Derby Impact

Erst Freitag Nacht kam ich aus dem Urlaub und war eine Woche lang fern jeder Fußballnachricht. Auch vom 4:4 der Nationalmannschaft las ich nur im Vorbeigehen am Zeitungständer beim morgendlichen Brötchenkauf. Erst auf der Rückfahrt bei Hamburg erlaubte ich mir den Spaß, die Schalke-Seite der BILD zu öffnen, beschränkte mich aber auf das Durchlesen der Schlagzeilen.

„ZWEI NATIONALSPIELER FALLEN AUS – BVB ohne Gündogan und Schmelzer“, „EX-DSDS-STAR KLAWS – „Schalke hat keine Chance!“, „ZEHN UM ZEHN – Zehn Kracher-Momente des Ruhrpott-Derbys“, „FUSSBALL-FIEBER IM REVIER – Die Derbys unseres Lebens“, „DORTMUND – SCHALKE – Das Poker-Derby“, „NACH TÖNNIES-KRITIK – Watzke stichelt zurück“, „DORTMUND – SCHALKE – Diese Duelle entscheiden das Derby“, „GEBURTSORTE DER STARS – Ein echter Schalker spielt in Dortmund“, „4 STARS WACKELN – Wer schafft es noch zum Derby?“, „PARTY-FALLE IN RUMÄNIEN? – Schalke-Star wehrt sich im TV“, „SCHOCK FÜR KLOPP – Götze gibt fürs Derby auf“ etc. pp. – Wie froh bin ich, diesen armseligen Scheiß verpasst zu haben.

Mein Derby fand im Armin Nr. 8 in Gelsenkirchen statt. Mit Strom Hagemann an meiner Seite und einer ganzen Horde Idioten, die es sich nicht nehmen ließen, sich lauthals über die Aufstellung Unnerstalls und dem Fehlen von Jones zu beschweren, nur um jede Aktion Unnerstalls wenig später frenetisch zu feiern. Auch Matip, Uchida und – bei seiner Einwechslung – Barnetta waren immer wieder Opfer irgendwelcher dummen Sprüche, gerne auch beim Stand von 2:0. Doch auch diese Idioten konnten mich diesmal nicht davon abhalten, den unglaublichen Mannschaftserfolg zu feiern. Ein wunderbares Spiel mit großartigen Offensivszenen, befreundete Dortmunder, die per SMS-Glückwunsch echte Größe beweisen und ein feiernder Mob in der Gelsenkirchener Innenstadt tragen ihr bestes zur Stimmung bei.

Erst am Bahnhof bekommt diese Stimmung einen großen Knick. Nicht etwa die BxB-Fans, die mit der S-Bahn durch Gelsenkirchen rollen versauen diese, auch nicht die Schalker, die am Bahnsteig mit Gesängen (!) ihrer Stimmung in Richtung der Lüdenscheider Ausdruck verleihen, es ist die Polizei, die ohne jede Not mit Fäusten und Knüppeln auf eine dieser Schalker Gruppen einschlägt. Nennt sich dann wohl präventive Deeskalation, was? Armselige Schläger!

Da wundern einen dann auch die Zahlen der angeblichen Angriffe auf die Polizei und der „resultierenden“ Festnahmen nicht mehr. Dass die Presse dann irgendwelche „Kategorie C“-Honks mit Ultras verwechselt ist ja nun schon Tagesordnung.

Zum Verständnis: Ich will Fangewalt in keiner Weise gut heißen oder schützen, im Gegenteil, ich verachte diese, und ich weiß auch nicht genau, was in Dortmund vorgefallen ist. Was da aber in Gelsenkirchen los war, war eindeutig. Ich für meinen Teil bin sowohl vor als auch nach dem Spiel als Herner vielen Dortmundern begegnet. Von Augenzwinkern vor dem Spiel über freche Blicke bis zum anerkennenden Nicken danach war alles drin. Auf Gewalt, die von Fans ausging, bin ich nicht gestoßen.

Zu den Vorfällen in Dortmund und der angeblich nie dagewesenen Gewaltbereitschaft, die von der Presse angeprangert wird, bleibt mir nur zu sagen, dass ich bis jetzt noch bei jedem Derby massig unsinnige Gewalt gesehen habe, die ich schon immer als verachtenswert empfand. Ist und bleibt überflüssig, und die Leute die mir erzählen wollen, dass Gewalt gegenüber nicht gewaltbereiten Fans zum Derby gehört, sollen sich bitte verpissen. Danke!

Schade, dass einem so die absolute Freude an einem tollen Derbysieg genommen wird.

Andreas

Andreas

Fakten:
Emotionsbeauftragter | Jahrgang '79 | Erster, letzter und einziger Verein als Aktiver: BV Rentfort | Wohnhaft in Bochum | Wurde mal fast von einem Affen tätowiert | Unheilbar Gutmensch | Glaubt nicht an soziale Vernetzung
Andreas

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