Die Hupe

Die Hupe ist ein Gerät zur Erzeugung von Schallzeichen. Sie wird je nach Bauweise entweder mit elektrischer Energie oder Druckluft betrieben.
So weit die Kurzdefinition eines Gegenstands, der in Zeiten von Spieltagen hochrangig emotionalisierter Sportturniere meistens gegen 22.34 Uhr MEZ ins Zentrum städtischer Bewohnergehörgänge rückt. Gut, kreisen wir die Sportturniere auf Fußballspiele ein, denn die potentielle Goldmedaille einer bulgarischen Diskuswerferin bei der Leichtathletikeuropameisterschaft wird kaum wahrnehmbares Getöse hervorrufen, genau so wenig wie ein deutscher Sieg im 50-Meter-Freistil bei den olympischen Schwimmwettkämpfen oder ein Vorrundensieg von, sagen wir, Norwegen bei einem 8-Nationen-Volleyballturnier.
Die Hupe gehört zum Fußball dazu. Da, jetzt hupen sie wieder, nehmen wir nach den Spielen war. Es geht doch niemand mehr ans Fenster dafür, um zu schauen, was ist denn da los. Man weiß es sofort. Sie hupen, klar, die Portugiesen, die Spanier, die Russen auch, die Kroaten, soeben die Italiener. Wenn es an Tagen ohne irgendein bekanntes Fußballspiel mit deutscher Beteiligung draußen in Kolonne hupt, dann heißt es auf fragende Blicke im Ruhrgebiet sogleich „türkische Hochzeit“. Man zuckt die Achseln. Geht doch keiner mehr ans Fenster. Wenn es hoch kommt, sagt einer, der Bescheid weiß, „Pokal“. Hat wohl Galatasaray gewonnen, oder Fener.
Sie hupen. Korso, oder Corso, was weiß ich, den gibt es ja gar nicht mehr wirklich. Es sind einzelne Fahrzeuge, die durch die Stadtteile rasen, sich auch im Gegenverkehr begegnend, Fenster auf, 11 Leute drin im PKW, drei davon oben aus dem Dach raus ihre Fläggchen in den bleiernen Fahrtwind reckend, dazu Gegröl. Sie freuen sich. Das ist schön, Freude. Doch wem teilen sie das mit?
Sie freuen sich halt, die Italiener heute, vorher mal die Portugiesen, Spanier, Russen und wen es halt so gibt in deutschen Städten. Und das ist das eigentliche Phänomen: Es freut sich gar keiner mit, obwohl doch so wild und eindrücklich der eigene Siegesstolz bezeugt wird und geteilt werden möchte. Wer’s hört, denkt nur, ach, die Italiener, klar. Oder die, oder die. Ja, es leben eben viele Leute aus dem und dem Land hier, in der einen Stadt mehr von diesen, in der anderen mehr von jenen. Herbeigelebte, Verdiensteroberer, Familiennachgezogene, lang schon Deutschpasseigner. Nur die Omma wohnt noch in Krszyczfglik, da unten. Und das wird jedesmal bewusst, wenn es draußen hupt: Wie viele Menschen anderer Herkunft oder manchmal nur noch Verwandtschaft in der gleichen Stadt leben. Ja, drüben in Linde, Buchholz, Birkhausen… (willkürlich erfundene Stadtteilnamen, da im Ruhrgebiet so viele Bezirke Baumbezeichnungen haben, schon mal aufgefallen?)… da sind doch viele von denen, heißt es dann. Es wird einem bewusst. Die endlose Zahl von Pizzerien, Restaurantes, Osterien, die große Zahl von Menschen, die seit dem dortigen Krieg aus den ehemaligen jugoslawischen Ländern hier leben, und die wir doch alle kennen, Kontakte haben, die so genannten Russland-Deutschen, die Spanische Gemeinde, das Viertel mit den portugiesischen Restaurants… ach, und die Polen, was haben sie gehupt, als sie noch meinten, sie hätten was zu hupen.
Ich gehe nicht mehr groß ans Fenster. Ich weiß Bescheid. Multikulturelle Gesellschaft heißt das Ding, längst gang und gäbe, längst Realität, längst integriert. Wenn’s hupt, werde ich d’ran erinnert. Und es gefällt mir! Und lässt mich gleichzeitig seltsam kalt. Ein merkwürdig‘ Nebeneinander ist das, in deutschen Städten.

Ergänzung: „In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist bei Kraftfahrzeugen ab einem Kraftrad von 50 cm³ eine Hupe generell Vorschrift, um bei Gefahr und beim Überholen außerhalb geschlossener Ortschaften ein Schallzeichen damit abgeben zu können. In Deutschland regelt dies § 55 der StVZO. Die Lautstärke der Hupe darf in sieben Metern Entfernung den Wert von 105 dB(A) nicht übersteigen. Zudem ist in Deutschland eine Folge von Klängen untersagt, außer bei Sondersignalen wie beispielsweise dem Martinshorn der Feuerwehr oder Polizei.“

André

André

Fakten:
Zwischentonbeauftragter des Web 0.4 | Jahrgang erster Bühnenauftritt der Stones | Erster Verein: Rot-und-blau, W-S-V, und als Aktiver: königsblauer Delbrücker Spochtclub | WohnHAFT in Dortmund | Würde niemals in Lüdenscheid wohnen wollen | Hat das Consol Theater in Gelsen-kirchen mitgegründet, direkt neben dem Logo des Web 0.4 | unvergessliche Paraderolle: der blinde Trainer Otze Hirschregen
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