Wir bilden dich. KW 41 – Richtig Dichten mit Strom

Viele Leute kommen zu mir und sagen: „Strom, na? Wie ist die Stimmung?!“ Geblendet von meinem außerweltlichen Charakter wagen es meine Fans kaum, sich auf ein Gespräch einzulassen. Dann gehen sie verstohlen weg und murmeln heimlich ihrem Nachbarn zu „Der Strom. Diese Gedichte. Wie hatter das gemacht?“

Chilly Gonzales hat keine bessere Antwort hierzu geliefert, als diese: „I´m not an artist. I just work the hardest.“ Liebe Leser, ich entmystifiziere mich hiermit in aller Öffentlichkeit und gebe zu: Jeder kann Reimen. Nur wenige Regeln gibt es hierbei zu beachten:

1. Dahin gehen, wo es weh tut. Jeder Mensch, jede Stadt, jeder Verein, jeder Kulturkreis hat Schwachstellen. Man muss sie nur finden. Die hohe Gagdichte erwächst außerdem aus einer geilen Punchline, die fett kicken muss. Dabei spielen bestimmte prägnante Begriffe mit hohem Alleinstellungspotential eine wichtige Rolle. Beispiel: Bei mir vor der Haustür gibt es 7 „Bäckereien“ in unmittelbarer Nähe. Die Bezeichnung „Bäckerei“ ist jedoch eine Berufsbezeichnung ausschließlich für diejenigen Menschen, die das Handwerk anständig gelernt haben und bestimmte Zertifikate dafür vorweisen können. Die ganze kommerzielle Pampe, die unsere hässlichen deutschen Innenstädte noch hässlicher machen (Backwerk, Bäcker Peter, Kamps etc.) dürfen sich offiziell nicht Bäckerei nennen. Ich kaufe meine Brötchen aus grünem Gewissen (think local, act global!) bei der Bäckerei Ahlf. Ein Familienbetrieb mit Backstube und mehlbesudelten Händen. Der Bäcker hat mir kürzlich sein Herz ausgeschüttet und machte seinem Ärger Luft mit der größten Beschimpfung, mit der man sogenannten Bäckern entgegentreten kann: „Diese ganzen Buden hier sind Kokolores, Kokolores sind die! Weiße watt die sind? VERTEILERSTATIONEN sind die! Keine Bäckerein!“.  Das geht ins Herz. Schriebe man also ein Gedicht über Bäcker, darf so ein Wort nicht fehlen.

Beispiel:

Der Bäcker backt von 3 bis 10
und in den Tag hinein.
Doch lieber will er früh aufstehen,
als Brotverteiler sein.

2. Die Form bewahren. Die formalen poetischen Gestaltungsmittel kann man zunächst an einer Hand abzählen. Bleiben wir beim Reimschema gibt es mathematisch nur wenige Möglichkeiten. Kreuz-, Paar- und umschlingender Reim. Der Rest ist lyrische Elfenbeinturm-Wichserei. Strom Hagemann versteht sich als Volksdichter, das heißt, er spricht die Sprache des Pöbels. Außerdem kommt ein zweiter Hölderlin oder Gernhardt eh nicht mehr wieder. Erfahrungsgemäß ist der Gag bei einem Kreuzreim höher, da der Reim sozusagen eine ganze Zeile auf sich warten lässt und die Überraschung größer ist, wenn die Endsilbe umso mehr zündet.

Beispiel:

Der Deutsche ist, so sagt man Fan,
von Pur und Ingrid Steeger,
von Poldi, Löw und Spiderman,
doch nicht so sehr vom Neger.

3. Finger weg von unreinen Reimen, die gehören den Rappern! Das ist so authentisch wie Weiße beim Gospel. Bleiben wir außerdem beim Metrum des klassischen vier-hebigen Jambus , der je nach Gag auch mal varrieren kann. Aber hier gilt Stroms Faustregel: Der Witz richtet sich nach der Form! Nicht umgekehrt! Schließlich heißen wir nicht Rummenigge und ehren unseren Kaiser.

Falsches Beispiel:

Zum Rafael sagt der Hallenwart:
„In der Halle, nur mit Noppen!
Haben sie mich verstanden, Herr van der Vaart?“
„Ja, ich hab sie verstanden. Ich hab sie leider vergessen. Dann geh ich nach Hause meine Angetraute poppen.“

 4. Alles kann, nichts muss. Tabus sind dafür da, kulturelle Konventionen abzustecken. Die noch junge Erfindung der „Politischen Korrektheit“ tut nichts anderes, als durch künstliche Begriffe die Probleme zu umgehen, die in der Gesellschaft noch immer nicht gelöst wurden. Also: Behinderte, Ausländer, Frauen, Inszest, Vatermord, Veganer sind in der Dichtkunst ebenso Zielscheibe wie Nazis, Bänker, Bonzen und Holländer. Es ist alles eine Frage des Stils.

Und? War doch gar nicht so schwer!? Zeigt uns, ob der Hagemann Workshop gefruchtet hat uns sendet uns Eure Derbygedichte zu! Das Beste Gedicht bekommt als Belohung eine Kiste Sprudel und wird einmal sehr gefühlvoll über den Hinterkopf gestreichelt.

Strom Hagemann

Strom Hagemann

Poesiebeauftragter a.D. und Gründungsmitglied
Strom Hagemann