lieber vorsichtig, wie die weitaus meisten anderen Fußballfans auch.

Aber ich habe bei zahlreichen Auswärtsspielen meiner Schalker schon oft Bekanntschaft mit unausgegorenen, miserabel umgesetzten Polizeikonzepten gemacht. Da werden – wie in Lüdenscheid-Nord seit Jahren beklagt – Fanströme nicht getrennt. Da werden Familien durch ein Spalier gewaltbereiter Gegenfans geleitet, müssen sich mit Steinen, Flaschen und mehr bewerfen lassen, ohne eine Chance, auszuweichen oder einen anderen Weg zu gehen. Die Polizei steht daneben und tut nichts, setzt sogar noch Pfefferspray gegen Schalker ein, die sich wehren wollen. Damit das klar ist: Schalker sind auch nicht alle Engel – das soll auch nur ein Beispiel von vielen sein. Ich könnte die Liste solcher Erlebnisse – wie viele meiner Freunde ebenso – unendlich verlängern.

Warum wird nicht erst einmal an den katastrophalen Einsatzkonzepten der Polizei gearbeitet? Haben da die Innenminister nicht eine große Verantwortung? Warum kann man nicht vorhandene Regelungen umsetzen, bevor wieder einmal am falschen Ende mit populistischem Aktionismus reagiert wird?

Wie gesagt, ich bin weiß Gott kein Hooligan. Wieso werde ich dann bei Auswärtsspielen oft so behandelt? Warum muss ich mich wie eine Schwerverbrecherin fühlen, wenn ich Fußball sehen will? Warum werde ich behandelt wie der letzte Dreck – und nicht wie ein Gast? Warum werde ich von Polizeibeamten als Feindin angesehen – und auch entsprechend aggressiv behandelt? Warum werden wir – wie bei einem Auswärtsspiel in Freiburg – direkt vom Bus aus in den eingezäunten Gästebereich gepfercht, ohne Möglichkeit, diese schöne Stadt im Breisgau zu besichtigen, und nach dem Abpfiff umgehend wie ein Gefangenentransport über eine weite Strecke auf der Autobahn mit Blaulicht begleitet? Warum?
Von den von Ihnen geforderten drastischen Maßnahmen wird kein wirklich gewaltbereiter Mensch sich beeindrucken lassen. Aber wir normalen Fußballfans fühlen uns diffamiert, diskriminiert und in unserer Freiheit beschnitten.

Niemand braucht dieses Sicherheitspapier. Pyrotechnik ist bereits verboten in den Stadien – das bleibt hoffentlich auch so. Ganzkörperkontrollen kann ich bei konkretem Verdacht, dass Pyrotechnik ins Stadion geschmuggelt wird, sogar verstehen (da können Sprengstoffschnüffelhunde doch sicher helfen). Die sind aber auch heute schon möglich.

Aber warum der normale Fan künftig mit noch schärferen Kontrollen rechnen muss, noch intensiver per Video unter die Lupe genommen werden soll, verstehe ich nicht. Und warum sollen Vereine entscheiden können, dass Gästekartenkontingente drastisch verringert werden? Auch das trifft zu 99 % die normalen Fans. Was soll das bringen?

Ich liebe Fußball. Wir treffen an jedem Spieltag Freunde und Bekannte, unterhalten uns, haben Spaß. Und wir schauen leidenschaftlich gern dieses Spiel an. Wir feuern unsere Mannschaft an. Ich hoffe, dass Sie uns dieses wunderbare Hobby – für das wir Saison für Saison enorme Summen ausgeben nicht verderben. Machen Sie den Fußball nicht kaputt. Denn der Fußball lebt durch Menschen wie uns, die für ihren Verein leben, tausende Kilometer durch die Lande reisen, ihre Liebe zum Fußball leben. Und wir sind keine Verbrecher. Ehrlich nicht.

Angelika Beuter.

Angelika Beuter

Gastautorin

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